Süsser die Glocken, sie klingen

Der Strand ruft…
Auf der Suche nach montenegrinischen Märchen bin ich bei meiner Suche im Internet über die Zehn montenegrinischen Gebote gestolpert. (Wer mir mitteilen kann, woher diese offensichtlich satirische Form stammt, ist meines Dankes gewiss).
Heute ist Sonntag und nebenan im Park läutet der bärtige Pope in Schwarz das Glöcklein. Das weckt geradezu nostalgische Gefühle. Das dürre Seil verläuft aussen an der Kirchenwand und wenn unten hurtig gezogen wird, bimmelts oben lautstark hell himmelwärts – eine schöne Metapher für himmlische Kommunikation. Bei diesem heiligen Glockenklang wars von den Zehn Geboten, der „Pflicht eines Christenmenschen“ und der Heiligkeit zu klaren, sonntäglichen Gedanken nicht mehr weit. Denn siehe!, alles ist wohl bereitet.
Park und Kirchlein, nebenbei bemerkt, gehörten dem Kralje Nikola selig, dem ehemaligen, dem einzigen und auch letzten König von Montenegrino. Der hatte in diesem überschaubar kleinen Park mit den schiefen Bäumen neben dem kleinen Kirchlein auch eines seiner über das Land verteilten Schlösschen. Montenegro ist ein kleines Land.
Sucht man heute Erleuchtung für die eigenen dunklen Flecken mangelnden Wissens im Internet, landet man fast zwangsläufig früher oder später im Flachwissensgedärm von Wikipedia. Dort wird Hans Luther, der Vater von Martin Luther, als „Bauer, Bergmann, Mineneigner und spätere[r] Ratsherr“ beschrieben. Einen Absatz später und nach dem Umzug von Eisleben nach Mansfeld erfahren wir, dass der Vater in Mansfeld „als Hüttenmeister im Kupferschieferbergbau bescheidenen Wohlstand erwarb“. Daneben ist ein Portrait der Eltern Luthers von Lucas Cranach d.Ä. zu sehen, auf denen Vater Luther in einem breiten Pelzkragen dargestellt wird. Ein anderes, weitaus bekannteres Portrait Cranachs gibt es von Sohn Martin Luther selbst, ebenfalls im Pelz natürlich, das der reiferen Jugend im Westen Deutschlands ebenso bekannt sein dürfte wie den mit offenen Händen Empfangenden am 11. November des 1989er Jahres: einen blauen 100 D-Mark Schein als Begrüssungsgeld gabs da nämlich.
Allein die verschiedenen undifferenziert und vor allem unkommentiert genannten Berufe des Vaters sollten schon stutzig machen und schleunigst zum eigenen Denken anregen. Selbst denken ist allemals förderlicher als fremdes zu glauben. Die Portraits im Pelz erfordern allerdings schon einiges (kultur-)geschichtliche Wissen. Im 16. Jahrhundert durften Menschen im Pelz nur dann abgebildet werden, wenn sie eine bestimmte (höhere) Stufe auf der sozialen Leiter der Gesellschaft einnahmen, sprich: es musste ordentlich klingeln im Beutel. Hans Holbeins berühmtes Gemälde vom Kaufmann Gisze (1532) ist ein schönes Beispiel dafür.
Was in diesem Zusammenhang in Wikipedia allerdings fehlt (siehe! nicht alle Artikel in Wikipedia sind wohlbereitet!), wie meist übrigens, wenns interessant wird, ist, dass Luthers Vater als schwerreicher Besitzer („bescheidener Wohlstand!) mehrerer Kupferminen nebenbei auch über die „Höhere Gerichtsbarkeit“ verfügte. Im Klartext bedeutet das, dass er rechtsprechend Urteile bis hin zur Todesstrafe fällen konnte. Aus dem „Bauer und Bergmann“ war ein mächtiger Mann geworden.
Diese wundersame Wandlungsfähigkeit scheint der Sohn Martin geerbt zu haben. Vom Bettelmönch der Augustiner und Anwalt der Bauern zum hochberühmten Erfinder einer Religionsform und Tischpartner der Mächtigen hats der tüchtige Martinus gebracht und am Ende die Bauern mit ihren berechtigten Forderungen verraten. Querdenker gabs schon immer, aber zu Luthers Zeiten endete ihre meist kruzfristige Berühmtheit schnell auf einem Scheiterhaufen. Luther dagegen wurde in Worms sogar vom Kaiser empfangen. Der Rest ist landläufig bekannt: er legte die Grundform, in die all das heutige protestantisch geprägte Schaffen&Raffen mündet und er selbst endete auf einem seinerzeit weltweit begehrten Geldschein. Dagegen scheint das katholisch lebensfrohe Sündigen&Beichten geradezu harmlos.
Mag der Schwarze Tod, die grosse Pest des 15. Jahrunhderts, für die damaligen Menschen die göttliche Strafe schlechthin gewesen sein; so hat für mich Luther das ganze ein Jahrhundert später noch getoppt: Bürgertum und Kapitalismus heutiger Prägung sind ohne seine geistigen Vorgaben kaum denkbar.
Und auch wenn sie wüssten, dass die Welt morgen untergehen würde, würden die 500 Oligarchen weltweit, die heute bereits 2/3 des gesamten Weltvermögens besitzen, noch ein gewinnbringendes Investment pflanzen.
Wie sagte doch Llyod Blankfein, der Chef von Goldman Sucks so wahr: Ich bin ein Banker, der Gottes Werk verrichtet.
Amen!
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4 Gedanken zu „Süsser die Glocken, sie klingen

  1. Moment mal. Luther hat nicht gesagt, die Ansprüche der Bauern wären unberechtigt. Er hat die Art und Weise, brandschatzend durch die Lande zu ziehen, angeprangert, und auch die Behauptung, sie würden ihre Forderungen aus dem Evangelium beziehen.
    Und Luther wurde vielleicht „vom Kaiser empfangen“ in Worms (auch das ist etwas geschönt, er wurde vom Reichstag gehört, der formell dem Kaiser nicht unterstand), aber ebendort auch mit der Reichsacht belegt – und wenn nicht sein Landesherr aus unerfindlichen Stücken an ihm Gefallen gefunden hätte, dann wäre Luther nicht mal eines Scheiterhaufens würdig gewesen, sondern irgendwo mit durchschnittener Kehle aufgefunden worden. Übrigens drei Jahre vor den Bauernkriegen.
    Da muß man der Wahrheit schon mal die Ehre geben, auch wenns nicht in eine Ideologie paßt (ich hab das alles doch schon mal in DDR-Lehrbüchern gelesen…).
    Übrigens hat Luther nie eine Religion oder Kirche gründen wollen und nach meiner Kenntnis auch nicht mit den Mächtigen gegessen; er war sich seiner bescheidenen Herkunft als Bettelscholar durchaus bewußt und fühlte sich nach eigenem Bekunden wesentlich wohler mit normalen Leuten als mit Fürsten. Und den Fürsten Georg von Sachsen hat er schwer verärgert mit seiner Schrift „von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“ von 1523.
    Luther kann auch keinesfalls für „schaffe und raffe“ stehen, in „von Kaufshandlung und Wucher“ spricht er sich gerade dagegen aus.
    Und die römische Ablaßlehre als „Sündigen und Beichten“ zu bezeichnen, ist geradezu absurd. Die römischen Kirchenfürsten waren es, die für horrende Summen Sündablässe verkauften, mit dem einzigen Ziel, ihren eigenen Fürstenprunk zu finanzieren. Albrecht von Magdeburg wurde zusätzlich Erzbischof von Mainz und mußte für dieses Doppelamt eine horrende Strafe zahlen, die den Petersdom mitfinanzierte – dazu wurde den Leuten erzählt, ihr Seelenheil hinge davon ab, daß sie ihren letzten Heller an Albrechts Geldeintreiber Tetzel abgäben. Ach ja, die anfangs der Neuzeit ach so reichen Spanier und Venezianer, die haben doch bis heute noch nicht von Luther gehört…

    Mit Verlaub, so sehr ich deine Artikel sonst schätze, hier schreibst du großen Unfug, der bestenfalls aus grobem Unwissen herrührt.

    Tatsache ist: Luther lehrt Bescheidenheit und Verantwortung. Er verwehrt sich dem Zinswesen, das schon vor seiner Zeit die Fugger reich gemacht hat, und dem Gesetz des Marktes: „Erstlich haben die Kaufleute unter sich eine gemeine Regel, das ist ihr Hauptspruch und Grund aller Finanzen, da sie sagen, ich mag meine Ware so teuer geben, als ich kann. Das halten sie für ein Recht, da ist dem Geiz der Raum gemacht und der Höllen Tür und Fenster alle aufgetan. Was ist das anders gesagt denn so viel, 'ich frage nichts nach meinem Nächsten? Hätte ich nur meine Gewinn und Geiz voll, was geht michs an, daß es zehn Schaden meinem Nächsten tät auf ein Mal?' Da siehst du, wie dieser Spruch so stracks unverschämt nicht allein wider die christliche Liebe, sondern auch wieder das natürliche Gesetz fährt.“
    Er hat sich gegen Kaiser und Papst gestellt und hätte ohne den Schutz Friedrichs des Weisen ebenso schändlich geendet wie Jan Hus 100 Jahre vor ihm.

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  2. Deine Kritik gefällt mir und ehrlich gesagt, habe ich sie auch erwartet, weil ich dich durch deinen Blog schätze.
    In manchem Detail gebe ich dir Recht, so z.B. darin, was die Person Friedrichs des Weisen und seine Funktion für Luther bedeutete. Oder dass die Raffgier überkonfessionell ist, auch da stimme ich mit dir überein. Natürlich hat Luther nicht gesagt, dass die Ansprüche der Bauern ungerechtfertigt seien – aber wann? Denn als die Konflikte sich zuspitzten und es an die Köpfe der Bauern ging und sie deshalb mit ihren Dreschflegeln loszogen, da hat er 1525 seinen „Sendbrief von dem harten Büchlein wider die Bauern“ publiziert. Dahin zielt meine Kritik, auf Sätze wie z.B. diesen: „Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wußte Gott wohl; drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand“ (aus eben jenem Sendbrief).

    Um was es mir in meinem Posting hauptsächlich ging, war eine Linie aufzuzeigen, eine Linie, an deren Ursprung Luther als Protagonist stand nicht ohne die (ihm zugestandene) Zwiespältigkeit, die den Menschen nun mal eigen ist.
    Das katholische „sündigen & beichten“ auf die Ablasslehre zu verkürzen, halte ich für eine billige Begründung (Rechtfertigung?), die mir seit meinem Konfirmandenunterricht sattsam bekannt ist. Dabei geht es – wie meist im Leben – um etwas viel bedeutsameres, denn es entstanden in jener fernen Zeit zwei gegensätzliche Morallehren. Die heutige Wirtschafts- und Arbeitsmoral fusst auf einem Fundament, das durch den Protestantismus im 16. Jhdt. gelegt worden ist. Dafür liefern heute die Wasps (White-anglosaxon-protestants) in den USA genauso traurige Beispiele wie die Pietisten andernorts und diese Gruppierungen beziehen sich expilzit auf den Protestantismus. Dies lediglich als Beispiel. Und mich würde brennend interessieren (ohne Ironie!), wann der Protestantismus dem Tetzel dieses Denkmal errichtete, auf dem er heute steht, denn im Katholizismus spielt er bestenfalls als historische Person noch eine Nebenrolle, wenn überhaupt.
    Was die Persönlichkeit Luthers betrifft, habe ich einige Fakten aufgezeigt, du hast sie durch andere bereichert; so wird das Bild runder. Der Kreis würde sich vielleicht durch ein historisch fundiertes Gespräch schliessen, dies müsste dann aber in einem anderen Rahmen stattfinden als in diesem Blog (denn dafür habe ich ihn nicht intendiert).
    Dass du mein Posting als grossen Unfug bezeichnest, kann ich nachvollziehen, jedoch wirst du vielleicht ebenso gut verstehen, dass ich dieses Urteil nicht teile. Wenn Theologen und Kulturwissenschaftler (Historiker) rückwärts schauen, dann können durchaus verschiedene Meinungen zusammentreffen.
    „Was glänzt heller als Gold? – Das Licht.
    Was ist erquicklicher als das Licht? – Das Gespräch.“ (Göthe)
    In diesem Sinne…

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  3. Die Schriften „an den christlichen Adel deutscher Nation“ (1520) und „von weltlicher Obrigkeit“ (1523) waren deutlich vor dem Bauernkrieg. Und um 1522/23 gibt es auch schon mehrere Schriften, in denen Luther die Bauern zur Besonnenheit mahnt.

    Der Fehler im „Sündigen und Beichten“, und das ist eng mit der Ablaßlehre verknüpft, liegt in der Annahme, man könne schon tun was man wolle, wenn man nur nachher fein beichte oder ein Zettelchen kaufe. Im Frühmittelalter heißt Beichte übrigens noch, vor der Gemeinde – also quasi öffentlich – seine Missetaten bekennen und um Gnade betteln. Das ist tatsächlich mit der Ohrenbeichte fein einfach geworden… bis man zu einem Punkt kommt, wo der Priester sagt, du bereust ja gar nicht, ich kann dich nicht lossprechen. Denn beichten darf man eigentlich nur, was man bereut, und kann auch nur davon losgesprochen werden.

    Von den Wasp befürchte und vom Pietismus weiß ich, daß es sich um eine ziemlich schwammige Sammelbezeichnung handelt, die theologisch ohne weitere Klärungen nicht einzuordnen ist. Das ist so ähnlich wie der Anglikanismus: wer steht nun für die echte anglikanische Praxis, der Erzbischof von Canterbury oder ein Low-Church-Reverend in Jeans?
    Und meiner Ansicht nach (mit der ich nicht allein dastehe) kommt diese furchtbare Arbeitsethik nicht von Luther, sondern aus anderen Quellen, etwa Menno Simons und seiner Truppe. (Ganz schlimm: die Amish People. Haben aber nix mit Luther zu tun, sondern sind die radikale Absprengung der Mennoniten. Die wiederum scheffeln Korn und Geld, das glaubst du nicht… jedenfalls in Amerika. Hier in meinem Sprengel sind sie sehr bescheiden.) Hat übrigens sogar Max Weber schon gesehen, der in dieser Hinsicht aber auch nicht unbedingt historisch korrekt arbeitet.
    Im angelsächsischen Raum hat Luther erst sehr spät Wirkung gezeigt, und auch nur in Amerika mit deutschen Einwanderern im 19. Jahrhundert meine ich. Ansonsten steht da eher Calvin an der Wurzel. Bzw. der Calvinismus, der mit Calvin weitgehend auch nicht mehr zu tun hat als der Lutheranismus mit Luther – aber ein Zitronenfalter faltet ja auch keine Zitronen. An der theologischen Basis der meisten „evangelical“ Bewegungen steht jedenfalls nicht Luthertum, sondern Calvinismus.
    Als Pfarrer der reformierten Kirche seh ich diese Seite des Calvinismus ziemlich kritisch, zumal sie mir ganz und gar nicht nahsteht.

    Johannes Tetzel ist sicherlich für die römische Kirche nicht wichtiger als Abraham a Santa Clara. Es handelt sich nicht um wegweisende Theologen, sondern um Prediger, die – sagen wirs mal völkstümlich – wegen ihres großen Mundwerks bekannt waren. Man könnte jetzt sicher philosophieren, ob die eingefleischte Abneigung zwischen Dominikanern (Tetzel) und Augustiner-Eremiten (Luther) eine Rolle spielt in diesem Konflikt. Aber ich wäre geneigt, zu sagen: Tetzel ist an sich nur so interessant wie der Attentäter von Sarajevo – nämlich als das Steinchen, das in die TNT-Schale fällt und alles zum Explodieren bringt.

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  4. „…Die Schriften „an den christlichen Adel deutscher Nation“ (1520) und „von weltlicher Obrigkeit“ (1523) waren deutlich vor dem Bauernkrieg. Und um 1522/23 gibt es auch schon mehrere Schriften, in denen Luther die Bauern zur Besonnenheit mahnt…“
    Das weiss ich, deshalb habe ich auch den inhaltlich überdeutlichen Sendbrief von 1525(!) zitiert, denn zu diesem Zeitpunkt hat er „…die Art und Weise, brandschatzend durch die Lande zu ziehen, angeprangert….“.
    Was mir unangenehm auffällt, ist sein öffentliches Verhalten im historischen Kontext. Aber mit dieser merkwürdigen Wandlungsfähigkeit steht er als historische Person nicht alleine in der deutschen Geschichte. Friedrich II. z.B. wandelte sich vom Aufklärer zum Absolutisten und um einen Sprung zu machen; Joschka Fischer wird nicht der letzte dieser Umschwenker sein.

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