Tage kommen Tage gehen

Seltsame Stille. Der Regen trommelt nicht auf dem Blechdach der Dunkelkammer…
Es gibt diese Tage. Langstreckenläufer kennen das Gefühl vom Endspurt. Kein planmässiges Denken. Laufen zielgerichtet. Laufen mechanisch. Durchhalten und weiterlaufen. Laufenlaufenlaufen. Konturen verwischen sich. Der Boden unter den Füssen wird zum Fliessband.
Es regnet seit vielen Tagen. Es giesst in Strömen. Die Vorhersage für diese Woche bestätigt die Fortdauer. Eine merkwürdige Form von Einverständnis legt sich um die Seele. Gegenwehr zwecklos. Der Regenschirm vielleicht. Von der frisch gewachsten Regenjacke perlen Regentropfen in wirren Bewegungen abwärts. Seit Tagen keine Kamera vor dem Auge. Der Aufenthalt vorwiegend in geschlossenen Räumen verändert innere und äussere Regungen. Positiv registriert werden die ausbleibenden Rechnungen der Tankstelle. Dauerregen. Wassermassen. Das Erleben der unausgesetzten Bewegung von oben nach unten überträgt sich. Das eigene Leben verlangsamt sich im Kontinuum der Zeit. Eine milde Form der Lethargie.
Meist entsteht beim fotografieren das Thema für den nächsten Post. Ideen sind bei diesem Wetter fotografisch nicht realisierbar. Keine Fotos keine Posts.
Die Bilder kommen aus zweiter Hand in die Dunkelkammer. Ferngesehen. Da ist die dokumentarische BBC-Serie „The Death of Yoguslavia“. Sechs Teile berichten über den Niedergang Jugoslawiens. Die Dokumentation deckt die Zeit zwischen 1990 und 1995 ab. Zahlreiche Interviews mit den damaligen Akteuren. Einige sind inzwischen als Kriegsverbrecher abgeurteilt. Andere laufen noch immer frei herum. Bilder, die vor allem Fragen aufwerfen. Unverständnis am Ende. Einige Fragen werden trotz der tendenziösen Berichterstattung dennoch beantwortet.
Die ARD hatte vor Jahren ebenfalls eine Serie von Dokus im Programm. Die grossen Kriminalfälle. Fast alle sind bei Youtube zu sehen. An einige lange zurückliegende Fälle erinnere ich mich dunkel. Vera Brühne, Jürgen Bartsch oder Ulrich Schmücker. Bei manchen Fällen wird mir erst jetzt klar, was da im einzelnen gelaufen ist. Interessant wie Gerichtsverhandlungen verlaufen können, wenn politische Interessen tangiert werden. Menschliche Lebenswege. Die Schicksale von Tätern und Opfern. Niemand bleibt unberührt. Betroffenheit noch nach Jahren selbst bei den ermittelnden Beamten. Die oft unrühmliche Rolle der Presse.
Es ist mild draussen. Stille noch immer. In der Ferne zieht ein Flugzeug die weite Schleife zur Landung. Auf der Strasse drunten gehen die Passanten gesenkten Blicks. Wenn es so geht wie im letzten Jahr, werde ich in vier Wochen unten am Strand im Meer stehen. Bis zu den Knien wenigstens. Die Akkus für die Kamera sind geladen.
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5 Gedanken zu „Tage kommen Tage gehen

  1. Die ausbleibenden Rechnungen der Tankstelle waren auch hier während der vergangenen Wochen eine der wenigen positiven Auswirkungen. Der Winter könnte so schöne Gelegenheiten für fotografische Ausflüge bieten, wäre er ein Winter.
    Dabei stimmen hier wenigstens die Temperaturen, nur die Schneedecke fehlt ein wenig. Und Taliban haben wir auch keine *g*

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  2. *schmunzel*
    Soso Taliban also….
    Da weißt Du dann wie es uns hier im Regenwald regelmäßig ergeht. Obwohl die Aussichten hier dafür sprechen, dass am WE die Sonne eine geschlossene Schneedecke erleuchten soll.
    Warum nutzt Du dann die Zeit in der Dunkelkammer nicht für ein wenig experimentelles?

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