Erfahrungswerte

Wolken tänzeln windbewegt unter dem eiskalt stahlblauen Himmel…

Unter Expats gilt es als Erfahrungswert, dass man ungefähr ein Jahr braucht, um sich in einem neuen Land kulturell eingelebt zu haben. Man kennt dann die grundlegenden sozialen Umgangsformen. Weiss, wo man seine Nahrungsmittel kauft, die Schuhe neu besohlen lassen kann und welche Kneipen taugen. Formalitäten sind fix zu erledigen ohne vorher dreimal am falschen Schalter gestanden zu haben und die ersten „Geheimtipps“ haben sich bereits bewährt. Und vor allem: man hat gelernt, welche Einheimischen offen und hilfsbereit sind und überdies die richtigen Leute zur Hand haben, wenns z.B. um de Fernseh geht. Meine eigene Erfahrung hat mich zudem gelehrt, dass falscher Ehrgeiz, diese Zeitspanne verkürzen zu wollen, wenig bringt – im Gegenteil. Geduld zahlt sich aus. Und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. Natürlich hätten wir „unseren Strand“ im letzten Sommer gerne schneller gefunden. Mancher Pfad oder Feldweg hat sich am Ende als Sackgasse erwiesen. Und wenn das türkisblaue Wasser tief unten in der lauschigen Bucht noch so lockte, in diesem Gelände war kein Durchkommen. Viele Wege haben wir ausprobiert.
Auch bei den gutgemeinten Hinweisen und Ratschlägen der eigenen Landsleute ist es angeraten, deren Vorstellungen oder Vorlieben in Betracht zu ziehen. Manche sind eher neugierig auf die landestypischen Gebräuche, andere stehen ihnen distanziert gegenüber. Und so fallen die Tipps dann auch aus.
Das Land ist in die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union eingetreten. Bis zur Mitgliedschaft sind noch einige Jahre hin und bis dahin werden die Menschen noch unbekümmert von europäischen Regelungen alten Gewohnheiten und Traditionen nachgehen können. Aus heutiger Sicht kann niemand abschätzen, was sich dann verändern wird. Obs dann noch so einfach sein wird, seinen eigenen Schnaps zu brennen oder die kleine Tabakplantage im Garten zu kultivieren?  
Hausgebrannter Schnaps wird auf den Märkten angeboten, beim Tabak scheint das etwas anders zu sein. Zigaretten unbekannter Herkunft werden stangenweise eher aus der Einkaufstasche oder aus einem Kofferraum verkauft. Ich bin mehr an Tabak interessiert. Ich drehe lieber. Ich hätte gerne schon früher mal welchen gekauft. Über die Preise war ich in etwa informiert. Entweder hatte ich aber nicht genügend Geld dabei oder war schlicht unsicher. Ich habe also die Szene bei entsprechenden Gelegenheiten beobachtet. Und heute wars soweit.
Die alte Frau an der Hausecke hatte ich schon öfter gesehen. Eine Frau vom Land. Das dicke Wolltuch um den Kopf geschlagen, in einem schwarzen abgetragenen Mantel. Grobe braune Strümpfe. Sie steht heute nicht wie gewohnt an der zugigen Strassenecke. Der Wind ist kalt aber hinter der geschützten Hausecke wärmt die Sonne. Sie sitzt auf dem Boden, neben sich zwei Plastiktüten und einige in dickes Papier gewickelte Pakete. Sie spricht mich an und ich erwidere ihren Gruss. Preist ihren Tabak an. Ich ziehe meine Blättchen aus der Tasche und nehme mir eine kleine Prise für die Geschmacksprobe aus dem Plastikbeutel. Ich habe niemanden gesehen, der ohne Rauchprobe gekauft hat. Ein heller leichter Tabak, der gut kommt. Naturrein ohne die künstlich zugesetzten Aromen und Gerüche der grossen Marken. Der würde sicherlich auch Freunde von Sportzigaretten begeistern. Der Preis bewegt sich im üblichen Durchschnitt. Offensichtlich ist die Frau unsicher da ich nicht viel rede. Sie bietet mir eine weitere Probe aus dem zweitem Beutel an. Der sieht aber eher nach geraspelten Rippen und Stengeln aus. Kostet auch nur die Hälfte. Ich entscheide mich für die erste Tüte und kaufe ein Pfund.
In der Dunkelkammer sind noch einige Dinge zu erledigen. Dann ein Päuschen auf dem Balkon. Die Sonne wärmt schon richtig. Ich drehe mir eine. Das Warten hat sich gelohnt.


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2 Gedanken zu „Erfahrungswerte

  1. Durch eigene Unaufmerksamkeit^^
    Mein Blog wird von den üblichen Verdächtigen reichlich zugespammt. Als ich mich letztlich im Kommentarordner von deren Aufdringlichkeiten fleissig befreien wollte, habe ich voreilig die letzten hundert „netten Kommentare“ versehentlich leider auch gelöscht. Ich ärgere mich ziemlich darüber und werde das in Zukunft anders regeln.

    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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