In den Schluchten des Erzbegirges

Im Obst- und Gemüseladen meiner Wahl läuft ein „Sommerhit“. Überhaupt scheint sich die Stadt gerade auf einen endlosen Sommer einzurichten…

Über Umwege wegen überflutender Bäche und Flüsse ins Umland von Chemnitz. Kleine Dörfer hingeduckt in enge, tiefe Täler. Wieder ist die Nacht mindestens zwei Stunden zu kurz. Zuerst steht der Besuch bei einem Unternehmen auf dem Plan, das Platinen herstellt. Von den einst über 600 Mitarbeitern überleben wenig über 100 den Kahlschlag der „Treuhand“ entgangen. Durch Innovation, harte Arbeit, viel persönlichen Verzicht und vor allem Solidarität gelingt es, in Deutschland zur Nummer Zwei zu werden und in Europa den siebten Platz zu belegen. Das Unternehmen beliefert viele Kunden mit sehr unterschiedlichen Aufträgen. Wo gibt es so etwas noch: „Wir liefern Grossaufträge ebenso wie individuelle Einzelanfertigungen“, sagt der freigestellte Vertreter des Personals. Die kaufmännische Direktorin erzählt die Geschichte des Unternehmens. Genauso gut hätte sie eine Hochgebirgswanderung auf schmalem Grat beschreiben können. Der Rundgang durch die Fabrikhallen (Fotografieren verboten!) zeigte modernste Maschinen. Erklärungen, die die Arbeitsabläufe verständlich machten. Schuhputzapparate vor den Türen sensibler Produktionsbereiche. Eine alte Maschine, ganz überzogen vom Edelrost einer vergangenen Epoche, vielfach ebenso einfallsreich wie improvisiert im Takt gehalten, tut noch immer ihren Dienst.
Die anschliessenden Gespräche mit Zeitzeugen erlaubten sowohl Erweiterung wie Korrektur eingeschliffener Sichtweisen in die industrielle Arbeit der untergegangenen DDR. Lohnsysteme, Materialbeschaffung, Planerfüllung, Exporte ins nichtsozialistische Ausland. Westdeutsche Markennamen fallen zuhauf. Und die erhaltenen Relikte wie z.B. das Brigadebuch. Ein Tagebuch der Firma. Ferienregelungen. Die Ferienunterkünfte der Kombinate an der Ostsee. In unserem Unternehmen sind die der Treuhand zugefallen. Gründerzeitvillen an der Ostsee. Schweigen wir über die derzeitigen Besitzer. Ein Textilunternehmen dichte bei hat der Treuhand derlei Immobilien schlicht verschwiegen und besitzt sie glücklicherweise heute noch. Aus den Gewinnen restauriert und renoviert, können dort noch heute Mitarbeiter des Unternehmens günstig ihre Ferien verbringen.
Dass es vormals Unterschiede zwischen – nach heutigem Sprachgebrauch – mittelständischen Betrieben und Grossunternehmen gab, ist ebenso klar gworden wie die geografische Lage. Und hier in Sachsen war man weit entfernt von Berlin. Vielleicht ist was dran an dem alten Satz: „Durch die Erde geht ne Achse, doch an der Kurbel sitzt ein Sachse“. 
Am Nachmittag zur Besichtigung der ersten nach dem Zweiten Weltkrieg in Sachsen erbauten Grundschule. Wie funktionierte das Schulsystem und wie weit reichte der Arm der Partei? Waren die Lehrer zu Erfüllungsgehilfen degradiert, wie waren die Verhältnisse zu den Schülern? Auf diese und viele weiteren Fragen geben die Lehrer bereitwillig Auskunft.
Mittlerweile werden Fragen auch etwas sensibler gestellt. Nein, nicht alle Menschen waren IMs oder gar Festangestellte. Dennoch fast handgreiflich spürbar ist eine unterschwellig aggressive Vorsicht den Fragenden gegenüber. Kein Wunder, wenn Medientrommler und rund 80% der deutschen Bevölkerung (west) die anderen 20% der deutschen Bevölkerung (ost) notorisch als Deppen hinstellen, die lediglich an Westmark, Bananen und amerikanischen Schlosserhosen interessiert waren. Mir schlägt diese Erkenntnis inzwischen leicht aufs Gemüt. Bin ich statt auf einer Exkursion etwa an Bord einer  geistigen Titanic, die ihre eigenen Scheuklappen feiernd, geradewegs dem Untergang entgegenfährt? Ist der Eisberg aus Medienberichterstattung, Politik und Geschäftemacherei wirklich nicht zu wahrzunehmen? Neue Fragen, die nach tragfähigen Antworten suchen.
      (Foto anklicken – Grossbildschau garantiert)

 

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15 Gedanken zu „In den Schluchten des Erzbegirges

  1. Lieber Herr Ärmel,
    ich verfolge seit Tagen Deinen „Reisebericht Ost“. Das ich bisher nichts dazu sage, liegt daran, dass ich der Sache zu nah bin.
    Ich finde es aber höchst interessant zu lesen. Manchmal bin ich verwundert, manchmal nicke ich zustimmend. Manchmal stellen sich mir Fragen.
    Jedenfalls merke ich, schon bei den letzten drei Sätzen, dass jeder Kommentar entweder am Thema vorbei geht, oder falsch interpretiert werden könnte wegen der unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen.
    Ich merke, das Thema der Reise ist zu vielschichtig. Vielleicht gelingt uns doch irgendwann ein persönliches Treffen, dann hätten wir viel zu reden.
    Ich freue mich auf weitere Berichte.

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  2. Liebe Inch, schönen Dank für Deinen Kommentar. Das Thema ist in der Tat sehr komplex und diese ganz spezielle Exkursion war Teil meiner Beschäftigung damit. Ich merke jedenfalls (seit Jahren schon), dass ich mit meinem Interesse ziemlich alleine dastehe, wenn es sich nicht um rein wissenschaftliche Diskurse handelt.
    Und dass wir uns persönlich treffen will ich doch schwer hoffen!

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  3. Interessanter Bericht.
    Die Vorurteile gibt es leider noch auf beiden Seiten. In der Nachwendezeit durfte ich mir ein paar Jahre in Vorpommern ein Bild davon machen. Einerseits die teilweise rücksichtslose Arroganz einiger „Altbundesländerbürger“ andererseits aber die Verachtung der „Einheimischen“ gegenüber allem Fremden. Meine Hoffnung bewegt sich in die Richtung, dass die Zeit/Generationenwechsel damit aufräumen.

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  4. Genau so sehe ich das auch mit den Vorurteilen. Und deshalb muss man miteinander reden und die Gemeinsamkeiten betonnen und nicht das Trennende. Dumpfnasen gibts zwar überall aber vernünftige Menschen auch.

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  5. Ohhhhh, thaaaaanx für die Schlusssätze mit dem Titanicvergleich! Voll auf die 12. Garatulation und Hofknix. So sehe ich das auch. Getreu dem Danzertext aus „Traurig aber wahr“, von der immer falsch handelnden Menschheit läuft das „Demokratieprojekt“ mangels fähigen Erneuerern immer unübersehbarer unbefriedigend und schief. Nicht nur im Osten, aber hier am offensichtlichsten.
    Auf Vorurteilsabbau durch Generationswechsel zu hoffen, wie in den Kommentaren hier zu lesen ist, ist meiner Meinung nach falsch. Wer über 20 Jahre die Intelligenz abwandern lässt, muss sich über wachsende zu Tage tretende Dummheiten nicht wundern.
    Oder noch drastischer: Wer nur noch „Volkssturm-Truppen“(= Alte, Versehrte, Verblendete, Naive) zur Verfügung hat, der kann nichts mehr gewinnen.
    Thierse warnte 1999: „Der Osten steht auf der Kippe.“ Er wurde gescholten und verstummte.
    Inzwischen sind wir 14 Jahre weiter. Was ist geschehen?

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  6. …das ich der Sache zu nah bin. Berührt mich, Inch, und wühlt mich tief auf.

    Auch ich würde jetzt wahrscheinlich nur missverständlichen bubblekram ausplustern können.

    Doch eine Frage muss sein:
    Warum verhalten sich die Menschen in den ehemals getrennten deutschen Republiken so, wie sie sich heute verhalten?

    Und ich kann mir gut vorstellen, wenn wir in die Tiefen der westdeutschen Seelen hineinschauen, und nur für diese meine ich fühlen zu können (alles andere wäre anmaßend), große Ängste, Scham, Wut, Verletzungen, Zorn, Haß…. sehen würden. Unverarbeiteter und verdrängter Seelenmüll, der JAHRZEHNTELANG auf die Öffnung eines Ventils gewartet hat.

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  7. Noch eins hinterher:

    Und nach der WIEDERGUTMACHUNG in den späten 60er, die Entschädigung für KZ-Häftlinge, kam 30 Jahre später noch die WIEDERVEREINIGUNG.

    Ist damit alles WIEDER gut? Die Geschichte ENTSCHULDET?

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  8. Uff, der Generationswechsel. Gab es eigentlich mal eine Zeit, in der man nicht auf Verbesserungen durch Generationswechsel hoffte? Diese Hoffnung hab ich vor 30 Jahren schon begraben, als ich gemerkt habe, dass es in meiner Generation auch mehr Vollpfosten als vernünftige Leute gibt. Besser ist es seither nicht geworden.

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  9. Deine (einfache scheinende) Frage provoziert geradezu eine kurze schnelle Antwort. Und genau die würde eine solch komplexe Frage ganz bestimmt nicht treffend oder gar erschöpfend beantworten.

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  10. Lieber Bludgeon, Vielen Dank: von dir ehrt mich die Gratulation!
    Und an Generationenwechsel im Sinne von Bewusstseinsveränderung glaube ich generell nicht. Ein Blick in die Geschichte lehrt, dass sich zwar Formen geändert haben, die Inhalte jedoch weitgehend gleich geblieben sind. Noch immer sind die Herrschenden die Herrschenden. Noch immer sind Massen bereit, sich von jedem erfolgreichen Populisten zum auserwählten Volk erklären zu lassen und ihm folgen, wo immer er sie hin befiehlt.
    Nur wer sich selbst verändert, verändert die Welt…

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  11. Zaphod, man könnte meinen, du wärst schon mal 15 Jahre später auf einem Klassentreffen gewesen *ggg*
    „Die Bonnies und Clydes von früher, heute als Herr und Frau Bieder…“ (U. Lindenberg)

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  12. Lieber Herr Ärmel,
    da ich ja das Vergnügen hatte, die von Dir geschilderte Reise mitzuerleben (und darüber hinaus einige sehr anregende Gespräche mit Dir führen zu können), will ich als eine ehemaliger Besitzer eines DDR-Personalausweises, hierzu zweierlei sagen:
    1. Deine Schilderungen retten meine Impressionen vor der Gefahr des Verblassens und treffen pointiert den Kern des jeweiligen Ereignisses. Davon abgesehen, sind die Bilder natürlich eine Kategorie für sich.
    2. Ich hoffe nicht zu weit zu gehen, wenn ich mich erdreiste, bei uns von einer Verwandtschaft in der Geisteshaltung zu sprechen. Dies trotz einiger Jahre Differenz in der Lebensbilanz (ich sage nicht wer älter oder jünger ist) und einer entsprechend unterschiedlichen Sozialisierung im Westen oder Osten. Die Art unserer Verständigung hat mir jedenfalls bewiesen, dass vorurteilsfreier Umgang möglich ist und dies der einzige Weg ist, mit diesen vermaledeiten Stereotypen in Ost und West aufzuräumen.

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