Ich hab keinen Koffer mehr in Berlin

Hazy Osterwald Sextett – gut für alte Erinnerungen…

Zu Berlin habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Ganz anders ist es mit Frankfurt. Das ist wie mit einem Hosenträger. Je weiter man mich wegzieht, desto stärker ist der Zug zurück.

Als ich das erste Mal in Berlin war, hats mich umgehauen. Das war auf einer Klassenfahrt. Wenn man damals einen jungen Lehrer mit „Bewusstsein“ für die Klassenfahrt erwischte, gings eher um Politik als um eine bourgeoise Kulturveranstaltung.

In Berlin tanzte der Bär für uns und wir mit ihm. Da gabs noch das Sound in der Genthiner Strasse (später bundesweit berühmt durch ein Frl. F.) und die Oma Plüsch in Schöneberg mit den krachigen Schusterjungen zum Sauern mit Persiko. Das Café Bleibtreu mit der nie versiegenden AltBierQuelle und die Filmkunst66 mit dem besten Programm war quer gegenüber. Linke Buchläden. Gebrauchtwarenläden mit allem was-du-willst Ramsch. Lange Haare. Die Pflichtfahrt nach Ostberlin mit Aufklärung in Klassenbewusstsein und Streuselkuchen zum Blümchenkaffee. Nachts mit der U-Bahn zu fahren war schon noch ein Erlebnis.
Kreuzberg war die Leuchtreklame auf der schwarzen Wiese meiner Fantasie. Ich beschloss, wiederzukommen.
Ein paar Jahre später wars dann soweit. Fotografieren lernen. Von Lummerland ins erträumte Paradies. Der erste Winter war wie ein TurboAspirin nach einer delirierenden Feier. Mit einer Plaubel 9x12cm GrossformatKamera und einem ebensolchen Trumm von Stativ in schneidender Kälte auf den Strassen und Plätzen. Motivsuche. Die ganze Apparatur zusammenbauen mit steifen Fingern. Das Studio und die Dunkelkammer wurden Aufwärmstationen. 12 Stunden jeden Tag nix als fotografieren und entwickeln. Die Berliner Luft war braunkohlenschwanger vom ewigen eisigen Wind aus dem Osten. Der Spass schmolz in jenem ersten Winter rasch dahin. Die ständigen Besuche der Lummerländer Small-Town-Boys so ganz aus dem Westen und mit den gleichen Träumen, die bei uns nur noch ein Häufchen rauchiger Asche waren. Diese Buben wollten dann mit ihren hundert Mark in der Tasche ein Wochenende lang den Bär tanzen und gleichzeitig die Kuh fliegen lassen.
Da war aber immer noch die Freude am fotografieren. Und die Freude daran, bewusst sehen zu lernen. Genau hinschauen. Alles sehen, auch ausserhalb des Negativs. Den Widerspruch zwischen Glitzer und Trümmergrundstück. Die ganze Bandbreite umschlossen von einer langen grauen Mauer. Das ganze Elend.
Irgendwann wars dann genug. David Bowie war da und Lou Reed. Der Dschungel war mittlerweile angesagt und Nick Cave schaute mal eben vorbei. Inga Humpe probte mit Ideal die neuen Töne.
Ton, Steine Scherben hatten sich längst nach Freesenhagen zurückgezogen. Aufs Land. Lummerland rief.
Demnächst werde ich in Berlin sein. Die alten Reviere interessieren mich nicht mehr. Eine Runde mit der S-Bahn will ich drehen, das bin ich Uwe Johnson noch schuldig. Die Kamera werde ich im Gepäck haben.
Werbeanzeigen

12 Gedanken zu „Ich hab keinen Koffer mehr in Berlin

  1. Frankfurt ist ja wohl Deine Heimatstadt, daher ist der Zug nicht ungewöhnlich. Obwohl ich auch schon Leute getroffen habe, die ihre Heimatstadt gehasst haben.
    Nicht in Hamburg natürlich 🙂

    Gefällt mir

  2. Ich habe zu beiden keine Beziehung. Bin zwar in beiden mal gewesen, aber… nö, sie sind mir fremd geblieben.

    Das Foto ist im Grunde Buddenbrook: große Vergangenheit, ziemlich maue Gegenwart – und die Zukunft nur Schutt und Asche. Wo steht denn dieses Gerippe?

    Gefällt mir

  3. Orte, an denen man „mal gewesen“ war, kennt man in aller Regel nicht richtig. Da sollte man schon eine Weile gelebt haben. Oder, um mit dem Fuchs aus dem Kleinen Prinzen zu reden: „Man kennt nur die Dinge, die man zähmt“.
    Ansonsten vielen Dank für den hilfreichen Kommentar, denn ich habe mal nachgeschaut, was aus dem Gerippe eigentlich geworden ist. Das Foto habe ich 2006 aufgenommen.
    Man sehe und staune: http://kulturhotel-fuerst-pueckler.de/

    Gefällt mir

  4. ach berlin, tolle west-vergangenheit. dann die öffnung. jetzt ists halt gesamtdeutsch. aber fahrradeln macht spaß. das foto zeigt ein großartiges motiv, erstaunlich auch die wandlung des gebäudes.

    Gefällt mir

  5. Mir geht es mit FFM genau so wie dir mit Berlin. War zwei Mal für einen Monat da zum Praktikum. Mal beim HR, mal in einer Anwaltskanzlei auf der Zeil. Bin nicht klar gekommen mit der Mischung aus Äppelwoi-Piefigkeit und Banker-Schnöseligkeit. Und die linke Szien wollte mich auch nicht. Das Foto ist großartig. Jetzt haben sie eine ganze Stadt darum gebaut 😉

    Gefällt mir

    • Mit dem Begriff „Äppelwoi-Piefigkeit“ kann ich nichts anfangen. Was mir jedenfalls hier gefällt – schliesslich bin ich damit grossgeworden – sind die fast immer ankommenden lockeren Sprüche. Für „ernsthafte“ Menschen manchmal sicherlich schwer durchschaubar. Wer sich aber drauf einlassen kann, ist sofort dabei. Hier gibts kein „mia san mia“ oder die kühle hanseatische Distanziertheit.
      Bankschnösel gibts die Menge und die kriegen alleweil eins vorn Latz.

      Eine „linke Szien“ nehme ich nicht mahr wahr. Höchstens die Randalierer und Allesbeschmierer der Ultras Frankfurt.
      Aber das Café Voltaire in der Kleinen Hochstrasse gibts wie eh und je.

      PS: das Foto habe ich in Bad Muskau aufgenommen. Letztes Jahr sah das so aus: https://fotografieundtext.wordpress.com/2018/04/13/der-himmell-soll-nicht-taeuschen/

      Gefällt mir

Kommentare, Gedanken + Hinweise bitte hier abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.