Auf dem Markt – gugge, horsche, probieren und kaufen

Das Wetter macht Freude…

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Heute ist Lattwersch-Tag. Lattwersch sagt man zumindest in Hessen. Pflaumenmus kann man natürlich auch dazu sagen. Ich ziehe Lattwersch vor. Die Zwetschen haben genau das richtige Stadium zwischen zu viel und zu wenig Reife. Irgendwo zwischen hart und weich, innen genau diesen bräunlich gelben Farbton, schon ein wenig rot und kaum noch grünlich.
Auf dem Markt ist das Angebot reichhaltig. Und ungemein günstig. Die Landwirte aus der Umgebung haben hier in der Hauptstadt ihre Stände gepachtet. Doch die kleinen Preise haben auch ihre Kehrseite. Mancher Verkäufer steht den ganzen Tag, bietet seine Waren an und geht dafür am späten Nachmittag mit weniger als zehn Euro Tageseinnahme nach Hause. Deshalb sage ich unseren deutschen Besuchern als erstes, dass sich feilschen und handeln hier selbstredend verbietet. Besuchern aus anderen Ländern muss ich das nicht sagen, die sind anders drauf. Aber die Deutschen. Haben sich natürlich zuhause vorbereitet auf die Reise. Bei ADAC, Verbraucherberatung und ihrer Reiseversicherung über das zu besuchende Land erkundigt. Fünf Fernsehsendungen zum Land angesehen, mehrere Reiseführer studiert und sind nun bestens im Bild. Und meist auch ein wenig zu eingebildet.
Zwei Fragen bewegen mich noch immer nach all den Jahren: warum müssen deutsche Touristen in anderen Ländern geradezu zwanghaft handeln? Und warum ist es für deutsche Touristen so eminent wichtig, im Ausland an Orten zu sein, an denen „keine Touristen“ sind. Kaum ein privater deutscher Reisebericht im Internet, in dem diese Floskel nicht irgendwie und -wo vorkommt…
Der Markt also. Liegt direkt neben der Einkaufsmeile (shopping-mall). Dort gibts den Supermarkt im Erdgeschoss und darüber die üblichen Markenläden. Unterm Dach dann die fast-food Etablissements. Wie in vielen anderen Ländern mittlerweile auch. Einfallslos. Wers geschafft hat oder zumindest der Meinung ist, kauft hier.
In der grossen Halle daneben sieht das Publikum anders aus. Die Leute prüfen sorgfältig und kaufen wenig. Die Einkommen sind sehr niedrig und die Arbeitslosigkeit ist hoch.
Zwei Stockwerke gibts auch hier. Unten die Abteilung mit Obst, Gemüse und selbst gebranntem Schnaps, Honig, Olivenöl und anderen Leckereien. Drumherum in abgetrennten Abteilungen bekommt man Eier, Käse, Fisch und Fleisch. Oben im ersten Stock, die kleinen Stände mit Bekleidung, Schuhen und viel nützlichem Kleinkram für den Haushalt. Ich bin gerne dort, und wenns auch lediglich zum horsche un gugge ist. An keinem Stand sowohl unten als auch oben geht man vorbei, ohne angesprochen zu werden. Izvolite –  was darfs sein?
Männer mit ausdrucksstarken Gesichtern. Kettenrauchende Marktfrauen hinter den Kartoffelbergen. Der Kellner, der von Stand zu Stand seine Runde geht, um Kaffee zu bringen oder neue Bestellungen entgegenzunehmen. Die nette Blumenverkäuferin mit dem melancholischen Blick. Fachsimpeln über Wasserhähne und Angelrollen. Kritisch prüfende Blicke in die Auslagen. Fingern zwirbeln Textilqualitäten aus Kunstfaser. Die Levis für zwölf Euro. Hässlichere Bademäntel sah ich nie. Schrauben und Haken werden auch einzeln verkauft. Knappe Dessous. Das Angebot wechselt saisonal, ist alleweil aktuell. Bis ich meine neue Badehose endlich finde, muss ich zwei Runden drehen. Dafür sieht man die ersten Regenjacken.
Unten kann man vor dem Kauf fast alles probieren. Die Zwiebelfrau ist sichtlich sauer, weil ich ihr nur ein Pfund abkaufe. Sie redet auf mich ein, will mehr in die Tüte packen. Ich verstehe nichts. Blicke und Gesten sagen dennoch viel. Klar, wenn man bedenkt, wie karg die Gewinne hier sind. Einer wie der Ackermann oder einer seiner nichtsnutzigen Kollegen müsste hier mal zwangsweise zwei Jahre arbeiten. Das würde den Blick schärfen für die Lebenswirklichkeit der Menschen, die von ihrer eigenen harten Arbeit und dem lachhaft kargen Lohn dafür abhängt. Spekulation und Abzockerei schenkt keinem dieser Menschen die dünne Suppe in den Teller.
Ich habe hier einen Lieblingsstand. Der Mann verkauft Früchte. Was die Natur gerade bietet. Heute brauche ich Pflaumen. Achtzig Cent das Kilo. Probati! Die Einladung zu probieren nehme ich gerne an. Prima Aroma. Was ist das? Da, diese kleinen roten Früchte. Den Namen kenne ich nicht. Er wiederholt und ich schreibe auf. Zeige ihm dann den Zettel. Wirds so geschrieben? Meine Handschrift kann jeder lesen, sein Blick verweilt (zu) lange auf dem Wort. Ja. Ich nehme versuchsweise ein Pfund mit. Zuhause im Wörterbuch finde ich nichts. Erstmal den Lattwersch kochen.
Als alles soweit gerichtet ist, klicke ich mich durchs Internet und werde fündig. Die kleinen roten Früchtchen schmecken ungemein frisch und herb. Kornelkirschen. Vitaminbomben von Natur aus. Kornelbäume kann man quasi restlos verarbeiten. Das Holz ist sehr hart, die Heilkraft der Blätter empfiehlt schon Hildegard von Bingen. Leider gibts die Bäume in Mitteleuropa kaum noch, in Südosteuropa scheint das anders zu sein.
Ich entscheide mich für eine Marmelade. Die Früchte in ganz wenig Wasser kochen. Wenn sie richtig weich sind, kann man sie besser durch ein Sieb passieren und wird dabei gleich die Kerne los. Das Mark mit Zitronensaft und Zucker vermischen. Die aufkochende Flüssigkeit wird leuchtend knallig rot. Und schmeckt schon kochend heiss dermassen verführerisch. Ich werde morgen nochmals zum Markt gehen müssen. Die beiden Gläser werden schnell zur Neige gehen.
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9 Gedanken zu „Auf dem Markt – gugge, horsche, probieren und kaufen

  1. Keine positive Fundmeldung. Man kommt hier kaum in die Wälder. Dichtestes Gestrüpp bewahrt vor menschlichem Zutritt. Einzig wilde Trauben an einem Waldrand haben wir gefunden, die süssesten, die ich je gegessen habe 😉

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  2. Eine feine Beschreibung. Gut beobachtet.

    Warum man wo sein will, wo sonst keine Touris sind? Kann ich Dir sagen. Jedenfalls warum ich gern da bin. Weil ich gern auch die Leute, also die da lebenden kennen lerne. Und die verändern sich durch den Tourismus oft. Ich habe das mal in Bulgarien an der Grenze zu Griechenland erlebt. Eher zufällig hatte es uns dahin verschlagen. 3 Wochen großartiger Urlaub, Einladungen, nette Gespräche auf der Straße. Sogar die Grenzpolizei wollte uns nicht verhaften, sondern einfach nur zu unserem Ziel bringen. Ein mal haben wir sogar in einem Kloster übernachtet.
    Als wir im nächsten Jahr wieder kamen, hatte Balkantourist dort zwei große Hotels gebaut und!!! das Kloster gekauft. Und alles hatte sich geändert. Keine netten Gespräche mehr, schon gar keine Einladungen.Wir waren plötzlich die, an denen alle verdienen wollten. Und das war zu DDR-Zeiten, als man an uns ganz sicher nichts verdienen konnte.
    Warum die Deutschen immer feilschen wollen? Keine Ahnung. Ich mach das nicht und kann das nicht. Ich kenne auch nur eine Person, die das macht und als ich das mal mit erlebt habe, war mir das peinlich. Ich glaube, da bin ich zu sehr Ossi (was nicht heißen soll, dass viele Ossis ganz schnell gelernt haben zu feilschen)
    Auf die Kornelkirschen bin ich neidisch! Gibts die hier überhaupt noch? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich die das letzte Mal gegessen habe.

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  3. Klar. Die Unberührtheit, wenn nicht die Jungfräulichkeit ist ein schlagendes Argument. Allerdings verändert sich die Ursprünglichkeit schon mit den ersten Besuchern. Also auch durch „Reisende“ wie dich und mich. Und die Jungfräulichkeit ist dahin. 😉
    Die Kornelkirschenmarmelade ist eine Sünde wert – du darfst wirklich neidisch sein 🙂

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  4. Kornelkirschen omg, nie gegessen, geschweige denn von gehört. Gibt es eigentlich eine Frucht die Du noch nicht zu Marmelade verarbeitet hast? Ich sollte mir das auch angewöhnen, heute ist der letzte Rest der Holunder/Apfelkorn verspeist worden, ab jetzt gibts erst mal nur Industrieware, bis die Marmeladenfrau wieder auf dem Markt auftaucht 😦

    Was die Feilscherei angeht, ich kann das nicht gut und es ist mir unangenehm, aber ich hab in Treviso/Italien auf dem Markt mal nen Händler von 550 auf 150 DM für eine weiße Lederjacke „runtergehandelt“ weil ich ihm nicht verständlich machen konnte, dass ich wirklich keine Jacke haben will. Für den Preis hab ich sie dann aber doch genommen *g*

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  5. Ich habe – im Vergleich zu dem, was die Natur an Früchten alles bietet – nur einen kleinen Bruchteil zu Marmeladen, Konfitüren und Gelees verarbeitet. Ich hoffe, ich überstehe meinen anstehenden Abenteuerurlaub demnächst, denn dann sind die Quitten und (erstmals) Granatäpfel dran.
    nb 1: vier Gläser süsse Köstlichkeit nehmen max. drei Stunden in Anspruch, dass solltest du zu jeder Jahreszeit schaffen. Die Ausrede mit der Marktfrau zählt nicht 😉

    nb 2: ich feilsche gerne. Aber halt nur da, wo es auch Teil der jeweiligen Kultur ist und von mir als Kunden vom Händler/Verkäufer auch erwartet wird.

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  6. Ha! Herr Ärmel erzählt uns hier ständig von schönstem Wetter und sommerlichen Temperaturen, dass unsereins am liebsten sofort die Koffer packen würde, um den Spätsommer Montenegros zu erleben… Und jetzt das: auf den Fotos sind die Menschen eindeutig in dicke Winterjacken gepackt! Erwischt, Herr Ärmel – am schwarzen Berg ist das Wetter gar nicht so schön, wie Du uns vormachen willst! *lach*

    PS: Die Markthalle kommt mir – im Vergleich zu unserer beengten Kleinmarkthalle in Hibbdebach so aufgeräumt vor. Ist sie überdimensioniert gebaut worden? Ist die Anzahl der Verkaufsstände im Laufe der Zeit zurückgegangen?

    PPS: […] „kettenrauchende Marktfrauen“ […] Hach, es geht runter wie Öl, dass es noch Länder gibt, wo Rauchen ganz normal ist 😉

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  7. Das Foto wurde am 6.3.2012 aufgenommen. Da herrschten draussen noch andere Temperaturen 😉
    Um 10:26 (Aufnahmezeit) ist da weniger los, der erste Ansturm ist bereits vorbei. Ausserdem sind die Gänge wesentlich breiter als in der Kleinmarkthalle; die gesamte Halle ist ca. 3x so breit.

    Definitiv kein angenehmes Land für Vegetarier und Nichtraucher. Erstaunlich, wenn man dann auf den Friedhöfen die Lebensalter liest: entweder zu jung oder steinalt. Die Steinalten überwiegen allerdings.

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  8. danke für die wachen eindrücke aus einem land, in dem ich noch nie war. touristen sind oft schlicht, wollen für touristen gemachtes. ich hab nix dagegen, wenn die leute so sind, wie sie sind. when in rome, do as the romans do 🙂

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