Frankfurt – Samstag 7:30

frisch aber sonnig…


Fast schon zu spät. Städte sind am frühen Morgen am schönsten. Wenn das sichtbare Leben beginnt. Finde ich. Auf dem Weg in die Innenstadt noch schnell beim Bäcker vorbei. Was auf die Hand. Zum Glück fiel mir das Fahrrad ein. Zu alt und zu behäbig für den schnellen Ritt in einer schnellen Stadt, aber immerhin ein Fahrrad. Nach Drippdebach zum Flohmarkt. Da bin ich seit dreissig Jahren nicht mehr gewesen. Unterwegs so viele Eindrücke. Bilder. Zu viele und zu schnell für die Kamera. Der übernächtigte junge Mann mit stierem Blick die Bockenheimer runterschwankend. Jogger im Westend. Das Viertel der Spekulanten nach wie vor.  Hier standen die alten noblen Villen. Der erste Park der Rothschilds. Alles platt gemacht. Aus der Tiefgarage kommt der schwarze Jaguar. Chromglänzend, am polierten hölzernen Volant ein ebenso aufgeputzter Typ mit kaltem Hasenzahngrinsen. Auf der Fressgass werden die kulinarischen Genüsse angeliefert. Für später, wenn Rouge und feines Tuch stylish in Form gebracht sind. Über den Eisernen Steg auf die anner Seit nach Sachsenhausen.
Am Flohmarkt ist alles noch übersichtlich. Stände werden aufgebaut und Tische bestückt. Früher hatten spätestens um 5 Uhr morgens die besten Sachen den Besitzer gewechselt. Quotenregelung? Auffällig viele Frauen um die 50 sind da und bieten Porzellan, Schmuck und Kleidung an. Ich bin nur deshalb hier, weil ich etwas bestimmtes suche. Nicht für mich. An Flohmärkten hat mir schon in vergangenen Zeiten das Verkaufen mehr Spass gemacht als das Wühlen in zerfledderten muffigen Kisten. Das Gebabbel war der Spass. Ich finde zwar die entsprechenden Verkäufer, aber die haben leider nicht, was ich suche. Weiter.
Der Klang des heimatlichen Dialektes. Von allen Seiten. Dazwischen – leiser – fremde Sprachen. Ich freue mich, als ich einige Brocken balkanesisch aufschnappe und verstehe. Jede Menge unbrauchbares. Wieviel Arbeit und Energie erfordert ein Flohmarkt. Menschliche Arbeitskraft und sauer verdientes Geld waren nötig, all das zu produzieren und zu verkaufen. Dann standen, hingen oder lagen die Dinge in irgendeiner Wohnung, wurden gebraucht oder auch bestaunt und früher oder später sind sie überflüssig und ihren Besitzern lästig geworden. Jetzt sind sie hier versammelt und hoffen, dass der Kreislauf von neuem beginnt. Jedes Teil hat seine eigene Geschichte.
Der Mann ist klassisch elegant gekleidet. Das dunkle Tuch der Hose in Fischgrät, graues Hemd (Kragenknopf geschlossen), roter Pullunder. Einen dezenten Hut mit kleiner Krempe hätte man ihm empfohlen; er trug ihn bereits. Bietet Schuhe an. Klassische Schuhe aus den 20ern und 50ern. Exquisite Markenschuhe allesamt, handgenäht die meisten. Auch neueres: aber klassisch. Ich lernte einiges interessante über handgefertigte Schuhe beim distinguierten Babbel. Finde dabei dummerweise einen Klassiker aus den 70ern. Passen die? Sind ungetragen. Der Preis stimmt. Deswegen bin ich doch garnicht hergekommen. Ich finde endlich und eher durch Zufall, was ich wirklich suche. Wir reden und werden uns einig. Wir reden länger, denn wir teilen gemeinsame Erinnerungen. Musik. Konzerte in Frankfurt – damals. Eine Zigarette noch. Es wird voll am Sachsenhäuser Ufer. Zeit für den Rückweg.
Es gibt da einen Zusammenhang zwischen Verkäufer und Ware. Wenn überhaupt, so wie heute, kaufe ich nur bei Leuten, die ihre eigenen gesammelten Sachen verkaufen und sich damit auskennen. Diese anderen Händler mit ihrer durchschaubaren Raffermentalität, die Schlaumeier, die sie gerne wären und die zwanzig verschiedene Sammelgebiete abdecken; die sich bei allem und jedem auskennen wollen, sind meist ausgesprochene Dummschwätzer. Sprichklobber nennt man solche Leute hier.
Die Innenstadt ist wach. Die schicke Koreanerin im exzellent sitzenden Kostüm, auf einem Tretroller vorbeischwirrend, schnickt sich die Tolle souverän aus der Stirn. Vor dem Römer mehrere uniformierte Gruppen. Chöre in ihrer Sängervereinstracht, die sich hier ein Stelldichein mit Ständchen geben. Das übliche Touristengemenge. Hunderte kleiner Klickkameras. Zunehmend wird mit dem Mobiltelefon fotografiert. Wenns das erste Handy mit Kühlschrank und Luftpumpe gibt, stehe ich ganz vorn an der Ladentheke eines dieser aufdringlichen Handyläden, die zunehmend das Stadtbild versauen. Knieend am Boden eine dieser ewig wippenden Gestalten mit vorgehaltenener Hand und Opferblick.
Am Rossmarkt lege ich einen Zahn zu. Zweitausendeins wäre jetzt zuviel an Verführung. Ein Pfund frischen Espresso beim Wacker? Passt noch in den Rucksack.
Auf der Zeil sieht man eine Miniatüre der Welt. Alle Nationen, alle Sprachen, jedes nur mögliche Aussehen. Tüten und Taschen überall. Eines Tages wird ihr Inhalt im Ofen der Müllverbrennung oder auf einem Flohmarkt landen. Wer trifft die Entscheidung? 
Man ist unterwegs: schlendernd, lachend zu zweit, kauend, flanierend, träumend, einsam, hastend, verbissen, allein, getrieben, verloren.
Ein kleiner japanischer Junge bläst Seifenblasen vor sich her. Freudestrahlend. So wie seine Augen leuchten auch tausend Seifenblasen nicht. Aber auch das Kreuz und Quer so vieler verhärmter Gesichter fällt einem auf, wenn es einem selbst gut geht.
Der Mann mit den rotbraun aufgedunsenen  Händen und Füssen zerrt sich ein labberig schwammiges Brötchen in den weitgehend zahnlosen Mund. Das Leben auf der Strasse greift den Körper an. Die Schlange der Kutscher in der Grossen Eschenheimer, die neben ihren Taxen stehen und auf die ersten abgefertigten Fahrgäste warten. Es ist warm geworden. Sommerliche Kleidung wird ausgeführt.
Einen älteren Herrn umschwebt ein zartes Veilchenwölkchen, wie es so nur italienische Parfumeure kreieren. Sein sommerliches Seidenschälchen hängt ihm nonchalant um den fein ziselierten Hals. Würde strahlt er aus.
Die Goethestrasse wird selbstredend links liegen lassen. Da treiben sich die Vollpfosten rum. Unternehmensverräter, Spekulanten und am Hungertuch nagende Zahnärzte in feschen Cabrios. Auf der Fressgass zeigt man, was man gerade isst (und wie man ist). Lässig schwingt in der linken Hand das Champagnerglas derweil die rechte eine Auster zur geschürzten Schlürflippe führt.
Jetzt noch was zum Essen und Trinken kaufen. Trinken, das heisst Äppler: Wein aus Äpfeln. In der Leipziger Strasse begegnet sich im Dorf die Welt. Dort ist das Herz mundial geweitet.
Zuhause alles abladen und zurück in die Innenstadt. Demonstration gegen ACTA. Diesem Versuch von aberwitzigen Irren, den Menschen bis in die letzte private Ecke zu folgen. Die Beschlüsse darüber stehen in Brüssel auf der Agenda.
Der Nachmittag klingt aus. Um 18:00 wird der Rolladen der Schankwirtschaft an der Ecke hochgezogen. Es ist ruhig draussen. Ein Äppler zum Handkäs wird gut kommen.

Advertisements

7 Gedanken zu „Frankfurt – Samstag 7:30

  1. Es gibt schon recht gediegene Flohmärkte mit verblüffenden Angeboten, die interessantesten hab ich in Berlin gesehen Mitte der 90er, lästiger alter Besitz aus Ost und West, da konnte man Sachen finden von denen man nie geahnt hat, dass es so etwas gibt.
    Der Handkäs macht grad Appetit, ich muss wohl mal frühstücken…

    Gefällt mir

  2. hmmm, welch nostalgisch verklärter blick auf die heimatstadt und davor im gleichen blog ein kaum authentischer diss auf die hauptstadt :o)

    ich bin mir sicher, dass du unter günstigen galaktischen vorzeichen auch nen ganz + gar wunderbaren abend z.B.
    am savignyplatz in charlottenburg verbringen könntest, wenn sich unter diesen vorzeichen die üblichen verdächtigen in ebensolchen kneipen zufällig treffen würden (was durchaus ständig passiert!)
    berlin is not dead, it just smells funny and its poorness is really sexy :o))

    Gefällt mir

  3. Ums Haar wäre ich ja bei meiner Fahrt dorthin in den Genuss gekommen, den Leipziger Bahnhof von innen zu sehen. Am Ende wirds aber doch der Flieger sein, die Bahn ist unverschämt teuer.
    (Mal sehen, was es über die Tage in Bärlin zu berichten geben wird 😉

    Gefällt mir

  4. Im Auftrag von Herrn S.
    Handkäs is ja so ne Sache. Heikles Thema. Noch fast gruseliger ist ein Frischkäse, der hinter einer Palisade von Salzbrezelchen verwahrt, serviert wird. Ich mag die Buben da oben, aber wie kann man eine rote Wurst als Substrat von einer Currywurst verwenden? Womöglich ein Übersetzungsfehler in einem Rezept? Beim Essen hab ich wohl ein nach unten offenes Nord-Südgefälle genetisch eingebaut bekommen. Drive South!

    Gefällt mir

Kommentare, Gedanken + Hinweise bitte hier abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s