Kleiner Ausflug am Sonntagmorgen

Eben beim posten und auch zum Wetter passt prima eine Scheibe von Fletcher Henderson mit Aufnahmen von 1923 aus der legendären Serie der Chronological Classics…
 
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Keine Programmübersicht für den Fernseh, müde von dem nachmittäglichen Grillfest in der (noch ungewohnten) sommerlichen Wärme und Frau Waas in weit entfernten Gegenden unterwegs: das bedeutet den frühen Gang bettwärts. Dies hat am folgenden sonntäglichen Morgen den Vorteil, früh mit den Hähnen auf der Landstrasse unterwegs zu sein.
Richtung Medun. Geburtsort von Marko Miljanov, einem national renommierten Autor. Wenn man dem Tal hinter Medun weiter folgt, hört die Strasse irgendwo hoch oben in der Wildnis auf, angeblich in einer verwunschenen Landschaft von beeindruckender Schönheit. Im montenegrinisch-albanischen Grenzgebiet. Die Schönheiten jedoch sind fotografisch kaum wiederzugeben. Taleinschnitte, Senken und Schluchten entfalten ihre Wirkung der Räumlichkeit dem dreidimensional sehenden Menschen. Eine zweidimensionale Fotografie vermag diese optischen Eindrücke nicht zu vermitteln. So wurde gestern bei gegrilltem Lamm, frischen Salaten und trockenem Roten gesprochen.
Wenn man allerdings … zu früher Stunde .. mit entsprechenden Schatten. Fachsimpeleien. Um es vorwegzunehmen. Die Landschaft ist so weitläufig, da helfen auch frühe Schatten nicht. Diese Gegend muss man selbst entdecken und wahrnehmen.
 
 
Am Taleingang vor Medun steht weithin sichtbar ein Gedenkstein für die Opfer. Schätzungsweise sechs Meter hoch. 150 Namen eingemeisselt. Auch durch dieses Tal haben die braunen Barbaren ihre widerwärtig gewaltätige Spur gezogen. In Medun sind wir bereits vor genau einem Jahr gewesen. Regnerisch war es damals  aber immerhin konnten wir einen duftenden Strauss wilden Flieder für die Dunkelkammer schneiden. In diesem Jahr wird der Flieder noch mindestens eine weitere Woche brauchen. Hinter Medun wird die Strasse schmaler, die wenigen Wegweiser tragen kyrillische Schriftzeichen. Der Lallfritz, neudeutsch auch Navigator genannt, verweigert weitere Auskünfte und das mobile Telefon sucht nervös nach Netzen. Ich traue der Strasse nicht und drehe um. Nehme an der letzten Gabelung eine andere Strasse und habe das unwahrscheinliche Glück auf einen Menschen zu treffen, der überdies auch noch englisch spricht. Nein, die andere Strasse war schon richtig. Noch ungefähr sieben bis acht Kilometer weiter geradeaus und dann links abbiegen. Den einzigen Ortsnamen, den ich mir noch merken und dem freundlichen Mann sagen konnte war Kastrat (Betonung auf der ersten Silbe, woll!). Ich fahre weiter und mitten im Nichts steht ein alter Mann an der Strasse. Hat eine Plastiktüte in der einen und streckt den Daumen der anderen Hand himmelwärts. Morgens um halb sieben zeugt das von Optimismus.
 
 
Wie gehabt müssen zuerst die sprachlichen Hindernisse ausgeräumt werden. Den Mann beeindruckt mein Hinweis nicht und er fängt sofort ein Schwätzchen an. Verweigert den Sicherheitsgurt und ich kann ihm nicht klarmachen, dass die Buggelwutz nun gleich Alarm pfeifen wird. Tut sie wundersamerweise aber nicht, lediglich, wenn sich der Mann auf dem Sitz bewegt. Also sitzt er still und schweigt minutenweise. Immerhin verstehe ich, dass er irgendwas geholt hat und nun zu seinem Haus will.
 
 
Die Sätze mit Bezug auf Albanien verstehe ich nicht, dass das Gebäude in der Kurve die Schule für das ganze umliegende Gebiet ist dagegen schon. Kein Mensch ist unterwegs. Die jungen Leute, so denke ich mir, sind bestimmt längst in die Hauptstadt abgewandert und den Alten bleibt in der unwegsamen Einsamkeit als einzige Fluchtrichtung der Schlaf.
 
 
Wir erreichen das Gebiet, in dem es im letzten Sommer grossflächig gebrannt hat. Unbeschreiblich, dass überhaupt Bäume die verheerenden Feuer einigermassen unbeschadet überlebt haben. Dennoch sieht die Umgebung im Morgenlicht irgendwie fremdartig artig. Als hätte sich die Erdoberfläche unter den schier unerträglichen tagelangen Hitzestürmen stellenweise blasenartig gehoben oder gesenkt. An einer Weggabelung möchte der Mann aussteigen, weil mein Weg geradeaus führt. Er bietet mir eine Zigarette an. Bedankt sich überaus herzlich. Rechts hoch gehts ziemlich steil aber immerhin asphaltiert. Ich mache ihm klar, dass ich ihn weiterfahren würde. Er ist offensichtlich verlegen. Ich lasse nicht locker. In seinen Schuhen möchte ich diesen Weg nicht aufsteigen müssen. Der Weg wird immer schmäler, windet sich an Steilhängen hin und hört nach einigen Kilometern ganz auf. Ich verstehe, dass sein Haus nur noch eine Stunde weiter entfernt oben am Berg liegt. Wir verabschieden uns voneinander. Mit einer gegenseitigen Verbeugung, Hand am Herz. Ich bedaure einmal mehr, fast nichts von dem verstanden zu haben, was der alte Mann mir erzählen wollte. Zu gerne hätte ich gewusst, was er mehrfach von Albanien sagte. Andererseits war es dennoch genug, um ein Ziel zu erreichen.
Als ich wieder unten auf der Strasse bin, frage ich mich, wie lange der Mann für die knapp fünfzehn Kilometer, die wir zusammen gefahren sind, zu Fuss wohl gebraucht hätte. Meine Fahrt ist einige Kilometer später plötzlich zu Ende. Hier oben liegt stellenweise noch immer Schnee. Ein Hang ist abgerutscht und macht die Strasse unpassierbar.
 
 
Keine Fahrt nach Kastrat und weiter zum Bukuminsko Jezero, einem See ganz oben in den Bergen. Es könnte allerdings sein, dass die Gebäude, die auch teilweise auf dem Foto rechts zu sehen sind, zum Weiler Kastrat gehören. Die endgültige Schneeschmelze wird bald sein. Auf der Rückfahrt bemerke ich eine unterbrochene Stromleitung. Wahrscheinlich wird sie bald wieder instandgesetzt. Im Winter scheint niemand hier oben zu leben. Der alte Mann könnte ein Senner gewesen sein.
 
 
Die frischen Brisen des Morgens haben nachgelassen. Die Sonne wärmt jetzt auch hier oben und mir fällt die Einladung an den Strand ein. Dort soll heute die Schwimmsaison mit anschliessendem Fischessen stattfinden. Aber die einmalige Ruhe eintauschen gegen das bunte Treiben. Mich hält es hier und ich fahre sehr langsam und halte oft an. Fotografiere aber wenig. Diese Landschaft kann man wirklich nur unvermittelt geniessen.
 
 
Ich bleibe noch ein wenig in der Gegend der verbrannten und verkohlten Bäume und Gehölze. Gegen zehn Uhr kommen mir die ersten Autos entgegen. Die Insassen fahren zu ihren Wochenendhäuschen oder bringen ihre hochgelegenen Gärten in Ordnung.
 
 
Weiter unten stehen die Wiesen bereits in voller Blüte und unzählige Bienen summen von Blüte zu Blüte. Gedanken an die Menschen von den Chemiegiganten Monsanto mit seinen neuesten widerwärtigen Plänen sind aber auch in dieser paradiesischen Ruhe und Schönheit kaum wegzudrücken.
 
 
Allen Besuchern wünsche ich eine schöne Woche.
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4 Gedanken zu „Kleiner Ausflug am Sonntagmorgen

  1. Eine sehr schöne Landschaft, keine Sorge Feuer ist für die Natur auch immer ein Neustart und so wird sich die Gegend dort auch wieder erholen.
    Schade ist es, dass Du den Geschichten des Alten nicht folgen konntest, sind es doch gerade diese, die einem ein Land näher bringen können.

    Und nochmal nein, den Sonnenstuhl gibt es trotz der 24°C bei Euch nicht 😛

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  2. Krasse Landschaft, ich kann mir ziemlich gut vorstellen wie es da aussieht, ähnliche Ecken findet man in Norwegen häufig, fotografisch sehr schwer einzufangen aber vor Ort ungemein beeindruckend.

    Dir auch ne schöne Woche, trotz der Monsantomafia. Ich frag mich ja immer, ob man den Suicidebombern nicht mal wirklich lohnenswerte Ziele anbieten sollte, aber wahrscheinlich kommt man da nicht so einfach in die Chefetagen.

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  3. Genau, ich kenne norwegische Landschaften zwar lediglich von Fotos, aber so in etwa. Allerdings sind die Temperaturen erträglicher 😉

    Monsanto hat dafür gesorgt, dass in Guatemala jahrelang Bürgerkrieg herrschte. Und das ist nur ein klitzekleines Beispiel ihrer unsäglichen Gier. Mittlerweile klagen sie ja gegen die EU, dass ihr genetisch veränderter Dreck (sie würdens Lebensmittel nennen) in Europa zugelassen werden muss.

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