Gegen den Strich (II)

Verschnaufpause – sanfte Bläue, zarteste Wolkenschleier: Kälte…
Der sogenannte „Schwarze Tod“, die Pest war kein singuläres Ereignis, das aus heiterem Himmel über weite Teile Europas kam, sondern es handelte sich um mehrere Wellen, die am ausgehenden Mittelalter über jeweils verschieden grosse Landstriche herzog und die Bevölkerung hinraffte, manche Gegenden wurde fast gänzlich entvölkert. Heutigen Schätzungen zufolge starben dabei ca. 40-50% der damaligen Bevölkerung.
Dass diese Ereignisse eine tiefgreifende Wirkung auf das Denken und Handeln der Überlebenden gehabt hatte, ist selbst uns Heutigen nachvollziehbar. In jenen vergangenen Zeiten waren die Menschen bei allen Unabwägbarkeiten des Daseins eingebettet in eine gewisse Sicherheit, die die Kirche ihnen bot. Als letzte Instanz sorgte man sich um sein Seelenheil, d.h. das Allerwichtigste war, „in den Himmel zu kommen“, also die Erlösung für sich als Individuum zu erlangen und dadurch seine Seele zu retten.
Im Alltäglichen fehlte ein Wissen, das für uns heute selbstverständlich ist. Naturerscheinungen, physikalische Realitäten, chemische Reaktionen und deren jeweilige Auswirkungen blieben noch lange unerforscht. Im Prinzip lebte man vom 11. bis zum 16. Jahrhundert vornehmlich aus dem Wissen, das die arabische Expansion nach Europa mitgebracht hatte. Im Bereich der Medizin behandelten Ärzte noch bis ins 18. Jahrhundert nach dem grundlegenden Lehrbuch Qanun at-Tibb von Ibn Sina (Avicenna)  (980-1037), dass ab dem 12. Jahrhundert in lateinischer Sprache verfügbar war. Zu dieser Zeit wurden auch erstmals die noch vorhandenen Werke Platons oder Aristoteles´ in Europa bekannt.
Vereinfacht gesprochen, war der Durchschnittsmensch des Mittelalters ein Deuter und Entzifferer, der in allen Erscheinungen, mit denen er sich konfrontiert sah, tiefere Bedeutungen sah. Mit jeglicher nicht erklärbaren Erscheinung wurde der Himmel (GOtt) in Verbindung gebracht.
Durch das Massensterben, für das natürlich auch die Kirche den Menschen keine beruhigende Erklärung mehr liefern konnte, trat eine tiefgreifende Erschütterung ein.
Man realisierte erstmals eine Endlichkeit der Lebenszeit. Modern ausgedrückt, kann man das auch als Zeitdruck oder Stress bezeichnen.
Sicher (im bisherigen Sinne) konnte man sich also bestenfalls in einer eventuell sehr kurzen Lebensspanne fühlen.
Zur eigenen Sicherheit und auch zur Selbstversicherung der eigenen Person mit ihrer Biografie wurde der Faktor Zeit immer bedeutender. Die sich rasch verbreitende Institution der Turmuhren geben Hinweise darauf, dass die Kirchenordnung exaktere Zeitpläne erforderte als die bisherigen „unterschiedlich langen Stunden“ der Sonnenuhren. Im Zuge dieser Änderungen ist auch die Änderung des bis dahin angewendeten Julianischen Kalenders zu sehen, der wegen seiner Ungenauigkeit hinsichtlich des Frühlingsvollmonds (Ostern!) im 16. Jahrhundert durch den Gregorianischen Kalender weitgehend ersetzt wurde. Weitgehend deshalb, weil z.B. die Protestantische Kirche nach der durch Luther eingeführten Reformation den Julianischen Kalender bis ins 18. Jahrhundert beibehielt. Das bedeutet für das Gebiet, das wir heute Deutschland nennen, weiterhin unterschiedliche Zeiten.
Kein Wunder also, dass Kaufleute an verlässlichen Zeiten besonders interessiert waren. Mit dem im 13. Jahrhundert aufkommenden Bankenwesen, das sich ab dem 14. Jahrhundert ziemlich rasch europäisierte und ein Kreditwesen fast flächendeckend installierte, wurden Transportdauer, Liefertermine, Zahlungsfristen und Wechselfälligkeiten geldwerte Fakten im entstehenden elaborierten Handelswesen.
An die Stelle des Glaubens an alltägliche Abläufe trat nun nach und nach das Wissen um die Abläufe und Prozesse. Dieses Wissen sollte nun aus Sicherheitsgründen berechenbar werden. Sicherheitsbedürfnisse des Wissens und Handelns verdrängten so die bis dahin geduldig erwartete Sicherheit und Gewissheit des Himmels. Zeit wurde erstmals in Geld berechenbar.
Löste die Pest unter den (Über)Lebenden Migrationsbewegungen aus, so lösten nun der Handel, die Entdeckung (und Eroberung) weiter Teile der bis dahin bekannten Welt und die entstehenden Fachwissenschaften einen bis dahin unbekannten Strom an neuen Strömen aus: Handelsgüter, Geld, Informationen, (natur)wissenschaftliche Erkenntnisse und Wissen. 
Damit wurden die Grundlagen für die Probleme bereitet, die den Globalisierungsgegnern heute besonders am Herzen liegen.  (demnächst mehr).
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2 Gedanken zu „Gegen den Strich (II)

  1. Wie wichtig ist der Faktor Zeit an einem beliebigen Ort unserer Welt? Wie wichtig ist er für den Enzelnen? Unsere Probleme sind um so größer, je abhängiger wir von der Umgebung und den Institutionen sind. Den Sicherheits- / Abhängigkeitsfaktor Kirche hat die Wirtschaft und der Glaube an den Fortschritt abgelöst. Haben wir nicht im 21. Jahrhundert das Glück und das Wissen nicht nur um unsere Umwelt, sondern auch um unseren inneren Horizont?

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  2. @Ellen
    Wie wichtig der Faktor Zeit für jeden Einzelnen ist, kann er hoffentlich für sich selbst bestimmen.
    Wenn ich mich umschaue, haben offenbar nur wenige Menschen das Glück, das Wissen und besonders die Fähigkeit, mit ihren inneren Horizonten und der Umwelt zukunftsträchtig umzugehen.

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