Menschen im Hotel

Das Wetter? Es ist wie es ist…

     (Ein Klick aufs Foto gewährt Ein- und Ausblicke)

 
Es gibt allerlei zu besprechen. Schöne Pläne schmieden, Strategien vordenken, kleinere Probleme lösen. Und es ist Wochenende. Der ideale Ort für derlei Überlegungen bei diesem durchwachsenen Wetter? DIe Adria, hoch in die Berge oder gleich zuhause bleiben? Hotels erschlagen einen mit fast unwiderstehlichen Angeboten, da ist der Wochenendaufenthalt fast günstiger als in der Dunkelkammer. Wohlfühlbereich eingeschlossen. Die Entscheidung fällt spontan. Unten an der Küste ist es ein paar Grad wärmer. Aus das ist ein Argument. Und überhaupt mal raus aus den eigenen vier Wänden (so zumindest spricht Frau Waas). Ins Hotel.
Da fällt mir Vicki Baum ein. Menschen im Hotel. War ein Knaller seinerzeit und wurde schon in den 1930er Jahren zum ersten Mal verfilmt. Vicki Baums Bücher fielen, wie viele andere auch (das ist ein Qualitätsmerkmal!), der Brandwut der braunen Hunnen zum Opfer. Sie selbst ging in die Emigration und hatte später das Pech, dass ihre Werke eher der Unterhaltungsliteratur zugerechnet wurden. Menschen im Hotel ist zwar unterhaltsame Literatur, aber die Autorin hatte bei der Beschreibung von Menschen und deren Verhalten sowohl ein waches Auge als auch einen hellen Verstand. Der Roman ist als Zeitdokument noch immer sehr lesenswert.
Menschen im Hotel also. Unser Hotel ist fast menschenleer. Wer fährt zu dieser Zeit und bei diesem Wetter schon ans Meer.
Der Portier hievt die zwei kleinen Köfferchen aus der Buggelwutz, fordert dienstbeflissen den Schlüssel und rauscht flugs mit der roten Schönheit davon. In der Lobby herrscht gedämpfte Stille und die Rezeptionisten vertreten sich die Füsse. Ihre Freundlichkeit ist der Abwechslung geschuldet. Endlich kommt jemand zum einchecken. Ist denn das Zimmer mit Blick aufs Meer, frage ich und deute auf den grauen Himmel. Eigentlich nicht, können wir aber gerne machen, es sich wenig Gäste im Hotel. Schön. Wenns draussen schon aus Kübeln regnet, wollen wir das Meer wenigstens vom überdachten Balkon aus geniessen. Es scheint als hätten wir dennoch Glück: Nachmittags gewährt das Wetter einen kleinen Strandspaziergang. Wir gehen nach draussen. Drei Russen stapfen hinter uns her. Schon im Aufzug fielen uns ihre gediegenen Fahnen auf. Vom Frühschoppen wahrscheinlich. Ich staune über denjenigen in T-Shirt und Badelatschen. Dem Mann muss heiss sein. Muss es augenscheinlich allen dreien sein, denn als ich mich unten an der Wasserlinie umdrehe, schwimmen die drei Herren bereits in der aufgewühlten Adria. Dass Angehörige dieser Nationalität noch im November in der Adria schwimmen würden, weil ihnen erst dann die Wassertemperaturen angenehm wären, hielt ich bis genau zu diesem Augenblick für ein abgedroschenes Vorurteil der Einheimischen.
Noch bevor wir uns richtig warm gelaufen hatten und die teilweise bizarren Steinformationen ausgiebig bewundern konnten, holte uns der Regen ein. Schnell noch eine heisse Schokolade und ab zurück aufs Zimmer. Beim Abendessen am Nachbartisch die hippe Endvierzigerin, die ihren Tischnachbarn, enem bodenständigen Ehepaar südosteuropäischer Abstammung, die Bräuche eines japanischen Abendmahls wortreich näher zu bringen versuchte. Die guten Leute mühten sich redlich ab mit den hölzernen Stäbchen, aber die Begleiterin schien die Ausdauer einer Vogelmutter zu haben und führte endlich den Ungeübten die Portiönchen stäbchenweise zum Mund. Auf dem Rückweg zum Zimmer durch die Lärmhölle einer fast leeren Tanzveranstaltung. Die Kapelle hat sich in meinen Ohren den Titel der schlechtesten Coverband redlich erspielt. Einen meiner Lieblingssongs erkannte ich gerade noch so am Text, musikalisch muss es sich allerdings um ein mir unbekanntes Stück gehandelt haben. Interessanter waren sowieso die Menschen. Kahlgeschorene Jungs mit breiten Schultern und knappen Hemdchen. Den Mädels mit den feucht sehnsüchtigen Blicken auf ihren waffenscheinpflichtigen High-Heels war die Musik sicherlich schnuppe.
Nach einer ruhigen Nacht und einem stärkenden Frühstück hatte der Regen einen Stubenarrest angeordnet. Einsame Wanderer regenbeschirmt am Strand. Zum Glück gibts aber in derlei Etablissements meist einen Wohlfühl-Bereich. So auch hier. Die wenigen Hotelgäste vergnügten sich im Hallenbad bei gedämpfter Musik. Wir mögen keine akustische Umweltverschmutzung und zogen uns in die Steinsauna zurück. Im Fünf-Minuten-Rhythmus setzte sich die Höllenmaschine in Bewegung. Ein Korb heisser Steine wird aus einem Ofen gehoben und in einem Kupferkessel im zitronigen Wasser zischend abgekühlt. Schöne quietschend knarzende Geräusche. Erholung und Entspannung auf der ganzen Linie. Draussen verstummten hochaufschlagend die Wellen unter der Gewalt von Blitz und Donner.
Beim Ausschecken die üblichen Floskeln an der Rezeption. Ja freilich werden wir wieder kommen. Alles sehr schön hier. [Wir hoffen natürlich, dass diese Supersondertarife auch im nächsten Winter wieder angeboten werden]. Obwohl, jetzt, nachdem ich die russischen Recken in den Fluten gesehen habe… Die Buggelwutz steht bereits gepackt und munter vor der Tür. Die Dunkelkammer wartet. Irgendwo in Lummerland muss das Buch von Vicki Baum noch sein. Wiederlesen macht Freude. Nächsten Winter. In einem Hotel vielleicht.
 
 
 
 
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9 Gedanken zu „Menschen im Hotel

  1. Demnächst werde ich mich auch mal einreihen, in die Menschen im Hotel. Wird vermutlich etwas voller werden *g*
    Ich mag den Blick aufs Meer, zu jeder Jahreszeit. Und wenn es beim Strandspaziergang leckeren heißen Kakao (könnte evtl. etwas Rum oder Cognac vertragen) zu naschen gibt kann es gerne auch kühler sein. Im Gegensatz zu uns Nordlichtern werdet ihr ja noch ein paar heftige Hitzewellen bekommen, dann wirst Du Dich noch an die frische Brise erinnern :).

    Den geschichteten Felsen find ich übrigens ganz wundervoll. Die Natur hat echt was drauf.

    Der Sauna wär ich aus dem Weg gegangen, die Konstruktion sieht irgendwie nach Explosionsgefahr und schweren Verbrennungen aus. Aber Sauna war noch nie mein Ding.

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  2. Der Kakao war – das Trinkrohr beweist es – ganz knapp am Schokopudding vorbei^^
    Mit den Temperaturen magst du Recht haben. In den nächsten zwei Wochen soll die Sonne scheinen, sie trainiert noch. Aber bis dahin werdens bis an die 20° werden.

    Joh, die Gesteinserscheinungen hier wären eigene Serien wert.

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  3. Foto 2 hat was von Ritter Runkel auf dem Weg nach Konstantinopel. Und die teufelsbrüder kommen gleich um die Ecke und erbeuten die Mirabella. Comic-Kult „MOSAIK“ von Hannes Hegen, Heft 105.
    Menschen im Hotel(der Film mit Fröbe, Rühmann usw.) hat mir mit 17 oder 18 im TV gefallen. Wie das wohl jetzt wäre? Vieles was ich damals gut fand, hat seinen Reiz verloren….

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  4. Ritter Runkel? Die Kneipe in Rostock, ja – ein Comic? Nö, kenne ich nicht. Ich werde mich mal schlau machen…
    Ob dir der Film noch gefallen würde? Alles verändert sich… (Ton, Steine Scherben) Nichts bleibt… (André Heller) – anderseits sind manche Wiederbegegnungen durchaus interessant 😉

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  5. Danke für das Kompliment. Wenn du irgendwann (?) mal kommen solltest, zeige ich dir den Felsen gern – vielleicht sht er dann noch ;-P
    btw.: beim richtigen Licht und wenn man richtig ins Wasser kann, sollte da was draus zu machen sein…

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