Gegen den Strich (I)

ein prächtiger Tag war das…

 

…und beschlossen wurde er mit einem Abschiedscocktail im Kreise lieber Nachbarn. Neben netten Plaudereien kam die Sprache auch bedauernd darauf, wie wenig man sich eigentlich in der rasch verflogenen Zeit getroffen habe. Tja, die alltäglichen Verpflichtungen und Verrichtungen. Und dann ist die Uhr halt irgendwann abgelaufen.
 
Aufgefallen ist es mir schon seit Jahren, dass man in Deutschland rechtzeitig, wenn nicht langfristig vorausplanen muss, wenn man sich mit Menschen treffen möchte. Bei Anfragen oder Einladungen spricht dann meist der Terminkalender das letzte Wort.
Mich hat das manchmal enttäuscht, seltener geärgert; aber ein Fragezeichen ist dennoch geblieben: warum ist das so? Ist das eine nationale Eigenart oder eine allgemeine Erscheinung des Zeitgeistes?  
 
Unter dem Titel „Gegen den Strich“ (against the grain) werde in ich loser Folge meine Gedanken, Meinungen und Wahrnehmungen mit einigen kulturwissenschaftlichen Fakten anreichern und Fragen, die mich grundlegend bewegen, auch gegen den Strich, d.h. auf unkonventionelle Weise nachgehen.

Woher also kommt das Problem mit den Terminen und dem allbekannten Zeitdruck?

Eigentlich hatten Menschen schon seit Urzeiten Termine, die mehr oder weniger exakt (pünktlich) eingehalten werden mussten. Sie wurden ursprünglich durch die Natur vorgegeben. Dabei handelte es sich z.B. um die Aussaat, die Ernte oder die Jagd. Leider liegen für diese frühen Zeiten keine Quellenzeugnisse vor, man darf aber davon ausgehen, dass den grossen Rahmen die Jahreszeiten vorgaben und dass es auf einen Tag früher oder später nicht unbedingt angekommen ist. Wenn tatsächlich ein „Termin“ versemmelt worden ist und dadurch unangenehme Folgen eintraten, konnte man die Verantwortung getrost auf die Natur bzw. die Götter schieben, die den Menschen nicht wohlgesonnen gewesen sind.
Das änderte sich anscheinend erst mit einem Denken, indem ganz bestimmte religiöse Daten wichtig wurden. Für den christlichen Kulturkreis bedeutete dies die exakte Bestimmung des Osterfestes ab dem Mittelalter (ca. 500-1450 n.Chr.). Dennoch lebten die Menschen in diesen Zeiten, für das es schon Schriftquellen gibt, im Alltag in einem eher lockeren Zeitrahmen. Das mag man schon daran sehen, dass es noch keine mechanischen Uhren (Räderwerke!) gab, sondern bestenfalls Sonnenuhren.
Wer Sonnenuhren einmal über einen längeren Zeitraum beobachtet, kann feststellen, dass durch die wechselnden Sonnenstände die Stunden unterschiedlich lang sind. Im Sommer sind die Tagstunden länger und die Nachtstunden kürzer und im Winter ist es durch die niedrigeren Sonnenstände umgekehrt. Das passte zur Arbeitszeit und zum Arbeitspensum der überwiegend landwirtschaftlich tätigen Menschen.
Diese Situation änderte sich mit dem Aufkommen der mechanischen (Räderwerk-) Uhren, die anfangs in den Kirchen (später aussen am Turm) oder an Rathäusern hingen und durch ein Schlagwerk die Stunden angaben. Da es noch keine zentrale Zeitorganisation gab, hatte theoretisch jede Stadt ihre eigene Zeit.
Ab Mitte des 14. Jahrhunderts verbreiteten sich diese Uhren in Mitteleuropa sehr schnell, sodass sich schon hundert Jahre später die Uhrmacher als spezialiserter Beruf in Zünften zusammenschlossen.  Zu dieser Zeit wurde auch die erste Taschenuhr von Peter Henlein konzipiert und gebaut.
Soweit die historische Entwicklung der technischen Seite, die sich in den kommenden Jahrhunderten noch weiter beschleunigte.

Warum aber nahm die Entwicklung der Zeitmessung eine derart rasante Entwicklung? Waren doch nach wie vor die meisten Menschen im bäuerlichen Leben verhaftet und an ihren Ort gebunden.
Was faszinierte an der Zeitmessung, wem nutzte sie vorrangig? Was versprach man sich von exakten Zeiten? Gewiss hätte eine sehr exakt gehende Uhr den Seeleuten geholfen bei der Bestimmung der Längengrade, doch dies sollte noch bis 1775 dauern. Bis dahin segelte man in relativer Küstennähe oder überquerte den Atlantik am Äquator oder nutzte für andere Überquerungen Strömungen und Winde aus.
Dennoch lagen die angesteuerten Ziele in einer unsicheren Ferne. In alten Logbüchern wimmelt es von Eintragungen, die davon berichten um wieviele Meilen man sich versegelt hatte, die falschen Häfen angelaufen hatte. Der einzige positive Aspekt waren zufällige Entdeckungen.
Für die Seefahrt hatte eine exakte Zeitbestimmung offensichtlich etwas mit Sicherheit zu tun.
Bietet dieser Wunsch nach Sicherheit vielleicht einen Hinweis dafür, warum auch die Menschen auf dem festen Land sich zunehmend nach Uhren richteten und auf Uhren vertrauten?
Meiner Meinung nach ist es kein Zufall, dass die Verbreitung der Räderwerkuhren in einem zeitlichen Zusammenhang mit dem sogenannten „schwarzen Tod“, d.h. den grossen Pestwellen in Mitteleuropa zusammenhängt. Durch diese einschneidende Erfahrung hat sich offenbar im Bewusstsein der Menschen etwas grundlegend verändert.
Darüber demnächst mehr.

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