Erlebnis Frühstück

Erschrocken starre ich auf das Cover. Dem Mann hätte ich diese Körperfülle niemals zugetraut. In meiner Erinnerung bleibt er wohl immer der Gitarrenzauberer aus dem Laurel Canyon von 1968.  Mick Taylor – Little Red Rooster (2001)…

Doors closing…  Ground floor…   Doors opening…
Ich finde es praktisch, dass es für Blinde endlich möglich wird, einen Aufzug auch alleine und ohne fremde Hilfe benutzen zu können. Für Sehende, die den Aufzug mehrmals täglich benutzen sind diese Ansagen natürlich eine Herausforderung für die ironisierende Kreativität.
Durch die kleine Aufwärmübung im Lift ist man gut vorbereitet für entsprechend kommentierende Beobachtungen im Frückstücksraum. Draussen auf der Terasse ist das schwieriger, weil die Brisen vom Meer die frühmorgendlichen kommunikativen Ergüsse an den Nachbartischen bruchstückweise verwehen. Da im Morgengrauen mittelschwere Gewitter niedergegangen sind, nimmt man das Frühstück heute drinnen ein. Obwohl und andererseits der Wind auch sein Gutes hat. Der erspart einem manche schwer verdauliche Wortsülze in Aspik. Das Hotel erfreut sich grosser Beliebtheit, denn es liegt zwischen zwei „Marinas“. Liegeplätze (für Boote) nannten normal sprechende Menschen diese Lokalitäten bis vor wenigen Jahren noch. Marina ist für mich allerdings untrennbar mit Rocco Granata und seinem überaus erfolgreichen Lied von 1959. So ändern sich die Zeiten.
An diesen Bootsliegeplätzen haben offenbar auch viele Deutsche ihre Schiffchen vertäut. Pekuniär ist das sicher vorteilhafter als der Starnberger See und ausserdem hat man echtes Meerwasser unter dem Kiel. Und vom Süden Deutschlands aus ist man recht schnell im mittleren Dalmatien.
An einem der Nachbartische sitzen dem urigen Idiom nach zu urteilen drei oberbayrische Zweierbeziehungen mittleren Alters. Während ich mein Frühstück zusammenstelle, schnappe ich im Vorübergehen mehrfach die Fachsimpeleien der Herren auf. Als alles vor mir steht, was ich mir unter einem wohlschmeckend leichten Frühststück vorstelle, haben inzwischen die Damen das Wort ergriffen. Genderorientierter Schichtwechsel beim essen und trinken fällt mir spontan dazu ein. Die Damen fachsimpeln über anderes schwergewichtiges Thema. Vorwerk Haushaltsgeräte. Als eingefleischer Fan vom Kobold dieses Hauses sperre ich die Ohren auf. Ausserdem habe ich eine Schwäche für die Intonation sowie die grammatischen Fehlleistungen der Dialekte jenes „aufwieglerischen Gebirgsstammes am Nordrand der Alpen“ (so der Brockhaus Mitte des 19. Jahrhunderts). Es geht um Teppichbürsten.
Das Ehepaar um die sechzig an einem anderen Tisch lenkt mich ständig ab. Sie reden nicht. Sie frühstückend vollkommen schweigend. Ein ganzes langes Frühstück lang. Das fiel mir schon gestern auf, besonders jedoch ein anderes. Der Körper der Frau bewegt mit äusserster Effizienz ausschliesslich die Teile, die zum essen, kauen und schlucken unabdingbar notwendig sind. Es scheint, ihre Handgelenke sind an der Tischkante angenagelt. Halt, nur das linke; der Nagel rechts geht wahrscheinlich weiter oben durch den Unterarm, dass sich das akkurat abgesägte Marmeladenbrötchenschnittchen mit der Gabel zum Munde führen lässt, ohne den Oberkörper unnütz nach vorn zu senken. In welchem Kurs erlernt man derlei Kunststücke?
Inzwischen gehts um Küchenmaschinen. Da habe ich wohl was verpasst oder falsch verstanden. Küchenmaschinen von Vorwerk? Die Frage wird mir aus dem Bewusstsein gewischt, denn nun beginnt eine kritische Würdigung, die stilistisch alle Stammesgrenzen sprengt, ja geradezu sich ins typisch deutsche Genörgel und Genöhle auswächst. Nach der Aufzählung der mannigfaltigen Vorzüge der Maschine, bei der letztendlich offen bleibt, ob es sich dabei wirklich um die Küchenmaschine oder das Selbstlob der Fähigkeiten der Hausfrau handelt, kommt der finale Blattschuss. Die gekochte, gemixte, gebackene, getrocknete, zerkleinerte, gedämpfte, gemahlene, verflüssigte, geschredderte und weiss der Geier noch alles Speise reicht nur für vier Personen. Also, die Maschine kann nur Essen für maximal vier Personen herstellen. Man könnte natürlich auch sagen, dass der Topf zu klein ist. Die Herren am Tisch schweigen. Die Sprecherin redet sich langsam steigernd in Rage. Ich beschliesse, sofort nach dem Frühstück jene mysteriöse Maschine zu recherchieren. Eine andere Frau versucht mit sanften Worten, das Gespräch zurück zu den Staubsaugern und ganz speziell auf Teppichbürsten zu bringen. Langsam mischt sich in meinem Kopf ein Bild zu einer gedämpften und geschredderten Teppichbürstencremesuppe. Die unbewegte Frau am Nebentisch zerkleinert inzwischen den erstklassigen Schafskäse mit ebenso leidenschaftslosem Gesichtsausdruck wie zuvor das Marmeladenbrötchen. Auf diese Reihenfolge kommen sicher nur Künstler durchfährt es mich. Ich bin satt und fröhlich.
Doors closing…   Thrid floor…  Doors opening…
In der Tat gibt es von vorerwähnter Firma jenes Küchenwundergerät für über tausend Eurotaler pro Stück. Ich suche auf der eigens eingerichteten Homepage, ob es nicht als Zubehör ein Gefäss für den grösseren Haushalt geben mag. Allein, die Firma will Interessierten nicht wirklich informieren sondern gleich den Vertreter ins Haus schicken. Das Thema ist damit für mich durch, denn erstens der Preis und zweitens eine der Lebensweisheiten meiner Urgrossmutter selig im Originalzitat: „Wer alles kann, kann garnix“. Und wie klingt es so verheissungsvoll in der firmeneigenen Reklame: „Der XYZ kann alles – ausser kompliziert“
Na, da freue ich mich doch schon jetzt wieder auf den Klang des lieblichen Idioms mit all seinen weltbewegenden Themen am Nachbartisch morgen früh.
Allen Besuchern wünsche ich eine sonnige Woche.

Zum Foto: Oft im Leben sinds die kleinen Dinge am Rand. Gestern fand in Primosten das 1. Volksradfahren, eine locker familiäre Veranstaltung statt. Zum Start der Pedalisten spielte diese Band auf. Musik im Stil der 1970er Jahre. Anfang der 1970er Jahre um genau zu sein. Ich hätte mich dort gut zu einem ausgedehnten Frühschoppen niederlassen können. Die Band hatte keinen Namen, aber der Fender Bassman auf der Bühne erinnerte mich an alte Zeiten. Das kleine Glück auf einem Dorfplatz.

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5 Gedanken zu „Erlebnis Frühstück

  1. Ahja, das kann nur der Vorlaut Thermomix sein. Gibt Leute die schwören drauf, aber 1000 Euro für eine Küchenmaschine? Die müsste dann schon nach Einfüllung der Zutaten die komplette Mahlzeit auf dem Teller dekoriert ausspucken damit sich das lohnt. Außerdem bekommt man dafür locker zwei gute Objektive *g*

    Musikalisch sind die irgendwie nicht weitergekommen da unten, ich erinnere mich an eine Band die damals im Nachbarhotel eine ziemlich anständige Version von Deep Purples Black Night hinlegte, was mich seinerzeit sehr begeistert hat. Aber das WAREN die 70er Jahre.

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  2. Und wieder voll ins Schwarze getroffen – ich würde auch die beiden (gebrauchten) Objektive vorziehen *fg*
    Und was ich bisher an lokaler Musik gehört habe, lässt meine Erwartungen stark sinken; die Hoffnung auf eine geheime tönende Bonanza habe ich allerdings noch nicht ganz aufgegeben…

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