Fundstücke am Strand

Kobaltblauer Himmel, türkisblaues Meer – ein kleines Dorf wie andere auch…

…und dennoch. Wenn man genau hinschaut, kann man die individuellen Eigenheiten sehen. Das Besondere, das jedem Ort eigen ist. Ich habe vier Stunden Zeit, eine Kamera in der Hand und die ungeeignesten Schuhe, mit denen man hier rumlaufen kann. Ledersohlen auf aalglattem Plaster. Mlini heisst das Dorf südlich von Dubrovnik. Am Strand der kleinen Bucht herrscht reges Treiben. Fettglänzendes Braunfell lagert im feinen Kies. Badehosen und Bikinis fast ausnahmslos mehrere Nummern zu klein. Die kleine Kirche steht direkt am Strand. Sie ist dem St. Rocco (Rochus) geweiht. Schutzheiliger gegen die Pest. Erbaut vor 500 Jahren. Einmal im Jahr findet hier zu seinen Ehren ein Gottesdienst am 16. August statt. Bis dahin rollen die Kuna im Laden nebenan.
     (zum vergrössern ein Foto anklicken)
 
Ich halte mich an den Hl. Hilarius. 30 Meter über dem Strand. 1164 erstmals in Urkunden erwähnt. Da dachte noch niemand an die Pest. Hilarius soll am Strand einen Drachen besiegt haben. Zumindest für die, die es glauben wollen.
Mir ist heiss und schattige Kühle tut gut. In der ersten Reihe kniet ein junger Mann. Der Kleidung nach ein Handwerker. Ich setze mich in die hinterste Reihe schaue mich um und mache mir Notizen. Der Mann schaut abwechselnd zum Altar und unter sich. Seufzt. Windet sich gelegentlich geradezu. Lange kniet er in seiner Bank. Dreht sich auch einige Male nach mir um. Warum müssen Katholen noch immer knieen? Als er hinausgeht, klingelt sein Handy. Oben in der Decke der Kirche säuselt ein Ventilator. Vielleicht bläst ihm dieser Fromme-Wünsche-Beschleuniger seine Gedanken himmelwärts.
In einer Seitenkapelle eine fast surrealistische Wandbemalung. Ich entdecke eine kleine Tür und steige auf die Empore. Das Gezirpe der Zykaden dämpft die Geräusche vom Strand.

 

 
 
Mlini bedeutet Mühle. In den Vortourizeiten pressten hier die Bauern ihre Oliven zu feinem Öl. Die Aufbewahrungsbehälter (kamenicas) des kaltgepressten Olivenöls aus Kalkstein stehen an dem Platz wo damals die grosse Presse stand.

 

 
Wenn ein Dorf klein genug ist und man sich die Zeit nimmt, fallen einem Nebensächlichkeiten auf, die man normalerweise kaum wahrnimmt. Kann gut sein, dass es hier auch so eine Art optische Flucht vor den halbnackten übergewichtigen Leibern ist – wahrlich kein schöner Anblick. Lust auf ein Schwimmerchen habe ich nämlich schon.
Aber dann doch lieber die Ästhetik eines rostigen Kanaldeckels oder den verlassenen Spielplatz ansehen, der an vergangene Zeiten erinnert. Da kann die eigene Phantasie schweifen.
 

 

 
An noch garnicht lange vergangene Zeiten erinnern auch einige Hotelruinen der parteilich organisierten Sommerfrischen. Dort finden sich sogar noch einige verbogene Relikte für Herrn Slobodas faszinierende Sammlung.
 

 

Trotz des traurigen Anblicks des verfallenden Speisesaals macht sich mein Magen bemerkbar. Zum Glück finde ich auf dem verwahrlosten Gelände einen Mirabellenbaum, der auch mich zu warten scheint.
 
Manche Mauern sehen wie grossflächige Skulpturen aus. Achtlos gehen Menschen vorüber. Kindliche Phantasien erkennen vielleicht Bilder darin. Aber dafür ist keine Zeit. Die Kleinen hängen an Händen von Eltern, die zu anderen Zielen unterwegs sind.
 
 
Die Mittagshitze ist enorm. Die Luft über dem Boden flimmert. Hinter einem Gebüsch ziehe ich mir die Badehose an. Jetzt nur noch die hundert Meter zum Strand hinkriegen. Barfuss. Der Apshalt ist segend heiss aber das Wasser ist verlockender. In den alten WG-Zeiten wars mal zwei, drei Jahre lang Mode, den ganzen Sommer über barfuss zu gehen. Da konnte man die Kippen mit der Fusssohle austreten. Lange her. Warum schlugen wir damals unsere Wege nach Südwesten ein? Südosteuropa stand auf keinem Reiseplan. Was einem so alles einfällt. Irgendwie geht doch nichts wirklich vergessen. Auch die interessanten Stunden in Mlini werden aufbewahrt bleiben.
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2 Gedanken zu „Fundstücke am Strand

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