Geschichte wehrt sich nicht

Grauer, grauer Himmel – gleichmässig grau…
Normalerweise tauchen solche Ergüsse während des Sommerlochs auf.
Hier aber scheint ein weitgehend unbekannter Politiker aus seinem (geistigen) Winterschlaf aufgeschreckt zu sein.
Mit seinem Kommentar im Handelsblatt sorgt er nun kurzzeitig für Aufsehen. Es bleibt ihm zu wünschen, dass er sich umdreht und rasch wieder einschläft.
Der professionelle Historiker lebt in einem Dilemma per se. Geschichtswissenschaft beschäftigt sich theoretisch und praktisch mit der Rekonstruktion der Vergangenheit. Dabei rekonstruiert der praktisch arbeitende Historiker vergangene Epochen, um sie für gegenwärtige Zeitgenossen sichtbar und verständlich zu machen. Sein Dilemma besteht darin, dass er selbst aber Teil dieser Gegenwart ist und somit das Bewusstsein seiner Zeit teilt. Und dies unabhängig davon, wo sein jeweiliger politischer Standort ist.

Der zur Rede stehende CDU Politiker ist kein Historiker. Er hat sicherlich in der Schule von der Französischen Revolution Kenntnis erhalten und eventuell darüber hinaus in seiner Freizeit die eine oder andere Information zum Thema bekommen, eventuell sogar eine historische Dokumentation im TV gesehen.
Denn der CDU Politiker Heveling beweist mit seinen Äusserungen, dass er offensichtlich weder ein historisches Quellenstudium (Primärquellen) betrieben hat, noch dass er das Thema in seiner Tiefe ausgelotet und verstanden hat, denn er vermischt und verwechselt bereits an der Oberfläche des Thema einiges Grundlegende. 
Die Französische Revolution schrieb erstmals das fest, was wir heute die „Allgemeinen Menschenrechte“ nennen, und zwar auf der Basis von Freiheit (im Geistesleben), Brüderlichkeit (im Wirtschaftsleben) und Gleichheit (im Rechtsleben). 
Eigentum gehört dabei in den Bereich des Wirtschaftslebens, die Freiheit in den Bereich des Geisteslebens. 
Das von ihm beschworene „Geistige Eigentum“ ist bestenfalls der Bankert, mit dem Heveling seine eigene Geisteshaltung offenbart. Und das „(Privat-)Eigentum des Bürgers“ ist ebenfalls keine Leistung der Französischen Revolution, sondern das gab es bereits seit der Antike mit der Gründung von Städten und dem dort entstehenden Stadtbürgertum. 
Dass im Zuge der Französischen Revolution als Folge des Aufstiegs des Bürgertums weiteste Teile der Bevölkerung mit Beginn der Industrialisierung verelendeten, verschweigt er ebenso wie die Verweigerung von Bildung für weite Teile der Bevölkerung.

Politiker sind in der Regel keine Historiker, sondern sie missbrauchen oder zumindest verdrehen sie historische Tatsachen, um ihren eigenen Interessen und deren Argumenten Gewicht zu verleihen. Wem fiele dabei nicht der Spendengraf Lambsdorff mit seinem bei jeder sich bietenden Gelegenheit zitierten Bismarck ein; von den braunen Hunnen mit ihrem verqueren Geschichtsbild ganz zu schweigen.

Sobald Politiker „historisch argumentieren“, ist man generell gut beraten sehr vorsichtig zu sein.

Das kann man am aktuellen Beispiel besonders gut sehen: da werden die Werte „Freiheit, Demokratie, Eigentum“ in einem Zug genannt. Diese Mischung allein zeigt, wes Geistes Kind dieser Mann ist und wie es um sein historisches Wissen bestellt ist.

Wie allen Politikern geht es auch ihm am Ende lediglich um Kontrolle und Macht.

Was ihn offensichtlich aus seinem geistigen Winterschlaf riss, ist die mögliche Verwirklichung der Schlagworte der Französischen Revolution durch das Internet: die Freiheit der Kommunikation, die Brüderlichkeit im Teilen von Informationen und Wissen und die Gleichheit im Zugang dazu. Dass es im Internet wie überall Licht- und Schattenseiten gibt, rechtfertigt die angestrebten umfassenden Kontrollen nicht, dafür haben die Politiker bereits in einem ausreichenden Mass gesorgt.

Und was ihm zu wünschen ist, ist die baldige Erkenntnis, dass das Internet bei sachgerechter Nutzung einen Demokratisierungsschub z.B. in Sachen Bildung bewirken kann, von dem die Zeitgenossen der Französischen Revolution (und der Aufklärung) nicht einmal zu träumen gewagt hätten.
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Ein Gedanke zu „Geschichte wehrt sich nicht

  1. Ach der Heveling, der muss seinen Kopf irgendwo ganz dolle angestoßen haben, danach sprudelten die Worte einfach unkoordiniert aus ihm raus. Man hats ja auch nicht leicht als Politiker heutzutage, diese fiesen Netzaktivisten lauern überall, überprüfen Doktorarbeiten, zerren die Dummbratzen ans Licht, sehr unangenehm das alles. Sogar Revolutionen kann dieses pöse Internetz anfachen, hat man ja bei den Beduinen gesehen wie schnell das geht, da muss man doch was gegen tun. Jedenfalls hier, in der Demokratie, bevor sie hinweggerafft wird.
    Wenn Politiker so richtig frei Schnauze über Dinge reden, von denen sie nichts verstehen, ist das immer sehr entlarvend. Find ich gut 🙂

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