In den Schluchten des Balkan

Ein Blick zum Himmel. Grau – Blau 70:30…

 

Gestern Abend war ich mit Frau Waas zu einem Filmabend eingeladen. „Im Land, wo Blut und Honig fliessen“ von Angelina Jolie. Der Film thematisiert Vorkommnisse während des Bosnienkrieges (1992-1995). Für mein Denk- und Empfindungskostüm ein Machwerk, auf das ich gut hätte verzichten können. Ich brauche keine zig-mal wiederholten Gewaltdarstellungen (in Nahaufnahme) und bluttriefende Gräuel, um Kriege und die dahinterstehenden Interessen und ihre Antreiber abscheulich zu finden. Ausserdem gibt es andere Filme von hiesigen Regisseuren, die an diesen Themen näher dran waren und sind als eine US-amerikanische Schauspielerin. Diese Filme interessieren mich mehr und wir werden sie uns in Kürze ansehen.
Balkan? Das Aussprechen dieses Wortes löst bei einem durchschnittlich gebildeten Mitteleuropäer spontan eine Kette von Bildern, Vorstellungen und Urteilen aus. Dabei ist der Balkan (lat. haemus) oder besser, das Balkangebirge, lediglich ein ca. 600km langes Gebirge, das eine natürliche Grenze zwischen Bulgarien und dem heutigen Serbien bildet.
 
„Der Balkan“ als Begriff ist eigentlich eine west- und mitteleuropäische Erfindung. Diese These stammt von der Geschichtsprofessorin Maria Todorova, die sie in ihrem aufschlussreichen Werk ausführt und detail- und kenntnisreich belegt.
Am Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert wurde in Reiseberichten immer häufiger die bis dahin vornehmlich verwendete Bezeichung Haemus durch den Begriff Balkan ersetzt. Darüberhinaus wurden im 20. Jahrhundert mit dem Balkan Werte wie halbzivilisiert oder unterentwickelt gleichgesetzt. Die Schüsse des Gavrilo Princip, die zum Auslöser des Ersten Weltkrieges wurden, fügten den Pauschalurteilen noch das Attribut terroristisch hinzu.
Was Südosteuropa für den Rest des Kontinents so kompliziert machte, war seine Vielfältigkeit in kultureller, ethnischer und religiöser Hinsicht. Besonders schwierig war dabei offensichtlich die Komplexität dieser Verhältnisse zu verstehen. Dabei stach ins Auge, dass während der jahrhundertelangen ottomanischen Besetzung die Menschen verschiedener Religionen offensichtlich mehr oder weniger harmonisch miteinander lebten. Dies widersprach den Realitäten der inzwischen weitgehend vereinheitlichten europäischen Nationalstaaten. Die eigenen Schwierigkeiten und Fehler liessen sich so unter dem Begriff „Balkan“ gut nach aussen projizieren.
Insofern sollte man mit dem Begriff „Balkan“ sehr vorsichtig umgehen, er entlarvt eher das eigene Denken und die eigenen (Vor-)Urteile, als er zum Verständnis der Sache beiträgt.
 
Mein herzlicher Dank geht an Otto für den Hinweis und das Gespräch!
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4 Gedanken zu „In den Schluchten des Balkan

  1. Der Joliefilm hat hier recht gute Kritiken bekommen, ich find es auch nicht verkehrt wenn Hollywood (bzw. die Umgebung) so etwas thematisiert um es der eigenen Bevölkerung näher zu bringen. Die wahrscheinlich wichtigeren Filme, die näher am Thema dran sind, werden hier nämlich nicht gesehen, denn Jolie läuft im Kino, die anderen eher um 1 Uhr in der Nacht bei der ARD.

    Bei Balkan fallen mir als durchschnittlich gebildetem Mitteleuropäer spontan viele Dinge ein, Balkangrill, Balkanteller und Balkanröllchen (Tschie-Wapp-Tschietschie) oder Kara Ben Nemsi Effendi, der ja durch die Schluchten des Balkan ritt. Heute kommt noch der Balkansound dazu, den ich ganz toll finde, obwohl das meiste davon wahrscheinlich auch nicht viel mit dem Balkan zu tun hat. Sehr viel mehr weiß ich vom Balkan nicht, ich würds auf der Karte wohl finden.

    An was ich mich aber erinnere ist die Prophezeiung eines jugoslawischen Bekannten vor etwa 40 Jahren, der damals schon gesagt hat, dass es gewaltig knallen wird wenn Tito in die Kiste springt, was sich dann leider bewahrheitet hat. Das Ausmaß der Gräuel hat mich völlig geschockt, weil ich die Menschen da unten als äußerst liebenswert und gastfreundlich in Erinnerung hatte.

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  2. Bis nach Montenegro werde ich wohl nicht so schnell kommen. Das Wort Balkan erinnert mich aber an die letzte Buchmesse, an all meine neuen Bücher aus Südosteuropa und ich freue mich auf den Sommer, in dem ich drei Wochen irgendwo in der Maramures und der Bukowina verbringen werde. Oder in Moldau oder Odessa. Egal. Es sind Gegenden, die mich schon vor 30 Jahren fasziniert haben, wegen ihrer Vielfältigkeit in kultureller, religiöser und ethnischer Hinsicht.

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  3. Der Film von Jolie bringt der eigenen Bevölkerung das bei, was die überwiegenende Anzahl von us-amerikanischen auch tut: schwarz+weiss, gut+böse, wir+die anderen in einer schluckgerechten Form zu zeigen. Dass dabei Differenzierungen, Feinheiten oder gar Denkanstösse (Schluckbeschwerden!) erst garnicht intendiert sind, ist natürlich Teil des Programms.

    Zum Balkan sind mir ähnliche Dinge eingefallen wie dir; die Todorova würde wohl sagen: die Bilder gleichen sich 😉

    Zum Zusammenbruch und was danach folgte, muss ich erst noch einiges genauer verstehen, dann werde ich auch dazu etwas schreiben.

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