Merkwürdiges Mostar

Josef Hader. Kabarettist. Scharfzüngig, wortgewaltig und bildmächtig. Danach Poetica Magica – Minne Mystic Meistersang (1994). Mit einem Gruss an den Riffmaster…
 
Von Sarajevo fahren wir nach Mostar. Mostar liegt in einem Kessel. Neun Monate belagert, geschätzte hunderttausend Granaten wurden von den Bergen ringsum in die Stadt gefeuert. Das Zentrum um die berühmte Brücke ist weitgehend restauriert. Viele Menschen schieben sich durch die schmalen Gassen. Wir beziehen unser kleines Hotelzimmer und fahren nach dem ersten Eindruck gleich weiter nach Počitelj. Die alte Festungsstadt Počitelj liegt hoch über dem Fluss. Wir machen einen Rundgang. Ein ältere Frau hat ihr Hoftor offen. Als sie uns sieht, bietet sie uns Tee an. Wir sitzen in ihrem Hof und reden ein wenig dies und das. Besichtigen die Moschee. Und essen danach gut.
Zurück nach Mostar. Und nun in Stichworten. Das passt zum Ambiente und zur Atmosphäre.
Drosselgasse, Malle oder Meile auf St. Pauli – ganz wie du willst. Menschenmassen in den schmalen Gassen schon in der Vorsaison. Mädels preisen Restaurants und Übernachtungen an. Alles strömt zu und von der Brücke mit den gefährlich glatten Steinen. Tausende Fotos täglich. Die noch immer zerbombten Gebäude ausserhalb des Touristenwalks. Fast Food und chinesischer Plastikschund. Die Burschen auf der Brücke springen für 30 Eurotaler in den erbärmlich kalten Fluss. Die Kneipe „Marshall“ [Tito] mit der Musik aus den 70er Jahren. Männer um die fünfzig, denen man auch jetzt noch eine bessere Vergangenheit wünscht.
Wenn die Busse, Motorräder und Reisemobile wieder weg sind in der Dämmerung sieht die wiederaufgebaute Brücke wunderschön aus und lässt den ehemaligen Glanz und die Würde dieser Stadt erahnen.
 
     (Foto anklicken und gross gugge)

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

9 Gedanken zu „Merkwürdiges Mostar

  1. Vielen Dank für diesen eindrucksvollen Reisebericht, der garniert mit diesen stimmungsvollen Fotos wirklich ein ganz besonderer Reisebericht geworden ist, zumindest für meine Person.

    Sätze wie „Männer um die fünfzig, denen man auch jetzt noch eine bessere Vergangenheit wünscht.
    Wenn die Busse, Motorräder und Reisemobile wieder weg sind in der Dämmerung sieht die wiederaufgebaute Brücke wunderschön aus und lässt den ehemaligen Glanz und die Würde dieser Stadt erahnen.“ lassen mich in all dem Trubel des Alltags innehalten und lösen in mir so ne Art Besinnung auf das Wesentliche aus.

    Gefällt mir

  2. Es ist in aller Regel alles noch komplizierter. Bosnien galt überhaupt als Musterbeispiel der Möglichkeit, dass Menschen zusammenleben können. In Kürze: Kroaten (Katholen) und Bosniaken (Muslims) bewohnten überwiegend die Stadt. Serben belagerten und bombten sie. Plötzlich überlegten sich die Kroaten, dass Mostar ja eigentlich zu einem längst vergangenen „kroatischen Reich“ gehöre. Nun bekämpften die Kroaten ihrerseits die Bosniaken und zerbombten dabei die Brücke…
    Und heute? – Wie gesagt: Malle, Drosselgasse, Karneval, der ganz alltägliche Raff- und Wahnsinn…

    Gefällt mir

  3. Reisebericht ist geschmeichelt 🙂
    Ich wollte die Bilder für sich sprechen lassen. Meine Worte wären bitterer, trauriger geworden. Und überhaupt habe ich einen Mords Hals geschoben und beim Anblick der Herden ist aus dem Mosaik meines Menschbildes ein weiteres glänzendes Steinchen herausgebrochen…

    Gefällt mir

  4. Liebe Molly,
    es ist an der Zeit, dass auch Sie das Publikum an Ihrem vielgestaltigen und umtriebigen Leben Anteil nehmen lassen. Wir warten darauf. Da würde ich dann ebenfalls gerne partizipieren 🙂

    Gefällt mir

  5. Gute Güte, was für Menschenmassen. Drosselgasse hab ich auch schon kennengelernt, die Reeperbahn nachts um halb eins ist ähnlich, schrecklich. Das war vor dem Krieg in Mostar sicher nicht anders, als Reiseziel immer schon begehrt, obwohl man nicht viel wusste, außer von der malerischen Brücke und den jungen springenden Männern. In Orebic hatten wir aber unsere eigenen Attraktionen, daher sind wir nie nach Mostar gekommen, hat grad mal für Dubrovnik gereicht.
    Die Brücke in der Dämmerung lohnt aber schon. Tolle Aufnahmen.

    Gefällt mir

Kommentare, Gedanken + Hinweise bitte hier abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s