Weinprobe


Nach zwei herbstlichen Tagen ist der Sommer wieder da….

(Foto anklicken und gross gugge)

Nördlich des Sees gibt es den grössten Weinberg Europas. Das Unternehmen beliefert Geschäfte und Supermärkte. Die in grossem Stil hergestellten Erzeugnisse geniessen unter Ausländern nicht den besten Ruf. Umso mehr freue ich mich über den Anruf von Ben.
Um 14:00 will ich in Virpazar sein. Der Vormittag vergeht schnell, ich muss mich sputen. Raus aus der Hauptstadt, die Musik donnert im roten Wägelchen, Vorfreude, leichter Nieselregen und grauer Himmel. Wir sind verabredet. Auf dem Dorfplatz sehe ich den bulligen Land-Rover. Die Buggelwutz bleibt stehen und ich steige zu Ben ein.
Er hat den Auftrag, einige Reisende zu einer lokalen Weinprobe abzuholen und ich bin dazu eingeladen. Nach der Begrüssung erfahre ich, dass wir zu drei örtlichen Weinbauern fahren würden. Ich bin gespannt, wie das hier im Land läuft. Ben ist dabei unverzichtbar, da er die Weinbauern persönlich kennt, viel wichtiger aber: er spricht die Landessprache, ohne die dabei nichts geht.
Ein Reihe von Überraschungen steht uns bevor – aber eins nach dem anderen, wie man die Klösse isst.
Der erste Weinbauer betreibt seinen Weinberg, die Kelterei und den Ausbau nebenher und verkauft seine Flaschen unten in Virpazar und an Leute, die ihn im Ort finden. Etwa 1000 Flaschen produziert er im Jahr. Vranac (sprich Wranaz) ist die vorherrschende Traube rund um den Skadar-See.
Statt des erwarteten Probiergläschens, wie ich das vom Rheingau oder aus Rheinhessen kenne, werden hier ganze Gläser serviert. Gut eingeschenkt, heisst voll eingeschenkt. Ein schwerer Wein. Alles unkompliziert und sehr urwüchsig – keine Schau. Die Weinprobe kostet pro Nase einige Eurotaler, kein Kaufzwang. Ein Rausch für kleines Geld ist möglich, falls man es drauf anlegen sollte. Wollen wir aber nicht und probieren eine zweite Sorte; bestehen aber darauf, jeweils zu zweit ein Glas zu nehmen, das genügt wirklich. Danach zeigt und erklärt Ben seinen Gästen einiges interessante im Dorf. Wir sprechen noch kurz und wollen zur zweiten Weinprobe aufbrechen, als uns ein Mann anspricht. Er will uns zu einer Weinprobe einladen, wir haben allerdings den Zeitplan schon jetzt überschritten. Ben redet und erklärt, aber der Mann lässt nicht locker. Es geschieht auf eine derart freundliche Weise und wir wollen ihn nicht beleidigen, also steigen wir in seinen Keller. Auf einer uralten Hobelbank stehen Gläser und Flaschen. Wir machens kurz, da schenkt er seinen Walnusslikör aus. Der schmeckt wirklich gut und ein Reisender kauft eine Flasche. Für den Winzer hat sich seine Ausdauer ausgezahlt.
Wir brechen zur nächsten Weinprobe auf, eine Stunde Verspätung bedeutet hier nicht viel. Dieser Winzer produziert an die 10.000 Flaschen pro Jahr. Wir werden mit einem Rakija begrüsst. Trester. Oder wie das neudeutsch jetzt gerne bezeichnet wird: Grappa. Ich mag die klaren Schnäpse hier. Irgendeine Stimme in mir schreit Vorsicht. Ich nippe – entgegen sonstiger Gewohnheit – nur kurz. Meinen Stimmen traue ich: hervorragendes Aroma und unglaublich stark. Wieviel Prozent wird der haben. Der Winzer antwortet so trocken wie sein Rakija: er sollte 52% haben, 50 hat er aber bestimmt. Ein halbes Gläschen reicht, schliesslich sollen hier gute Weine auf uns warten. Zuerst aber besichtigen wir seine Brennerei im Keller.
Die Weinprobe geht wesentlich professioneller vonstatten. Zwei Platten mit herzhaftem Schinken und hausgemachtem Kuhmilch- und Schafskäse schmecken prima. Wir geniessen und kommen ins schwelgen unter den Augen des Marschalls und eines seiner Weggefährten, des Gründers der Partisanenverbände. Zwei Flaschen feinen roten Weines versenke ich beim Abschied in meinem Rucksack. Draussen sehe ich die kleine Kirche in einiger Entfernung ziemlich schräg am Hang stehen. Merkwürdig, drinnen in der Weinstube habe ich garnichts bemerkt…Das Rätsel ist schnell gelöst, wir amüsieren uns und brechen zur (vierten und) letzten Weinprobe auf.
Knapp zwei Stunden Verspätung werden hier kaum übel genommen. Der freundliche Mann geht auf die achzig zu, die man ihm keinesfalls ansieht. Er betreibt den Weinbau als Hobby und hat sich zu seiner Freude einen perfekten Weinausschank eingerichtet. In tiefen rubinrot funkelt der Wein im Glas. Nach dem ersten Schlückchen wird das Glas umgehend wieder aufgefüllt. Gut, dass Schinken, Schafskäse und Brot inzwischen ein solides Fundament bilden. Auch von hier muss eine Flasche mit. Auf dem Rückweg zum Land-Rover klingelt das mobile Fernsprechgerät. Frau Waas ist besorgt. Ich bin sowieso schon auf dem Weg zurück in die Stadt. Und bevor Fragen oder gar Klagen aus dem Publikum kommen: Ich fahre nicht betrunken.
Über Ben (und seine Frau Emma) und was die beiden ungemein freundlichen Menschen hier rund um den See so machen, berichte ich demnächst auf diesem Blog.

 

 

 

 

Advertisements

Kommentare, Gedanken + Hinweise bitte hier abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s