Der alte Bahnhof (II)

Eher ungünstiges Licht…

     (Foto anklicken und gross gugge)

Letzhin ist der alte Lokschuppen an einen privaten Investor verkauft worden. Niemand weiss, wer das ist und was er mit dem „Objekt“ vorhat. Unruhe in einem grösseren Dorf. Eine Eisenbahnergemeinde im Rhein-Main-Gebiet seit jeher. Traditionen. Ehedem einer der grössten Güterbahnhöfe Süddeutschlands. So eine Art geschienter Vorläufer des Frankfurter Kreuzes. Knotenpunkt.
Nach meinem Gang zum alten Bahnhof will ich mich am Ringlokschuppen noch ein wenig mit dem neuen Weitwinkelobjektiv einschiessen. Die spätsommerlich nachmittägliche Sonne ist dabei eher hinderlich. Deshalb sind die Fotos stimmungsmässig bearbeitet.
Das Hinweisschild weist das Bauwerk als Teil des Regionalparks Rhein-Main aus. Interessante Orte gibt es da zu sehen. Ausserdem „Bestandteil der Route der Industriekultur Rhein-Main“. Als das Hinweisschild aufgestellt wurde, war das Gebäude noch eindeutig zuzuordnen. Jetzt stehe ich vor einer skelettierten Ruine.
Der Ringlokschuppen ist eingezäunt. Die Drehscheibe blockiert. Das war sie schon einmal. Als die Franzosen nach dem ersten Weltkrieg den Bahnhof für ihre Transporte nutzen wollten, fuhr ein mutiger Lokführer eine schwere Dampflok in die offene Drehscheibe und machte so die mögliche Ausfahrt der Lokomotiven aus dem Schuppen und den Gebrauch der Drehscheibe unmöglich. Fast hundert Jahre ist das her. Seit meinem letzten Besuch ist das Dach verschwunden, die Scheiben sind eingeworfen; Müll liegt hier und da herum. Die alten Lokomotiven, die noch bis vor wenigen Jahren darin vor ihrem Zerfall aufbewahrt wurden sind unbekannten Aufenthalts. Irgendwer hat an einer sichtgeschützten Stelle den Bauzaun geöffnet. Eine Einladung.  

 

Ich werfe einen letzten Blick aus dem offenen Tor denke an den Lokomotivführer, der durch ein solches Tor hinaus und in die Drehscheibe fuhr. Was mag ihn dazu bewegt haben? Ob er vorher abgesprungen ist? Aktenkundig ist, dass er sofort nach seiner Aktion ins unbesetzte Darmstadt geflohen ist. Ich packe meine Sachen und gehe hinaus. Gegenüber liegt Jerusalem. Und ganz in der Nähe Peking. Aber das ist eine andere Geschichte.

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11 Gedanken zu „Der alte Bahnhof (II)

  1. Ein großartiges Amphitheater aus der Zeit der Industrialisierung. Ich vermisse die Dampfloks, ihren Lärm und den Geruch, der damals noch die Bahnhöfe dominiert hat. Im nächsten Sommer werde ich mal nach einer Museumsbahn Ausschau halten.

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  2. Das ist ja auch nur Schmalspur, wenn auch auf einer ehemaligen Vollbahntrasse. (Das alte Viadukt in Plettenberg ist vor ein paar Jahren abgerissen worden. :() Aber in BO-Dahlhausen fährt eine Vollbahn, in Darmstadt-Kranichstein auch, und auch hie und da dazwischen.

    Herr Ärmel: Was sagt denn der Denkmalschutz dazu, wie der Bahnhof aussieht? (Der Regionalpark ist grad wohl etwas überfordert; die Seele vom Funktionnemang ist in Rente gegangen, und der Senior-Chef weilt eher in eigenen Sphären, hab ich mir sagen lassen, etwas abseits der tristen Realität.)

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  3. Was soll der Denkmalschutz schon sagen angesichts leerer Kassen und vollmundiger Sprüche? Man kennt das mittlerweile. Du scheinst gut informiert in Rhein-Main´schen Sphären – alle Achtung! Die Kranichsteiner sollen da einiges abbekommen haben aus dem alten Lokschuppen. Nix genaues wusste aber niemand…

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  4. *lach* Die nun verrentete Seele der Regionalparksverwaltung kenne ich recht gut, da hab ich gewissermaßen aus dem Nähkästchen geplaudert. Nicht weitersagen!

    Ja, vollmundige Sprüche, leere Kassen und seltsame Ansprüche an die Restaurierung. Ich schweige da mal lieber.

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  5. Bild 4… das könnte auch das Grundgeschoss des Kolosseum sein 🙂 Diese Industrieruinen haben immer eine besondere Anziehungskraft. Liegt es daran, dass sie – wo früher Dampf und Lärm und Hitze vorherrschten – heute das Gegenteil davon verkörpern? Stille, Leere, Tod?

    Und die Welt der Eisenbahnen… auch so eine spezielle Sache. Ich war längere Zeit beruflich in Detmold in Ostwestfalen. Um dorthin zu gelangen, ging die Zugfahrt immer von Frankfurt nach Kassel und von dort dann in ein Nest namens Altenbeken. Ein wirklich kleines Dorf als wichtiger Knotenpunkt für ICE's in Ost-West-Bewegung und tausenden Gleisen für das Rangieren von Güterwaggons. Skurill! Aber die Betreiber der Bahnhofsgaststätte (noch richtiges 50er-Jahre-Interieur), die gleichzeitig Auskunft, Kiosk und Fahrkartenverkauf ist, waren das Netteste, was mir jemals im Rahmen von Bahnfahrten begegnet ist!

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  6. Deine Frage zu Foto4 ist interessant. Vielleicht gerade wegen der ehemals überbordenden Geschäftigkeit. Mein letztes besonderes Eisenbahnerlebnis war eine Fahrt von Berlin nach Greifswald. Geisterbahnhöfe unterwegs: Angermünde, Pasewalk, Anklam – alles riesige Güterbahnhöfe, die von der ehemaligen enormen landwirtschaftlichen Arbeit Zeugnis ablegen. Selbst in kleineren Orten.
    Und heute? Verlassen, heruntergekommen und dem Zerfall preisgegeben. Da kann (könnten) man traumhaft fotografieren und sinnieren.

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