Wer zuletzt locht

Als seine Züge fuhren, stand ich auf anderen Bahnsteigen. Manche Menschen lernt man erst durch Hinweise auf ihr Ableben kennen: Reinhard Lakomy (1946 – 2013) zum Beispiel. Seine CD: Die 6-Uhr-13-Bahn (1992) ist meine Musik dieses und der kommenden Tage.. Mit einem Dank an Bludgeon…
Im Lauf des vergangenen Jahres sind viele Musiker gestorben. Reg Presley (Troggs), Kevin Ayers, Peter Banks (Yes), Joe South, Ed Cassady (Spirit), Alvin Lee (Ten Years After), Dave Brubeck, Jon Lord (Deep Purple), Bob Welch (Fleetwood Mac), Davy Jones (Monkees), Earl Scruggs (Nitty Gritty Dirt Band), Levon Helm (The Band), Donald „Duck“ Dunn, Hazy Osterwald. Die Reihe liesse sich fortsetzen. Auch bei den Frauen wurden Sensen geschwungen, z.B. bei Donna Summer, Whitney Houston oder Etta James. Musikanten, deren Musik mich seit meinen jungen Jahren mehr oder weniger stetig begleitet hat. In den letzten Jahren kommen die Einschläge näher. Es kracht anders an der Seele. In den frühen Jahren staunten wir über den 27er Club, Jim Morisson, Janis Joplin oder Jimi Hendrix. Im Lauf der Zeit hat sich die Einstellung zum Tod geändert.
Im Gegensatz zu den Musikern, Schriftstellern oder Künstlern in einem weiteren Sinne löste die Nachricht vom Tod eines Politikers oder eines Wirtschaftsbosses ganz andere Gefühle bei mir aus. Das ging eher in Richtung Erleichterung, oder um mit dem auch viel zu früh verstorbenen Ulrich Roski zu reden, „es gibt zwar immer noch genug von seiner Sorte, aber den sind wir los“ (aus: Den Seinen unvergessen, 1972). Der Grund mag sein, dass ein Politiker für mich nie ein Vorbild in einem positiven Kontext sein kann oder konnte. Aber auch hier änderte sich mit den Jahren zumindest das Empfinden.
Als ich vor einigen Tagen vom Tod Margret Thatchers (engl. Margarete Dachdecker) hörte, fiel mir Scotney Castle ein. Als ich dieses stately home mit dem daneben zerfallenden Wasserschloss in den 1990er Jahren einmal besuchte, hörte ich, dass die „eiserne Frau“ dort eine Wohnung ihr eigen nenne. Sie war da schon im Ruhestand und man munkelte von einer Demenz. Naja, Eisen rostet eben früher oder später. So sprachen wir damals. Verschiedene Erlebnisse der damaligen Reise fielen mir jetzt bei dieser Nachricht spontan wieder ein. Thatcher war bei dieser Reise nur eine belanglose Randnotiz. Als ich unter den Nachrufern ein kleines Interview mit H. Kohl sah, bin ich richtig erschrocken. Der massige Mann aus der Saumagenprovinz sass zusammengesunken in seinem Rollstuhl und ich verstand kaum ein Wort seiner unartikulierten Rede. Für mich war dieser Mann zeitlebens das Gegenteil eines redlichen Menschen, machtbesessen und den Zahlemännern der Wirtschaft ein allzeit willfähriger Gehilfe. Dennoch tat er mir in diesem Moment fast leid. Ich frage mich, ob dieser Mensch überhaupt noch realisiert, welche erbarmungswürdige Figur er da abgibt. Hat er solche Auftritte wirklich nötig?
Wenn man von Ashford (Kent) in Richtung Tunbridge Wells die Nebenstrecke über die A28 nimmt, kommt man nach knapp neun Meilen durch den Flecken Bethersden. Dort in der Linkskurve der Hauptstrasse steht auf der rechten Seite das Anwesen der Stevenson Brothers. Die Brüder stellen Schaukelpferde her. Wenn man Kennern Glauben schenken darf, werden dort die edelsten Pferde von Hand geschnitzt. Das war einer jener bleibenden Eindrücke damals vor fast zwanzig Jahren. Dieses rätselhaft verzauberte Staunen. Kinderaugen in ihrem allerschönsten Glanz. Es dauerte für die anwesenden Erwachsenen fast anstrengend lange, bis das Kind endlich begriff, was es da vor sich sah in dem Ladenlokal. Bis es langsam und sehr vorsichtig auf das wunderschöne Schaukelpferd vor ihm zuschritt und die Händchen sachte nach vorne dem Pferd entgegen streckte. Ein Angestellter hob es auf das Pferd und nach wenigen Sekunden löste sich die Spannung des Kindes in den schaukelnden Bewegungen zu einem fröhlichen Lachen voller Lebensfreude auf.
Das kleine Unternehmen stellt einzigartige Kunstwerke her, die nicht nur kleinen Menschen Freude machen. Solche Freuden zählen am Ende und machen das Leben lebenswert, geben ihm seinen Sinn. Was (er)schaffen dagegen Politiker, was tragen sie zu mehr Menschlichkeit bei?

Allen Lesern wünsche ich ein sonniges Wochenende.

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4 Gedanken zu „Wer zuletzt locht

  1. Birne macht halt weiter wie zu seiner Regentschaft, er sitzt alles aus *fg* und Maggie sorgt wenigstens posthum für Jubelstürme und einen „neuen“ Nummer 1 Hit im UK: http://bit.ly/12Srzix

    *klugscheissermodus on* Earl Scruggs war übrigens kein Mitglied der Nitty Gritty Dirt Band und richtig muss es heißen Donald „Duck“ Dunn *klugscheissermodus off*

    Dir auch ein sonniges Wochenende 🙂

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  2. Ok, you´re right man, he just picked the bänschoh on „will the circle“ – my fault = your bourbon *fg*
    Und Donald Dunn möge mir verzeihen, da habe ich ihm aus Versehen ein i für u getippt (ist korrigiert + Dank für den Hinweis dem aufmerksamen Zaphod)
    Danke für Sonne. Mit bis zu 23° will sie unsere Herzen erfreuen 😉

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  3. Zu Maggy: Ich saß am Freitag mit Britischen Freunden in der Kneipe und feierte ihr Ableben. Erstaunt teilten sie mir mit, dass auch in Britannien gefeiert worden sei. Es sei ein bisschen wie in Connewitz gewesen. Erstaunt waren sie, weil das eigentlich nicht die britische Art sei, auf dem Grab eines Menschen zu tanzen.
    Zu Lakomy: Die besten Kinderschallplatten kommen von ihm. Meine Töchter sind groß geworden mit Traumzauberbäumen und Stadtkaninchen. Für die Prinzessin müssen die Platten unbedingt digitalisiert werden.

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  4. Zu Maggy: Das scheint mit dem britischen Humor zusammen zu hängen: diese Frau zu feiern, die zur galoppierenden Armut der Massen mit all ihrer Kraft beigetragen hat. Und einen überdies absolut sinnlosen Krieg angezettelt hat.
    Zu Lakomy: Typisches Wessischicksal, dass ich den erst in diesem Jahr kennenlernte. Wir wussten vom Osten nicht den Bruchteil dessen, was man jenseits vom Westen wusste^^

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