Immer weiter nach Osten

Gerade aus dem Briefkasten gefischt: Cat Empire – Steal the Light (2013)…

Wer nachts nicht ins Bett kommt, kann morgens auch früh aufstehen. Oder so ähnlich. Vor der Weiterfahrt drehe ich im Morgengrauen noch eine Runde in der Nähe unserer Berliner Herberge. Köpenicker Strasse. Einige Wagenburgen auf brach liegenden Grundstücken. Viele Graffities mit eindeutigen Aussagen.
Die Fahrt zur nächsten Station. Draussen Regen Regen Regen. Müdigkeit und Wetter sorgten für Ruhe in unserem Bus. Eisenhüttenstadt. In meiner Schublade mit den ungereinigten Vorstellungen erzeugt der Name Bilder in tristem Grau. Hagere Menschen trotten abgearbeitet ihren trostlosen Wohnungen entgegen. Dort sieht es immer so aus wie die feuchte Heide mit ihren verwachsenen Kiefern entlang der Autobahn. Eisenhüttenstadt. Wer denkt sich solche Benennungen aus? Zum Tode Stalins 1953 erhielt die Planstadt den Namen Stalinstadt; ursprünglich sollte sie Karl-Marx-Stadt heissen. Stalinstädte gab es seit den 1930er Jahren in fast jedem Land des sogenannten Ostblocks. Stalingrad in der Sowjetunion, Sztálinváros in Ungarn, Stalinograd in Polen oder Qyteti Stalin in Albanien um einige zu nennen. Manche Städte nahm man ihren historischen Namen und wurden einfach umbenannt, andere waren Stadtneugründungen.
Ich bin müde und dämmere manchmal weg. Kein Ortsschild sondern ein Monument zeigt an, dass wir in die Stadt einfahren. Meine tristen Bilder in schwarz-weiss steigen in mir auf. Stadtbegehung, Vorträge und abends der Besuch in einem Kabarett. Ich werds hinter mich bringen. Aber schon als wir uns dem Dokumentationszentrum zur Alltagskultur der DDR nähern, weichen die Bilder auf und bekommen trotz des Wetters eine lebendigere Färbung. Richtig farbig wird es bei der Stadtbegehung.
Die „erste sozialistische Stadt Deutschlands“ entstand aus einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Durch die Teilung fiel die Rohstoffversorgung aus dem Ruhrgebiet weg. Zukünftig kamen die Lieferungen zur Verhüttung aus den Bruderstaaten des Ostens. Neben dem alten Ort Fürstenberg / Oder wurde die Sadt auf dem Reissbrett entworfen. Die ursprüngliche Planung stammt von Kurt W. Leucht. Die Umbennung in Eisenhüttenstadt erfolgte 1961. Im Lauf der Jahre entstanden mit dem Wachstum der Stadt neue Viertel (Komplexe), an denen sich die Entwicklung der Architektur der DDR verfolgen lässt. Grundsätzlich gilt noch immer, dass in jedem Komplex die Bereiche wohnen, soziale Einrichtungen, erholen sowie die Versorgung der Bewohner bereitgestellt sein soll. Für die ersten beiden Komplexe dient noch das Modell der Gartenstadt als Vorbild. Grosszügige Grünflächen, Wasserbassins und Spielplätze für die Kinder und an vielen Stellen stehen Skulpturen zeitgenössischer Künstler. An den Enden der jeweiligen Hauptstrassen stehen die öffentlichen Gebäude: Schulen, Kindergärten, das Rathaus, das Krankenhaus oder „Aktivist“, die Gaststätte mit den Festsälen. Leider ist aus „Aktivist“ die „Bierstube“ geworden – nichts bleibt. Die meisten Strassen weisen im Verlauf eine leichte Krümmung auf. Dadurch ändern sich in den Sichtachsen ständig die Perspektiven und lockern so die Strassenzüge auf.
Ein Spezialist für Geografie und Geschichte sorgt für Aufklärung und Korrektur der falschen Bilder. Wir begehen die Komplexe I bis IV. Insgesamt gab es sieben Komplexe. Zwei davon sind schon wieder rückgebaut, das heisst abgerissen worden. Die Einwohnerzahl betrug in der Spitze ca. 60000 Menschen, heute leben in Eisenhüttenstadt noch 25000 Menschen, die meisten davon sind im Hüttenwerk beschäftigt, das inzwischen zum Konzern eines indischen Investors gehört.
 
       (Ein Klick auf das Foto öffnet die Galerie)

 

 

 
Die folgenden Fotos zeigen die Komplexe I bis IV. Der Komplex I soll demnächst, wie bereits die anderen Komplexe, unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten restauriert werden. Eisenhüttenstadt ist das grösste Flächendenkmal Deutschlands.
 

 

 

 

 

 
Anhand der Fotos kann man die konzeptionellen Veränderungen nachvollziehen. Im folgenden der „zentrale Platz“ für Versammlungen, Kundgebungen und Veranstaltungen zu besonderen Jahrestagen. Danach folgen einige Impressionen. Unter einem blauen Himmel wäre die Stimmung natürlich beeindruckender.
 

 

 

 

 
Nach vielen intensiven Stunden, die tief in die verqueren Bildarsenale wirkten, ging die Fahrt nach Frankfurt / Oder. Dort sahen wir die Revue „Halbe Stadt“, in der das Thema der Abwanderung im Mittelpunkt der Szenen stand. Die Problematik der Migration in Form von Binnen- oder Aussenwanderung könnte ebensogut in einigen Gebieten im Westen der Republik gegeben werden. Bei allem Ernst gabs dennoch viel zu lachen.
 
 
Das Krankenhaus in Eisenhüttenstadt habe ich leider nicht gesehen. Über dem Hauptportal war (oder ist?) ein grosser roter Stern angebracht, der jedesmal erleuchtet wurde, wenn ein neuer Erdenbürger in der Stadt das Licht der Welt erblickte. Ob das heute noch üblich ist? Die Frage wird sich bei einem weiteren Besuch beantworten lassen, denn diese besondere Stadt werde ich bestimmt noch einmal besuchen.
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11 Gedanken zu „Immer weiter nach Osten

  1. Noch viel genialer als Eisenhüttenstadt fand ich ja immer Schwarze Pumpe. Bei diesen Orten hatten die Menschen im Westen wahrscheinlich alle sehr ähnliche Vorstellungen: grau und grauslich.
    Dabei sind einige der Komplexe dem Wohnungsbau hier nicht unähnlich, auf der Wiese zwischen den Häusern auf Bild 8 hab ich mal Fußball gespielt. Allerdings in Wiesbaden.

    Mit blauem Himmel hätte sich die grauen Vorstellungen sicher noch weiter verflüchtigt.

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  2. Interessantes Tripkonzept. Leider sinnlos. Die „Ehemalige“ ist auf Stasihausen und Bautzen festgetackert im öffentlichen Bild. Das ist ungefähr so falsch wie das Märchenidyll-Bayern unter Ludwigs II. Irgendwas stimmt im Ansatz – aber sehr viel fehlt.
    Am „Neuen Menschen“ wurde mehrheitlich vorbeigelebt, aber auf mindestens 3 verschiedene Arten: Phantasievoll-witzig (von mir aus bürgerlich) im Süden, stur-instinktiv untert(r)anig im Norden und möchtegern-westlich in Ostberlin. Die geteilten Oder-Neiße-Friedensgrenze-Städte hatten noch ein Extrapäckchen zu tragen mit den anfallweise gewollten und dann wieder ausgeknipsten „Brudervolk“-Kontakten bei gleichzeitig unter dem Teppich wuchernden Vertreibungstraumata… zu kompliziert für einen Trip durch ostdeutsch-Sibirien oder für ein posting.

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  3. So ein Beitrag ist viel Arbeit. Danke dafür und für deine Reiseerzählungen und Informationen. Bei allem ist es ja auch erst ein Anfang und nur ein kleiner Teil und Ausschnitt der Geschichte. Beachtlich ist doch auch, wie schnell sich Menschen entfremden können.

    Dir weiterhin viel Freude bei deiner Reise durch Land und Geschichte.

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  4. Sinnlos? Das sehe ich – zumindest für mich – nicht so. Kommt halt drauf an, ob man sich interessiert oder sich lieber in bequemen einfachen Schlagworten einrichtet.
    Deine Darstellung der „Trinität“ finde ich gut

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  5. Schwarze Pumpe kenne ich nicht. Dazu fallen mir die Bilder ein, die einige aus dem Westen stammende Teilnehmer losgelassen haben. Die könnten mit einer schwarzen Pumpe aus dem Brunnen des seelsichen Jenseits gefördert worden sein…

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  6. Interessanter Bericht und Hintergrundinfos.
    Das ist wirklich ein Stück Städtekultur die meines Erachtens so etwas von am Menschen vorbei geplant sind. Selbst bei blauem Himmel würde mich nichts dazu bewegen können dort zu leben.

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  7. Lieber Ärmel,

    herzlichen Dank für deine ausführlichen Reiseschilderungen, die ich total spannend finde. Jeder individuelle, persönliche Eindruck ist genauso gut, richtig und wertvoll wie die offizielle Geschichtsschreibung. Die Fotos sind dabei ebenso aussagekräftig. Ist es nicht verräterisch, wie sehr sich totalitäre Architektur hier und da gleicht? Und lässt es nicht staunen, dass aus beiden Quellen die gleiche kühle Sachlichkeit der Folgezeit entstand?

    Gruß, Willi

    und PS: vielen Dank für die Musiktipps zu Hot Tuna und Cat Empire

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  8. Lieber Willi, ich freue mich jedesmal über deine Kommentare – herzlichen Dank dafür!
    Wenn man sich auf die andere Seite der Masse schlägt und den Blick statt zum Treenden auf das Gemeinsame wendet, dann wirds wirklich spannend und erhellend.

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