Museum mit Marschall und Fussball

Braucht es weitere Erkärungen zum Wochenendwetter…?
     (Foto anklicken ist möglich)
Der erste Blick aus dem Fenster ist ernüchternd obwohl das nach dem gestrigen Abend garnicht nötig gewesen wäre. Für das Frühstück hat Prof. Zwengelmann schon gesorgt, den Mann scheint es bereits im Morgengrauen aus den Federn zu treiben.
Wir entschliessen uns, der jugoslawischen Geschichte näher zu kommen. Das Museum des 25. Juli ist auch sonntags offen. Es ist ratsam vorher zu fragen, denn als Relikt vergangener Zeiten, sind nicht wenige Museen sonntags geschlossen. Im Grunde handelt es sich um einen Komplex von mehreren Museen auf einem weitläufigen Gelände. Zuerst sehen wir uns in einem Nebenbau eine Sammlung von Trachten, kunstgewerblichen Gegenständen und Waffen an, die man dem grossen Mann Jugoslawiens anlässlich von Staatsbesuchen als Gastgeschenke überreicht hat. Natürlich steht auch der Marschall in Bronze gegossen zwischen den Gebäuden.
Ein weiteres Gebäude diente Tito in seinen letzten Jahren als Wintergarten. Dort steht seit 1980 auch sein Sarkophag. In dem Flachbau sind hauptsächlich Staffeln ausgestellt, die ihm zu seinem Geburtstag (25.Mai) von Jugendlichen zum „Tag der Jugend“ überreicht worden sind. Und seine Paradeuniformen sind natürlich auch zu sehen. Die Texte zu den Exponaten sind vorwiegend in kyrillscher Schrift, leider.
Am interessantesten ist das letzte Gebäude, das wir besuchen. Jugoslawische Geschichte. Eine hervorragend gestaltete Ausstellung, die dem Neugierigen viele Fragen beantwortet. Unzählige Artefakte sowie schriftliche Zeugnisse und Filmdokumente (mit Untertiteln) lassen jugoslawische Geschichte vor den Augen der Betrachter lebendig werden. Überrascht sind wir auch von der offensichtlichen Selbstkritik, die manches Ausstellungsstück preisgibt. Die Erklärungen in diesem Bau sind auch in englischer Sprache, sodass historische Prozesse besser verständlich und nachvollziehbar werden. Der zeitliche Rahmen stellt die „beiden“ Jugoslawien dar. Das monarchische von 1918 bis 1941 und das sozialistische von 1945 bis 1991/92.
Neben einigen neuen (Er)kenntnissen ist für mich zur Einschätzung der gegenwärtigen Lage die wichtigste Lehre, dass es schon unter Tito nie gelungen ist, die Nationalitätenfrage zufriedenstellend zu klären. Bei einer Umfrage in einer der fruchtbarsten Zeiten Jugoslawiens fühlten sich lediglich 6% der Befragten als Jugoslawen, alle anderen gaben ihre jeweilige althergekommene Nationalität an. Das mag eventuell damit zusammenhängen, dass in den Pässen die jeweilige Nationalität eingeschrieben war, also serbisch, kroatisch, montenegrinisch etc.. Die Ausnahme bildeten dabei jugoslawische Muslims, deren Staatsangehörigheit schlicht mit Muslim benannt worden ist.
Die neben anderem daraus resultierenden Probleme sind tragisch bekannt als die vier Kriege (1991-1999), die in den resteuropäischen Medien vielfach noch immer gerne vereinfachend als „der Balkankrieg“ beschrieben werden. Die Zeit vergeht schnell und um diese Präsentation vertiefend zu erfassen, braucht man gut zwei Tage. Minimum. Dann kann man vielleicht ansatzweise verstehen, wie der aktuelle Umgang mit der Geschichte in diesem Land stattfindet.
Auf dem Weg in die Innenstadt – hungrig und durstig sind wir geworden in all dem historischen Edelrost – wird vor unseren Augen Zeitgeschichte real. Wir passieren das ehemalige Verteidigungsmuseum. Bei einem der Nato Luftangriffe wurde es beschädigt und dient heute als geschichtsträchtiges Denkmal der besonderen Art. Der hier gepflegte Umgang mit Geschichte ist für einen Mitteleuropäer durchaus gewöhnungsbedürftig.
Das ausgestellte Geschenk, das mir übrigens am besten gefällt, ist ein Fussball. Signiert von den Spielern und mit besten Genesungswünschen begleitet, schickte ihn die Mannschaft von Manchester United nach Belgrad. Ein schwarzer Tag war der 27.1.1980 für ManU, denn das Team fuhr seine bis dahin höchste Auswärtsniederlage ein – 0:6 gegen Hajduk Split. Geholfen hats dem 88-jährigen Tito nicht sehr viel, er starb am 4. Mai 1980.
 

 

 

 

 

 

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9 Gedanken zu „Museum mit Marschall und Fussball

  1. Du machst es richtig, Herr Ärmel – man muss die westeuropäische Brille abnehmen und Geschichte und Gegenwart anderer Völker von Innen heraus betrachten, da ergibt sich eine ganz andere Perspektive und Verständnis für das ein oder andere.

    Nette Randnotiz mit ManU, war mir noch gar nicht bekannt. Als Jugendlicher habe ich mit meiner Mannschaft auch bei Hajduk Split gastiert und im alten Olympiastadion gespielt. Aber das ist ja heute Kroatien und eine andere Geschichte…

    Was sind das denn für merkwürdige Gegenstände, die da an der Museumswand hängen (Bild 4)? Meine Interpretation reicht gerade von antiken Dildos über mittelalterliche Werkzeuge bis Krönungszepter. Sehr seltsame Sammlung 🙂

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  2. Mit Geschichte wird ständig Politik gemacht, Stichwort „Deutungsmacht“. Dort, hier und überall auf der Welt.
    Kyrillisch? Ich erkenne einzelne Buchstaben, aber die speziellen, die von Land zu Land unterschiedlich sind? Nein, die kenne ich nicht. Überdies müsste ich dann doch auch die Sprache verstehen, um alles zu verstehen.

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  3. Wenn immer es gleingt, die eurozentrische Brille abzunehmen, wird das Bild der Welt (Weltbild?) bunter und vielfältiger.
    Das ist eine Sammlung von Stafetten -> „…Weil er am 25. Mai 1944 in seinem Unterschlupf bei Drvar nur knapp einer militärischen Strafexpedition der deutschen Besatzer entgangen war, wurde Titos Geburtstag ab 1945 in Jugoslawien immer am 25. Mai als „Tag der Jugend“ begangen. Bis 1988 fand aus diesem Anlass jährlich ein Staffellauf unter der Bezeichnung Stafette der Jugend durch das ganze Land, der bis zu Titos Tod mit der Übergabe kunstvoll gestalteter Stafetten an ihn in Belgrad endete….“ (cit. wikipedia)

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  4. Klangvolle Namen vergangener Größe: Josip Broz Tito, Hajduk Split, Roter Stern & Partizan Belgrad. Alles an die Wand gefahren. Was ich dabei so erschreckend finde ist, dass viele Menschen dort genau das kommen sahen, schon Jahre vor Titos Tod, aber niemand die Möglichkeiten (oder den Willen) hatte das zu verhindern.

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