Tatort Gesundheitswesen

Der Wind braust heftig…

 

 

In Deutschland ist die Serie Tatort eine feste Institution, wenn man den Einschaltquoten Glauben schenken darf. Auch wenn die Plots immer öfter geradezu an den Haaren herbeigezogen sind, scheint sich dieses Sontagsabendsvergnügen auch nach vierzig Jahren Laufzeit noch immer einer grossen Zahl von Zuschauern zu erfreuen.

Montags sind dann jeweils in einigen Zeitungen Besprechungen zu finden und wie ich hörte, wird wohl auch an manchem Arbeitsplatz die Folge vom Vorabend thematisiert. Eine von vielen verfügbaren Vergnügungen für den deutschen Fernsehzuschauer.
Diese Funktion hat der Tatort für etliche Expats, die in der Welt verstreut leben und arbeiten. Da in vielen Ländern – besonders der sogenannten Dritten Welt – der direkte Empfang aus ganz unterschiedlichen Gründen (langsame Internetverbindung, Zeitverschiebung etc.)  nicht möglich ist, machen oft auf DVDs gebrannte Ausgaben die Runde in den Communities, werden dort ausgetauscht oder man trifft sich zum gemeinsamen Anschauen einer Folge. Kommt jemand aus dem Heimaturlaub zurück, wird er oft gefragt, ob er neue Tatorte mitgebracht habe.
Neben dem reinen Vergnügen hat der Tatort für Expats, die oft für mehrere Jahre weit weg von Deutschland irgendwo leben aber auch eine Funktion, die man sich in Deutschland wahrscheinlich kaum bewusst macht.
Wer nur einmal im Jahr zum Heimaturlaub nach Deutschland kommt, wundert sich meist über viele kleine Vorgänge oder Dinge,  die sich seit dem vergangenen Jahr verändert haben. Da hat sich ein behördlicher Verwaltungsakt geändert, der Müll muss anders getrennt werden, „man“ kauft jetzt dies und lässt jenes – eine Menge kleiner Veränderungen oder alltäglicher Verrichtungen, die man mehr oder weniger hinnimmt und in seinen privaten oder geschäftlichen Alltag integriert, während der Expat über vieles davon staunt, denn es passiert eine ganze Menge in einem schnelllebigen Land wie Deutschland. Und ein klitzekleiner Kulturschock sind manche dieser Neuerungen überdies.
Da wird der Tatort geradezu zu einem landeskundlichen Medium hinter dem der Plot des Krimis manchmal in den Hintergrund treten kann.
Ich habe heute einen Berliner Tatort gesehen. Tatorte sind ja mittlerweile zu einer Allgemeinbildungsinstitution geworden, in der neben dem eigentlichen Krimi Volksbildung zu aktuellen Phönomenen betrieben wird.
In dem, den ich heute sah, ging es um falsche Ärtzeabrechnungen, hohe Medikamentenpreise, ja und Tote gab es natürlich auch. Nebenbei wurden die Schwächen des Gesundheitssystems vermittelt.
Ich war hier letzte Woche auch beim Arzt und da ergab sich diese Gedankenbrücke zwischen dem Hier und dem Dort.
Ausser in Deutschland sind, soweit mir dies bekannt ist, fast alle Menschen weltweit Privatpatienten. Die es sich leisten können, haben eine meist recht billige Krankenversicherung. Ärmere Menschen, die sich eine Krankenversicherung trotz allem nicht leisten können oder wollen, können im Krankheitsfall in den meisten Ländern staatliche Einrichtungen aufsuchen. Oder sie kennen einen Arzt, der sie billiger behandelt.
Ich zahlte z.B. in Lateinamerika so um die 25US$ für eine Sitzung mit gediegener Anamnese und entsprechend solider Diagnose.
Anschliessend gabs ein Rezept, das ausserdem die genaue Dosierung und die Einnahmezeit(en) enthielt. Sollte man z.B. 1 Woche je eine Tablette pro Tag nehmen, so standen auf dem Rezept entsprechend sieben Tabletten.
Auf dem Heimweg gings in die Apotheke, wo man Tabletten jeweils einzeln bekam; man bezahlte den meist geringen Preis und machte sich dann auf nach Hause und zur Gesundung. Bei Gelegenheit schickt man die Rechnungen zur Kasse und bekam dann sein Geld zurück.
Ins Auge stechen vor Ort sofort zwei Aspekte: die Einrichtungen der Arztpraxen und die Preise für Medikamente.
Das Wartezimmer, in ich dem diese Woche wartete, war ein karger Raum mit einigen Stühlen, einem Tischchen mit zwei, drei Zeitschriften (diesen Luxus sieht man selten!) und in der Ecke stand ein kleiner Schreibtisch für die Sprechstundenhilfe mit dem Terminkalender, der nebenbei bemerkt, ziemlich ausgefüllt war. Zwei Bilder hingen an den Wänden.
Das Sprechzimmer war ebenso einfach eingerichtet: Ein Schreibtisch, zwei Stühle, Behandlungsliege und ein Schränkchen mit Instrumenten. Ein Spartaner hätte das wahrscheinlich als sehr spartanisch bezeichnet.
Anfangs, also vor Jahren, als ich nur deutsche Arztpraxen gewohnt war, war ich beim Betreten solcher Arztpraxen weit weg ziemlich verunsichert, ob ich in meiner Angelegenheit hier überhaupt richtig sei. Inzwischen hat sich das natürlich ins Gegenteil verkehrt.
Nach Behandlungen bei Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen habe ich gelernt, dass die meisten ohnehin in Europa ihre fachärztliche Zusatzausbildung gemacht haben und auch sonst jeweils auf dem neuesten Stand waren. Und zur Gesundung haben sie mir allemal verholfen.
Der angenehme Unterschied bestand darin, dass ich mich wohl gefühlt habe und nie wie eine durchlaufende Patientenummer. Termine waren immer kurzfristig zu haben. Und fast immer war noch ein Schnack drin über dies und jenes.
Zurück zum Tatort.
In Deutschland üben die meisten Ärzte offensichtlich zwei Berufe aus, erstens sind sie Unternehmer und zweitens Arzt – und zwar in dieser Reihenfolge. Bis sie die ersten Krankenscheine einreichen dürfen, müssen erstmal die Designermöbel und die aberwitzigsten Apparaturen angekauft werden. Das muss dann ja erst wieder hereingewirtschaftet werden.
Da haben dann schon drei gescheffelt: Pharmatechnikhersteller, Designmöbelverkäufer und Ärzte. Dann gehts an die Medikamente. Die Medikamentenpreise sind bekannt exorbitant teuer im Vergleich mit anderen Ländern, selbst in Europa. Tja und dann folgen die Krankenkassen mit ihren ständig steigenden Prämien.
Beim Anschauen dieses Tatorts kam mir zum wiederholten Mal die gleiche Frage. Wieso zerschlägt niemand diese Gesundheitsmafia aus Ärtzeverbänden, Zwangsversicherungen und Pharmagangstern?
Deren Argumente, warum das alles so und nicht anders sein kann und muss sind zwar durchaus unterschiedlich, aber am langen Ende ziehen sie doch alle am gleichen Strang.
Und an diesem Strang hängen die Patienten und besonders deren Geldbeutel.
Sie haben uns alle verrückt gemacht mit der Illusion der perfekten Rundumversorgung und nebenbei kam die schleichende Entmündigung im Hinblick auf die eigene Gesundheit durch eine Zwangsversicherung für die grosse Mehrheit der Bevölkerung.
Um sich das genauer anzusehen, wo der Grossteil des Geldes hinfliesst, das die deutschen Zangsversicherten hinblättern müssen, sieht sich am besten nicht nur die Einkommen der Ärzte an, sondern auch die Gehälter der Entscheider bei den Kassen und Verbänden und natürlich in der Pharmaindustrie. Und die Nebenkosten für deren Verbandelungen und Abmachungen selbstredend auch.
Irgendwie erinnert das alles an die finstersten Zeiten des Zunftwesens im 16. Jahrhundert und ist sowas von überholt, dass dieses Gesundheitssystem zur einer bösen Groteske verkommen ist, das selber chronisch erkrankt und am Hinsiechen ist.
Im Tatort haben die Kommissare am Ende den Täter natürlich überführt.
Mir hat einer dieser Gesundheitsleute, mit dem ich mich über diese Themen unterhalten habe kürzlich entgegnet: „Was, Sie waren in „so einem Land“ wirklich bei einem Arzt? Seien Sie froh, dass sie da wieder unbeschadet rausgekommen sind, die haben doch keinen Schimmer dort; da gibts Chirurgen, die mit dem Küchenmesser operieren.“
Wie kann einem solchen Manne noch geholfen werden, der sein Gerede offensichtlich selbst ernst nimmt… die Apotheke in Zaruma (Ecuador) auf dem Foto würde er sicherlich nicht betreten.
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3 Gedanken zu „Tatort Gesundheitswesen

  1. Es scheint der Glaube vorzuherrschen, das man in „so einem Land“ nicht von „richtigen Ärzten“ behandelt werden kann, weil die dort immer noch ihren Pflug mit vorgespannten Rindern über den Acker ziehen. Wo es noch Eingeborene gibt, die mit Lendenschurz rumlaufen, kann es keine Fachmediziner geben, die sind ja alle so rückständig, da bekommt man sicher noch Umschläge aus seltsamen Heilkräutern statt Penicillin.
    Hat man früher auch über den Osten gedacht, inzwischen lassen sich viele ihr Gebiss dort renovieren, denn da ist es noch bezahlbar.
    Wenn der Preis stimmt nimmt man auch in Kauf von Ärzten behandelt zu werden, denen man früher nicht viel zugetraut hat.

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  2. Da muss man nicht bis Lateinamerika. Ich kannte mal einen sehr spezialisierten Mediziner aus einem östlicheren Land als Ostdeutschland ist, der schrieb hier seine Doktorarbeit, ganz offiziell. Und dann wurde ihm gesagt, natürlich bevor er Doktor werden durfte, dass er eigentlich gar kein echter Mediziner sei, da wo er herkäme…
    Er hat sich über die verlorenen Jahre geärgert, ist in die USA weitergezogen und jetzt Doktor.

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