Arbeiterpaläste

Vielleicht sollte ich Lieder suchen, die den endlosen April erträglicher machen…

Von den sanft gewellten Landschaften Mecklenburgs führte der Weg unter Alleen mitten ins grossstädtische Leben Berlins. Alex und drumherum als bezugspunkt. Stadtplanung und ihr Ausdruck in der Architektur lassen sich auf der heutigen Bundesstrasse 1 anschaulich nachvollziehen. Ehemals hiess der westliche Teil Grosse Frankfurter Strasse, der östliche Richtung Stadtausfahrt und dann immer in Richtung Osten Frankfurter Allee. Am 21.12.1949 wurde die Strasse zu seinem 70. Geburtstag Josef Wissarionowitsch Dschughaschwili zu Ehren umbenannt. Der hielt sich für einen Mann aus Stahl und so führte die Magistrale bis 1961 den Namen Stalinallee. Nach der neuerlichen Umbennung ist sie als Karl-Marx-Allee bekannt. Die Grosse Frankfurter war 1945 eine der Haupteinmarschstrassen beim Kampf um Berlin und wurde dabei in ein einziges Trümmerfeld verwandelt. Dort sollten Stadtplaner ab 1946 das neue urbane (sozialistische) Leben realisieren. Kurze Wege und viel Grün. Hans Scharoun entwarf die „Laubenganghäuser“ entlang der Stalinallee, von denen allerdings nur zwei gebaut worden sind. Doch bevor in aufgelockerter Bauweise hinter der strassenseitigen Bebauung die „Einfamilienhausteppiche“ um kleine begrünte Innenhöfe herum gebaut werden konnten, drehte sich der Wind und blies scharf aus Ost. Der neuen Losung des Stählernen nach sollten Arbeiter in Palästen wohnen. Scharouns am Bauhaus orientierte Entwürfe wurden in Folge dessen als westlich dekadent und formalistisch verworfen. Er entwarf danach für den westlichen Teil der Stadt das Hansaviertel und auch die Philharmonie.
Der erste dieser Arbeiterpaläste entstand etwas abseits der Stalinallee als „Hochhaus an der Weberwiese“. Dreissig Wohnungen mit Bad und selbst in der Küche fliessend warmem Wasser und Elektroherden, Parkettböden und Müllschlucker waren in jener Zeit noch aussergewöhnlich. Gegensprechanlage und Aufzug geradezu extravagant. Acht Stockwerke hoch und auf dem Dach ein Wintergarten für die Hausgemeinschaft. Da pfiffen die Spatzen vom Alex ihr Liedchen: „Es wächst in Berlin, in Berlin an der Spree ein Riese aus Stein in der Stalinallee, …Die Spatzen vom Alex, die pfeifen es laut: Hier wird unser neues Berlin aufgebaut…“
Die Aussenfassade wurde mit Kacheln aus Meissen dekoriert. Die Ziegelsteine stammten aus den Trümmerfeldern der unmittelbaren Umgebung und der verbaute schwarze Marmor soll aus Carinhall gebracht worden sein. Und die schwarzen Säulen am Portal angeblich aus der Reichskanzlei. Die Quellenlage ist jedoch nicht eindeutig. 
Mit 10.000 Mark pro Wohnung kalkuliert, kosteten die knapp 100m² grossen Dreizimmer-Wohnungen am Ende stolze 90.000 Mark. Der monatliche Mietzins betrug 90 Pfennig pro Quadratmeter, 1954 wurde die Miete auf 95 Pfennig erhöht.
Die Grundsteinlegung war am 1. September 1951 und durch die enorme Arbeitsleistung in drei Schichten konnten die zukünftigen Mieter, überwiegend Arbeiterfamilien, bereits am 1. Mai 1952 ihr neues Heim beziehen.
Danach begann man mit der Bebauung der Stalinallee. Der erste Bauabschnitt zwischen dem Strausberger Platz und der Proskauerstrasse wurde im gleichen Stil wie das Hochhaus an der Weberwiese errichtet. Vom Westen Berlins aus verbreitete sich dafür der Spottname „Zuckerbäckerstil“. Mit dieser Abwertung werden natürlich einige positive Aspekte gleich mit in die Tonne getreten. Dazu zählen die vielen künstlerischen Ausdrucksformen. Gestaltungen an Gebäudefriesen, Skulpturen in den Grüanlagen, Tafeln mit Zitaten von Schriftstellern, beispielsweise Brecht oder Goethe, an den Gebäuden.
Ab 1955 wurden wegen der exorbitanten Baukosten einerseits und im Zuge der Entstalinisierung (sog. „Geheimrede“ Chruschtschows 1954) neue Wege in der Stadtplanung eingeschlagen. Überdies war es inzwischen möglich, Betonfertigelemente industriell und auch in grossen Stückzahlen qualitativ zufriedenstellend herzustellen. Das Vorbild für diese Bauweise wurde bereits in den 1920er Jahren in den USA erprobt. Später plante Le Courbousier ganze Städte in dieser Konstruktionsweise, die aus der DDR als „Plattenbau“ bekannt ist. Auch im Westen des inzwischen geteilten Landes traf man in den schnell entstehenden Stadtrandgebieten immer häufiger auf diese Bauweise. Der Begriff „Plattenbau“ wurde dabei allerdings nicht verwendet.
Besonders beeindruckend war an diesem Tag für mich das Zeitzeugengespräch. Eine Familie, die bereits seit 60 Jahren in der Stalin- Karl-Marx-Allee wohnt. Der Mann hat dort selbst noch die Schippe geschwungen und seine Extraschichten weggeschaufelt für ein Los, denn die Vergabe der Wohnungen wurde unter den Arbeitern verlost. Auf der Stalinallee übrigens wehrten sich die Arbeiter gegen wiederholte Normenerhöhungen ohne Lohnausgleich. Das Fass lief bekanntlich am 17.Juni 1953 über. Daraus wurde dann bei uns geschickt der Tag der Deutschen Einheit gestrickt. So lernte ich es in der Schule. In einem vereinten Deutschland hätte Adenauers CDU niemals die Wahlen gewinnen können. 1949 nicht und 1953 erst Recht nicht. Doch das behielten die weitsichtigeren unserer Lehrer allerdings lieber für sich.
 
     (Foto klicken öffnet die Galerie)

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einem aufregenden Tag und der anschliessenden kilometerlangen Begehung der Karl-Marx-Allee im Regen und bei ekelhafter Kälte, freut sich der Körper auf Speis und Trank. Mein nachträglicher Dank gilt dem Pizzeria-Team in der Manteuffel, Ecke Wrangelstrasse! Um 23:30 noch ein anständiges Mittagessen mit Humor aufzutragen verdient ein Extralob. Nach einer entsprechend kurzen Nacht verliessen Berlin Friedrichshain und die Karl-Marx-Allee machten uns auf den Weg, eine ganze Stadt zu erkunden.
Advertisements

5 Gedanken zu „Arbeiterpaläste

  1. Kurze Wege und viel Grün, viel Platz, bezahlbare Mieten auch für Arbeiter, damit hat man bei uns damals die Leute in moderne Hochhaussiedlungen gelockt, in denen heute niemand mehr wohnen will, weil daraus soziale Brennpunkte entstanden sind. Insofern ähnelt das ein wenig dem Osten, gut gemeint aber letztlich fehlgeschlagen die Stadtplanung.
    Nur die Architektur ist „drüben“ etwas wuchtiger, solche Laubenganghäuser habe ich hier allerdings auch schon gesehen.

    Gefällt mir

  2. Solche Modelle wie die „Laubenganghäuser“ sind die Weiterentwicklung der Charta von Athen und beruhen letztendlich auf der Ästhetik des Bauhauses. Das war ja spätestens 1949 wieder passé in der DDR, während es in BRD weiterhin favourisiert worden ist.
    Und das „wuchtige“ hängt mit der Richtung zwischen 1950 und ca. 1958 zusammen, danach kehrte man schon aus Kostengründen zu mehr Gradlinigkeit zurück.

    Gefällt mir

  3. Die Laubenganghäuser wurden vom Kollektiv Ludmilla Herzenstein verantwortet und orientieren sich an Scharouns Plänen. Die Polemik, die zur Kehrtwende hin zur Zuckerbäcker-Magistrale der Arbeiterpaläste führte, wandte sich auch gegen den Vorstadtcharakter der Scharoun’schen Wohnzellen-Idee.
    Wenn ein Link erlaubt ist: http://afraevenaar.wordpress.com/2009/08/25/das-wort-fur-heute-stadtrandsiedlung/

    Hans Scharouns im Auftrag des Alliierten Kontrollrats für ganz Berlin erdachter Kollektivplan wurde übrigens weder in der östlichen noch in den westlichen Besatzungszonen umgesetzt. Mit dem Hansaviertel hat Scharoun nichts zu tun. Seine Vorstellungen von einer durchgrünten Stadt flossen zwar in die Bebauungspläne von 1950 und 1953 ein, die Planung des Hansaviertels lag jedoch nicht in seinen Händen. An dem Architekturwettbewerb 1953 beteiligten sich mehr als 50 Architekten aus einem Dutzend Ländern, jedes der verwirklichten Objekte hat einen anderen Architekten der modernen Architektur.

    Gefällt mir

  4. Die Laubenganghäuser wurden vom Kollektiv Ludmilla Herzenstein verantwortet und orientieren sich an Scharouns Plänen. Die Polemik, die zur Kehrtwende hin zur Zuckerbäcker-Magistrale der Arbeiterpaläste führte, wandte sich auch gegen den Vorstadtcharakter der Scharoun’schen Wohnzellen-Idee.
    Wenn ein Link erlaubt ist: http://afraevenaar.wordpress.com/2009/08/25/das-wort-fur-heute-stadtrandsiedlung/

    Hans Scharouns im Auftrag des Alliierten Kontrollrats für ganz Berlin erdachter Kollektivplan wurde übrigens weder in der östlichen noch in den westlichen Besatzungszonen umgesetzt. Mit dem Hansaviertel hat Scharoun nichts zu tun. Seine Vorstellungen von einer durchgrünten Stadt flossen zwar in die Bebauungspläne von 1950 und 1953 ein, die Planung des Hansaviertels lag jedoch nicht in seinen Händen. An dem Architekturwettbewerb 1953 beteiligten sich mehr als 50 Architekten aus einem Dutzend Ländern, jedes der verwirklichten Objekte hat einen anderen Architekten der modernen Architektur.

    Gefällt mir

Kommentare, Gedanken + Hinweise bitte hier abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s