Wer glaubt wird selig – Wirklichkeit ist was anderes

Die Sonne kommt kaum durch die Wolkendecke, die Hitze drückt…

 

Genau genommen ist die Kaffeemaschine an allem schuld. Der Druckhebel scheint schwerer zu gehen. Es kommt mir jedenfalls so vor. Einen direkten Vergleich zu früheren Zeiten habe ich nicht. Ich achte allerdings seit einigen Wochen darauf und jetzt glaube ich zumindest, dass er sich schwerer hochziehen lässt. Der guten Qualität des Kaffees tut das keinen Abbruch. Der schmeckt prima wie immer. Aber ich achte auf den Hebeldruck. Genaues weiss ich nicht, aber mein Glaube festigt sich. Er scheint jedenfalls schwerer zu gehen als früher.
Also konsultiere ich das Internet. Ich will wissen, was ich tun kann. Und tatsächlich gibt es ein Forum, in dem sich Spezialisten für Espressomaschinen austauschen, fachsimpeln; wo gefragt und beantwortet wird. Fein untergliedert nach Herstellernamen wird Spezialistenwissen preisgegeben. Ich finde den Thread, in dem sich meine Marke befindet. In dem Wust aus Besserwisserei, Geschwätz und Glaubensbekenntnissen klicke ich mich langsam ins Leere…
Ich beschliesse aus reinem Widerspruchsgeist, dass der Hebeldruck meiner Maschine schon immer so war wie er jetzt ist (es ist allemal ratsam konstruktiv zu bleiben).
Mit dem Glauben ist das so eine Sache. Mich erstaunt immer wieder, wie speziell deutsche Konsumenten ihren Glauben im Alltag leben. Da wird nachgebetet, verteidigt und rechtfertigt, besonders wenn das neue Konsumprodukt im Haus ist.
Beispiel Kaffee: da gibts seit einiger Zeit diese Kaffeemaschinen, in die man ein buntes Alubehälterchen einlegt und dann per Knopfdruck eine Tasse Kaffee erhält. Die Alubehälterchen gibt es in speziellen Geschäften vorzugsweise in teurer Innenstadtlage. An den Wänden sind die Alutöpflein regenbogenartig installiert  – an der Farbe erkennt man den Kaffeegeniesser. Das Verkaufsritual ist interessant bis widerlich. Worthülsen und Gehabe erfüllen den Laden. Gestylte AushilfsverkäuferInnen phrasenlabern und die coole Kundschaft ignoriert darüber die irrwitzigen Preise für das Kaffeepulver nonchalant. Hier gehts schliesslich nicht wirklich um Kaffee, hier gehts um den Konsumevent und den Glauben.
Rechnet man den Kaffeepreis mal aufs Kilo hoch kann einem schwindlig werden. Und das Beste: Böte man den Spacken im Laden handverlesenen Kaffee aus Grönland (in blausilbrig schimmernden Döschen) an, sie würden ebenso verzückt ihre Hände gnadenempfangend öffnen wie ihre strunzenden Geldbörsen.
Im Grunde gehts um ein Lebensgefühl. Für das man gerne auch das zig-fache zahlt. Hauptsache man besitzt Exklusivität und darf daran glauben, dass die Plörre am Ende was taugt.
Wie gesagt, nur ein Beispiel von vielen. Obs darum geht, zerissene Jeans als dernier cri zu kaufen, sich von operationswütigen Ärzten Hüftgelenke, Knie oder Zähne einbauen zu lassen oder die neueste technische Versprechung (und Erwartung) anzubaggern zu müssen – der Glaube machts. Wer kennt schon die Wahrheiten hinter den Ritualen.
Was ich in vielen Jahren in Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Nationalität erfahren habe, ist, dass deutsche Menschen einen ganz besonderen Hang zum festen Glauben haben. Vielleicht auch deshalb stellt Oskar Matzerath der Blechtrommler lapidar fest: „Es war einmal ein Volk, dass an den Weihnachtsmann glaubte, aber der Weihnachtsmann war in Wirklichkeit…“ und so weiter.
Die Frankfurter Eintracht soll noch nie in Hoffenheim gewonnen haben. Heute ist der zweite Spieltag der 1. Liga. Die Eintracht tritt im Badischen gegen Hoffenheim an. Ich glaube, dass heute das erste Mal ein anderes Ergebnis realisiert werden könnte. Von Fussball habe ich ja keine Ahnung. Ich höre das Spiel im Radio und freue mich riesig, dass die Eintracht Hoffenheim mit 4:0 an die Wand spielt.
„Glauben ist nicht anderes als für wahr halten, was man nicht sieht. Der Lohn für unseren Glauben wird sein, dass wir sehen was wir glauben“. Diese weisen Worte sind uralt und stammen von Augustinus (354-430).
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7 Gedanken zu „Wer glaubt wird selig – Wirklichkeit ist was anderes

  1. Hihi, meine Mutter hat so eine Maschine mit den bunten Kapseln und der Espresso schmeckt ganz hervorragend find ich. Natürlich sind die Kaffeepreise aufs Gramm gerechnet völlig irrsinnig, aber das weiß man in der Regel vorher, entweder ist man bereit für Luxus und Bequemlichkeit entsprechend zu zahlen oder man lässt es halt.
    So ein feines Siebträgermaschinchen ist natürlich eine ganz andere Geschichte, schon die rituellen Handlungen vorher sind für den einen unverzichtbar, für den anderen aber, der nur ab und zu einen guten Espresso trinken will, zu viel Aufwand.
    Mutti freut sich jedenfalls, dass sie nur eine Kapsel einwerfen muss um ihren Espresso zu bekommen.
    Manchen Siebträgerbesitzern kann man übrigens auch ganz gut überteuerte Böhnchen andrehen. Zibetkatzenkackebohnen haben bestimmt viele schon getestet, da geh ich jede Wette ein *g*.

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  2. überflüssig, wie so vieles – sondermüll dazu. es könnte vieles so einfach sein, wenn nicht der zwang zur sinnfreien innovation einhergehen würde mit gekaufter individualität.

    viele grüße

    beve

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  3. Wenns ja wenigstens die weichen Pads wären… *seufz*

    Meine Kaffeemühle ist zwar noch suboptimal, für was Besseres muß man deutlich dreistellig ausgeben, und ich leb ja nicht allein von meinem schmalen Gehalt. Aber Kapselkaffee gibts nur, wenn die Pfarrfrau sich oder mir was Besonderes zukommen lassen will, was sonst ne halbe Stunde Arbeit wäre. Die neue Maschine hat sogar eine brauchbare Dampfdüse, aber ich muß das noch üben – bisher hab ich fürs Milchschäumen immer den kleinen Rührquirl genommen.
    Schräg gegenüber von einer meiner Wirkungsstätten ist auch ein kleines Geschäft, „torréfacteur“ steht über der Tür.

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  4. Eine Rösterei? Und zwar gegenüber? Du Glücklicher. Obwohl ich in einem Kaffeetrinkerland lebe, ist der Kaffee hier — : naja, der Rest ist Schweigen…
    Nach meiner Erfahrung, wird der Milchschaum mit dem Schneebesen eh besser als mit heissem Wasser. Mache ich noch immer so. Wir hatten mal so einem Aufschäumer, mit dem bin ich nie richtig klargekommen. FRau Waas hat sowas kleines batteriebetriebenes mal von einem Lieferanten geschenkt bekommen, das ist auch ganz tauglich – Hauptsache kein heisses Wasser

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