Impressionen aus Apulien

Blaue Fetzen im Graugewölk…

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Nach Italien ziehts mich von Zeit zu Zeit immer wieder einmal. Ist irgendwie eine zählebige Liebe. Nicht die einzige, aber eine der lebenslangen. Seit mich als Kind drei schwarzgekleidete italienische Frauen vor den (damals typischen) deutschen Erziehungsmethoden meiner Erzeuger bewahrt haben. Später warens die Motorräder. Ducatis. Einzylinder aller Hubraumklassen. Fahrten auf der Suche nach Ersatzteilen, Motoren, Fragmenten. Familienurlaube folgten. Kulturgeschichtliche und literarische Interessen.
Bis in den Süden kam ich nie. Isola del Giglio (die jetzt wegen einer Fähre bekannt ist) war der südlichste Punkt. Und nun also Apulien. Liegt ja quasi gegenüber vom Schwarzen Berg. Mit der Fähre von Bar nach Bari. Nachbarschaft sozusagen.
Eine satte Woche unbekanntes Land erkunden. Frau Waas hatte die glorreiche Idee. Der ideale Mix: Ausspannen, essen und trinken. Und auch Neues entdecken. Apulien ist übervoll von Kultur und Geschichte. Hier zwischen Adria und Ionischem Meer haben im Lauf der vergangenen Jahrtausende viele Schiffe angelegt. Andere sind über Land gekommen. Alle haben ihre Zeugnisse hinterlassen.
Was ist geblieben nach den viel zu wenigen Tagen?
Die alte Poststation mit dem kleinem Gutshof (masseria) von 1710. Heute heisst sie Masseria Quis ut Deus und beherbergt Gäste. Wer ist wie Gott? Auf hebräisch ist dieser Ausdruck den meisten als Name geläufiger: Michael. Jener Erzengel, der auf dem Gargano, dem Sporn Italiens, seinen Fuss auf die italienische Erde gesetzt haben soll. Wie immer man zu Erzengeln stehen mag; die Freundlichkeit und der Service unserer Gastgeber war jedenfalls überwältigend. Von diesem Standort aus lässt sich Apulien hervorragend erkunden und entdecken. Luigi kocht sehr originell und lediglich mit dem, was die Landschaft hervorbringt. Und Gino der Manager ist in allen Belangen ein kompetenter Gesprächspartner. Das schöne: man hat einfach Zeit für einen Plausch oder ein Gespräch.
Die Landschaft liegt weit hingebreitet unter dem hohen und selbst jetzt im November unglaublich blauen Himmel. Jede Stadt hat ihre Geschichte, meist mit eindeutigen Akzenten. Je nachdem, welche Herrscher ihr Spuren am deutlichsten hinterlassen haben. Griechen, Römer, Normannen, Byzantiner, Ottomanen, Schwaben (Staufer), Spanier, Franzosen, – die Vielfalt ist imposant.
Tarent, die alte griechische Hafenstadt ist ziemlich heruntergekommen. Direkt hinter dem Hafen liegt das grösste Stahlwerk Europas, eine Dreckschleuder ohnegleichen. Luigi, der Koch im Quis ut Deus sagt: weisst du wieviele meiner Freunde keinen Vater mehr haben. Krankheiten, Missbildungen: Dioxine und andere Chemikalien haben ihren Tribut gefordert in vielen Jahren. In der Festung Karls V. befindet sich heute das Kommando der italienischen Marine. Auf eine Führung wollten wir nicht warten. Es gibt ganz andere Schönheiten zu sehen in der Landschaft Apuliens.


Wir haben die Stadt nur kurz besucht. Unsere Lieblingsstadt ist Oria geworden. Auch beim zweiten Besuch war die Burg für Besucher geschlossen. Stattdessen fanden wir auf einem kleinen Platz in den verwinkelten Gassen das Ristorante Vincenzo Corrado. Das „Menu für Durchreisende“ war ein Gedicht, beim abschliessenden Sambuca zum Espresso wanderte der Blick himmelwärts und den Gedanken wuchsen Flügel.


Kein Wunder, dass in dieser Stimmung alte Bauernhöfe rasch zum Traumhaus werden können. Viele Gehöfte stehen leer. Da lohnt dann schon der eine oder andere Blick.


Im bosco del pianelle, einem Naturschutzgebiet oberhalb von Crispiano kann man herrliche (und kurze, gell Frau Waas?) Wanderungen unternehmen. In der Macchia findet sich ein allerschönstes Plätzchen für einen frugalen handfesten Imbiss. Die Aussicht reicht bis den Gestaden des Ionischen Meeres. Viel zu schnell vergeht ein Nachmittag in der unglaublichen Stille; einzig die Kühle zum Sonnenuntergang mahnt zum Aufbruch, denn es wird inzwischen früh dunkel.


Leichter Brandgeruch liegt in der Luft. Die Bauern verbrennen den Baumschnitt. Herbstliche Stimmungen. Die Felder werden gepflügt. Uralte Feldmauern, die man hier überall sieht, werden nach Bedarf instandgesetzt. Wir werden sicherlich wiederkommen.
Jetzt müssen erstmal die vielen Fotos entwickelt werden. Und all die Begegnungen und Geschichten sollen sich langsam setzen. Die Espressi in den Cafés zwischendurch. Der Uhrmacher und der Schuster in Crispiano. Die alten Männer auf den Plätzen kleiner Städte. Die alten interessanten Läden. Ein Mittagsschläfchen in einem uralten Olivenhain. Das Lächeln der Metzgerin. Enge Gassen. Schwere Rotweine. Marmor und Sandstein. Die kulturhistorischen Schätze. Das Leben an sich.

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14 Gedanken zu „Impressionen aus Apulien

  1. Mein lieber Scholli, die alte Poststation mit dem kleinem Gutshof hat sich aber gemausert, ich hab mir grad mal die Seite angesehen, da kann man es sich wahrlich gut gehen lassen. Sehr schick. Tarent ist allerdings erschreckend, kaum zu glauben, dass dort noch Leute wohnen (müssen). Im restlichen Apulien versteht man es aber scheinbar zu leben.

    Beim letzten Foto hab ich übrigens lange hingucken müssen, bis ich gemerkt hab dass es sich um die alte Buggelwutz handelt. Sieht aus wie frisch aus dem Laden gezogen das Teilchen.

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  2. Die Altstadt von Tarent war in der Tat ernüchternd. Die anderen apulischen Orte liessen das aber schnell vergessen.
    Alte, liebevoll restaurierte Buggelferkel gibts noch überraschend viele. Leider sind von den anderen „Massenautomobilen“ italienischer Herkunft kaum noch welche zu sehen.

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  3. Ach ja, Bella Italia – da ist wirklich was dran. Selbst Berlusconi und Konsorten können dieses Land nicht verunstalten. Was macht den Charme aus? Sind es die lebendigen, teilweise lauten Einwohner? Oder das gute Essen (das beste in Europa – vergeßt Frankreich, da kostet das wirklich leckere Essen viel Geld). Sind es die italienischen Weine, die perfekt zum Essen passen oder einfach nur die wundervollen Landschaften? Auch die wechselvolle Geschichte und die Traditionen geben dem Ganzen einen spannenden Touch. Was immer es ist – ich liebe Italien – es ist einfach bellissimo.

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  4. Allerbeste Fotos einer wahrlich interessanten Landschaft. Das Blau des Himmels ist wirklich klasse und lädt jeden Polfilter ein.
    Klasse Aufnahmen, die Geschmack auf mehr machen, solltest Du einer Werbeagentur anbieten 😉

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  5. Hallo, wir waren vor kurzem in Apulien und uns hat Oria auch gut gefallen (Castello ist immer noch geschlossen).
    Es gibt so viel zu entdecken und der November war sicherlich die bessere = kühlere Wahl, als der Juli!
    Tolles Wetter wohl inbegriffen.

    Ich glaube, wir müssen noch mal hin, wenn ich so einiges sehe, haben wir noch nicht alles gesehen, wie auch, in ein paar Tagen!

    VG
    Andrea

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  6. Wir waren auch nur einige Tage da – leider. Wir werden sicherlich wieder hinfahren. Müssen wir ja, schliesslich ist sowohl der Negroamaro als auch der Primitivo inzwischen zur Neige gegangen.
    Anfang November war auf alle Fälle prima, aber auch Mai, Juni oder Oktober. Und wenn ich mir deine Berichte anschaue, konnte ich sofort losstarten.

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