Revolutionstouristen

Wolken ziehen auf…

Am 13. Januar stand ich nachmittags mit meinem damaligen italienischen Nachbarn an der Strasse und wir rauchten und fragten uns, was da wohl los sei.
Gegenüber befindet sich eine kleine Anhöhe und dahinter liegen die gediegeneren Anwesen des Viertels. Von dort hörten wir Lärm; laute Rufe, vereinzelt Schüsse und dröhnendes Krachen und dann stieg schwarzer Rauch auf. Wir wussten zwar, dass die Menschen in Tunesien genug hatten von den Machenschaften einer raffgierigen Familie, die seit Jahren das Land systematisch zum eigenen Vorteil aussaugte. Inzwischen stiegen hier und da weitere Rauchsäulen auf. Wir waren unsicher, denn wir befanden uns gerademal ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt.
Mein Nachbar beschloss, sich in seiner Bude zu verbarrikadieren und abzuwarten als mich ein Anruf erreichte. Ein Bekannter wollte mich mit dem Auto zu sich abholen. Da sei allemal sicherer, als alleine im Zimmer zu sitzen. Ich schnappte in aller Eile meine wichtigsten Siebensachen und wartete. Inzwischen wurde es langsam dunkel. 

Wir trafen uns wie verabredet und als wir an diesem Haus (Foto) vorbeikamen, wurde es gerade gestürmt. Eine wütende Menge vorwiegend jüngerer Menschen verschaffte sich Zutritt. Aus einzelnen Fenstern schlugen Flammen und Gegenstände wurden aus den Fenstern auf die Strasse hinausgeworfen. Eine gespentische Szenerie. Anhalten und fotografieren? Nix wie weiterfahren und kein unkalkulierbares Risiko eingehen war das Motto der Stunde. Wir passierten die Militärkontrolle einige Meter weiter ebenso mühelos wie etliche eilig errichtete Barrikaden auf der Strasse, wo sich mittlerweile eine grosse Menschenmenge auf der Strasse befand.
Später fanden wir heraus, dass nur die Häuser gestürmt worden waren, die sich im „Besitz“ der Familie des Diktators befanden.

Der Rest ist Geschichte. Die Jasmin Revolution hat vieles verändert in Tunesien. Die Menschen sind fast über Nacht viel offener geworden, die Dinge werden beim Namen genannt.
Das Haus ist inzwischen so etwas wie ein Revolutionsmonument geworden. Man kann häufig Menschen davor sehen, die Graffities sind im Sommer entstanden. Ansonsten steht es noch so da wie in jener Januarnacht. Die Menschen in Tunesien sind stolz auf das, was sie erreicht haben und sehen gelassen einer neuen Zukunft entgegen.

Revolutionstouristen ganz anderer Art sind da die Leute, die sich jetzt rechtzeitig positionieren wollen – wer will schon die erhofften neuen Geldquellen an sich vorbeisprudeln sehen. Oder solche, die ihr Image aufpolieren wollen (oder müssen). Die „besichtigen“ z.B. Flüchtlingscamps oder leere Gefängnisse, sprechen dort drei warme Worte, die ihnen irgendein Kofferträger auf dem Flug ins Skript geschrieben hat. Politiker drängen sich auf in Sachen wirtschaftlicher Zusammenarbeit abgeordnet von den grauen Herren irgendwelcher Vorstandsetagen. Die verprassten Reisekosten incl. Spesen zahlen wie gehabt die anderen.

Der NTC in Libyen hat sich derlei Besuche jetzt verbeten bis mindestens eine Interimsregierung steht. Das klingt sehr vernünftig. 
Man stelle sich vor, man hätte gerade alle Kisten in seiner neuen Wohnung abgestellt, holt erstmal tief Luft und freut sich auf ein Bierchen. Man will in aller Ruhe überlegen, wie man jetzt sinnvoll weiterarbeitet. Aber aus dem Treppenhaus drängen sich alle diese Geier in die Wohnung und belästigen einen mit ihrer aufdringlichen Geschäftlhuberei. Nach dem, was man jetzt wirklich braucht, fragt jedenfalls keine dieser Figuren.

Da wünscht man sich ein Schild an der Tür: Laberköppe und Absahner müssen draussen bleiben.
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3 Gedanken zu „Revolutionstouristen

  1. Bei der Überschrift hab ich schon befürchtet, es würde sich um echte Touristen handeln, die aus lauter Sensationslust mal Kriegsschäden begutachten wollen. Wahrscheinlich hat nur noch niemand diese Marktlücke entdeckt.
    Wenn Einheimische sich die zerstörten Paläste der ehemaligen Unterdrücker ansehen wollen, hab ich dafür noch ein gewisses Verständnis.
    Die anderen Revolutionstouristen sind nur noch peinlich, westerwellig geradezu.

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  2. Westerwelle ist im Vergleich zu anderen seiner Liga geradezu harmlos. Richtig unterirdisch wirds, wenn welche kommen, die mit der Sache aufgrund ihres Postens garnichts zu tun haben, um eben mal Präsenz zu zeigen.

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