Engel fotografieren verboten

Der Frühling verschnauft…

Der Bundesverband kritischer Fotografen (VkF) beobachtet die Situation in Deutschland schon seit einigen Jahren mit wachsender Besorgnis. Stichwort Persönlichkeitsrecht. Es wird immer schwieriger unter freiem Himmel als Fotograf zu arbeiten. Statt sich auf Motiv und Komposition einer Aufnahme konzentrieren zu können, verbringen mittlerweile nicht nur die Profis sondern auch Heerscharen von Amateuren ihre wertvolle Zeit damit, darauf zu achten, dass sich keine Menschen auf den Fotos befinden. Besonders betroffen sind die Fotografen, die ihre Fotos öffentlich, d.h besonders auch über das Internet präsentieren. Erkennt sich auf einem Foto eine Person, so kann sie ihr „Persönlichkeitsrecht“ geltend machen.
In aller Regel kann das für den betroffenen Fotografen unangenehme Folgen haben: aufwendige Retuschierarbeiten, zeitraubende Änderungen an bestehenden Präsentationen und im schlimmsten Fall entstehende Kosten – wenn nicht Schlimmeres.
Wem fällt bei diesem Thema nicht sofort Thomas W. ein, der uns mit seinen perfekt inszenierten Stadtlandschaften völlig neue Sichtweisen im Bereich der Street-Fotografie eröffnete. Das Oberlandesgericht München II sprach in der letzten Woche das endgültige Urteil in jenem unseligen Fall, der auch über die Grenzen Deutschlands hinaus nicht nur bei Fotografen für Aufregung sorgte. 
W. schien am Ziel angekommen zu sein, als er zu einer Präsentation seiner Arbeiten in die Vorstandsetage eines global agierenden deutschen Konzerns eingeladen wurde. Schon im Vorfeld war bei führenden Auktionshäusern von einem zu erwartenden kräftigen Nachfrageschub nach seinen Fotografien im Hypergrossformat zu hören.
Es passierte bei der neunten Fotografie. Einer der Herren im dunklen Tuch rang unversehens sichtbar nach Luft. Er hatte auf der Fotografie im Format 4,30m x 2,80m nicht nur das extravagante Dessin seiner massgeschneiderten Unterhose an dem winzigen Abfalleimer baumelnd erkannt, sondern zu allem Schrecken auch sich selbst hinter einer Bushaltestelle in Aktion mit Ulla M., einer Praktikantin aus der Kantine des Konzerns. Erstaunlich, man musste schon zweimal ganz genau hinsehen, da die Lokalität im Rauschen eines ziemlich dunklen Teils der Fotografie kaum auszumachen war; aber letztendlich wies das verräterische Textil den Weg.
Thomas W. nach dem Urteil von einem Journalisten gefragt, wie er denn zu der horrenden Schadensersatzforderung stehe: Erst mal abwarten, was von Seiten der Anwälte der Praktikantin noch auf mich zukommt.
Deutschland sieht sich in dieser unerquicklichen Thematik als stolzer Vorreiter zum Schutz des Persönlichkeitsrechts und macht sich mittlerweile bei der Europäischen Kommission für eine Übernahme des deutschen Modells europaweit stark. Das beunruhigt natürlich auch die Nachrichtenagenturen, die mit Fotos aus Kriegsgebieten noch immer gutes Geld verdienen. Der Sprecher der Agentur Reimers: Das ist typisch Deutschland: hier haben die Leute schon vor der Taufe eine Rechtsschutzversicherung für lebenslanges kostenloses Klagen. Wir sehen dem allerdings gelassen entgegen, sollte da wirklich was kommen in der Richtung, dann zeigen wir eben nur noch Fotos mit Leichen, die klagen nicht und verkaufen sich als Bild ohnehin gewinnbringender.
Und rechtzeitig vor Ostern erklangen auch die Stimmen aus dem Vatikan. Spätestens ab 2014 würden für das Fotografieren in Vatikanstadt Zahlungen fällig. Man werde bei der Einreise in die Vatikanstadt eine pauschale Gebühr erheben, um die Gläubigen später nicht bei Andachten und ähnlichen Verrichtungen mit dem klingelnden Beutel zu stören, falls enthusiasmierte Mitbrüder während der Messen oder Ansprachen, besonders aber bei Segnungen unversehens fotografieren sollten. Ab 1.1.2013 soll jedoch schon das Hierarchiegebot gelten. Dadurch dürfen dann von Heiligenbildern in Gotteshäusern bis hin zu Engeln, Erzengeln, etc. keine Fotografien mehr gemacht werden.
In Lummerland (und vielen anderen Ländern) geht es in Sachen Street-Fotografie zum Glück noch realistischer zu. Dort darf man noch nach Lust, Laune und Kreativität fotografieren – ob Menschen oder Engel (Foto) und diese auch zeigen. Und oft kommt man dabei auch mit Menschen ins Gespräch.
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4 Gedanken zu „Engel fotografieren verboten

  1. So großartige Bilder wie im letzten Beitrag wären dann nicht mehr möglich, oder sie verschwinden in der privaten Schublade, was sehr schade wäre. Ich habe auch oft Hemmungen in meinem Blog Menschen zu zeigen, dabei sind die eines meiner liebsten Motive, ein Grund warum mich Veranstaltungen wie z.B. der Christopher Street Day reizen – die bunte Meute lässt sich gerne fotografieren. Auf Festivals oder im Stadion versuche ich schon eher Gesichtsaufnahmen zu vermeiden, oder ich mache sie unkenntlich. Es gibt hier einfach zu viele Menschen mit Rechtsschutzversicherung *g*

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  2. Ich habe da keine Ahnung, weil ich mir irgendwann mal vorgenommen habe, nicht allzuviel Zeit mit deutschen Irrwitzen zu vertun. Ich habe natürlich auch diese Zettel mit der „Einverständniserklärung“, die ja mittlerweile jeder deutsche Fotograf wahrscheinlich eher dabei hat als eine Graukarte – aber ich spüre das an der jeweiligen Situation ab. Im Ausland hatte ich bisher noch keine ernsthaften Probleme. In Tunesien habe ich halt die dortigen Grundregeln beachtet.

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  3. Bei Straßenszenen oder Veranstaltungen versuche ich ohnehin, möglichst keine Gesichter in der Nahaufnahme zu haben, jedenfalls wenn ich das Bild ins Netz stelle. Ausnahmen sind solche Dinge wie WM Fanfest, Technoparade, CSD etc, da springen einem die Leute freiwillig vors Objektiv.
    Problematischer ist es, wenn man absichtlich bestimmte Personen fotografiert, weil sie interessante Gesichter haben, irgend etwas interessantes anstellen, oder fotogene Typen sind, wie der ruhende Herr im letzten Beitrag. Auf Festivals lauf ich deswegen gerne mit Tele rum. Ich hab auf der Altonale mal so einen kleinen schwarzen Krauskopf gesehen, höchstens 6 Jahre alt, der saß ganz alleine und gedankenverloren auf der großen Schaufel des Museumsbaggers und war mit seinem Eis am Stiel beschäftigt, das sind Hammeraufnahmen geworden, aber so etwas kann ich schlecht veröffentlichen, blöd nur dass ich den Eltern nie die Bilder zukommen lassen kann.

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