Zu guter Letzt

Danke! – Absolute Beginners. Und danach wird mir Barbara Rudnik – Menschen im Hotel von Vicki Baum (1929) vorlesen…

Der letzte Tag. Nach der kürzesten Nacht der Exkursion ein schnelles Frühstück und dann noch einen verlängerten Vormittag mit Vorträgen. Die Kultur stirbt zuletzt. Malerei im sozialistischen Realismus, Bitterfelder Weg und Tauwetterphase.
Der Dokumentarfilm am Beispiel des Projektes „Die Kinder von Golzow„. Dabei wurden in 20 Filmen 18 Menschen der Jahrgänge 1953–55 von 1961 bis 2007 mit der Kamera begleitet. Eintrag im Guinness Buch der Rekorde: Film mit der längsten Produktionsdauer. Die „Märkische Trilogie“ von Volker Koepp, gedreht 1988 zeigte die Arbeitsbedingungen in einem Ziegelwerk ungeschönt und wurde aus diesen Gründen nur in einer zensierten Fassung gezeigt. Die beiden anderen Teile wurden 1989 und 1991 gedreht und machen die Wendezeit am Beispiel der Betroffenen sichtbar. Die Filme sind frei von ideologischen Prämissen und zeigen einfühlsam die Veränderung der Verhältnisse und der Menschen. Eine beeindruckende Dokumentation. Aufschlussreich und interessant war eine Rezeptionsanalyse zum Film „Die Legende von Paul und Paula„.  
Das Thema Karikaturen. Political Correctness korrekt unterlaufen. Endlich lernte ich Ritter Runkel in der Zeitschrift Mosaik persönlich kennen. Von den unzähligen gezeigten Beispielen gefiel mir das Bild mit der alten Adler-Schreibmaschine am besten. Vielleicht wegen der begleitenden Anekdote. Sie hatte nur drei Tasten: b l a. Als Honnecker bei der Präsentation das Bild sah, eilte er freudig auf das Kunstwerk zu und rief: „Auf so einer habe ich schreiben gelernt.“
Musik. Kinderlieder. Wie wurden Liederbücher zusammengestellt? Welcher Kontrolle unterlagen die Texte? Da wurde mir wieder bewusst, wie wenig ich weiss. Der bekannte Kurt Demmler textete irgendwie für alle. 2009 erhängte er sich in seiner  Zelle. Gerne wüsste ich mehr über Rock, Blues und Jazz in der DDR. Die Zeit eilt.
 
Was bleibt? Verständlich, dass alle Teilnehmer redlich erschöpft waren nach einer überaus intensiven, ausgefüllten und erfüllenden Woche. Auf dem Bahnhof von Erfurt gegenüber dem Fenster, aus dem Willy Brandt 1970 die Menschen grüsste, nahmen wir Abschied voneinander.
Der erste Titel meiner Berichte einer Fahrt auf der Suche nach der sozialistischen Menschengemeinschaft war Lost in Ost? – Test the West! überschrieben.
Kein vereinfachendes „so wars halt“ steht für mich am Ende. Im Gegenteil. Ich betrachte meine Erfahrungen als Inspiration und Aufforderung gegen die seit Jahren bereits fortschreitende Geschichtsklitterung weiterhin mir Aufklärung zu verschaffen. Es kann nicht angehen, dass vergangene Zeiten, die im System der heutigen Bundesrepublik nicht opportun sind, einfach auf dem Abfallhaufen der Geschichte landen. Egal ob positiv oder negativ, die Vergangenheit soll den Zukünftigen sowohl zur Mahnung aber auch zum Ansporn dienen. Überdies verbinden die Menschen der früheren DDR und der BRD mehr Gemeinsamkeiten, als ihnen vielleicht bewusst oder gar lieb ist.
Geschichte schreiben nicht Sportler, Komiker oder Musikanten und schon garnicht Politiker. Auch wenn ihnen diese Metapher im Zusammenhang mit ihren Leistungen, Auftritten oder ihrem Wirken gerne zugeschrieben wird. Nicht Kohl oder einer seiner Genossen sondern die Menschen, die im Osten auf die Strasse gingen und grosses persönliche Risiken eingegangen sind, haben Veränderungen herbeigeführt.
Geschichte hat immer auch eine politische Dimension und was wir heute in Geschichtsbüchern lesen, unterliegt stets politischen Zwecken. Auch Historiker oder Kulturwissenschaftler bewegen sich im Rahmen dessen, was gerade angesagt ist. Geschichtsschreibung ist seit Herodot fast immer die Beschreibung der Herrschenden.
Geschichte entsteht jedoch aus dem, was und wie jeder einzelne Mensch an jedem Tag  lebt. Jeder entscheidet für sich selbst, wie er an dieser entstehenden Geschichte mitwirkt. Und auch darüber, wie er mit der bereits entstandenen Geschichte umgeht. Für mich findet Geschichte in einem weiteren Rahmen als den engen Grenzen eines Nationalstaates statt. Das 19. Jahrhundert ist vergangen. Zur deutschen Geschichte zählt für mich deshalb auch die (Kultur)Geschichte der DDR. Vor allem interessieren mich der Alltag und das Leben der Menschen, die ebenfalls diese Geschichte ihres seinerzeitigen Staates mitgeprägt haben. Damit sollen die dunklen Seiten, die Unterdückung und Verfolgung keineswegs verschwiegen werden. Vielleicht habe ich den Vorteil, die DDR weitgehend unbelastet kennengelernt zu haben, abgesehen von Besuchen in Ost-Berlin, einem langen Wochenende 1987 und den vielen Fahrten über die Transitautobahn und ohne verwandtschaftliche Bindungen.
Die Grenzen sind 1989 gefallen, in vielen Köpfen, so will es mir gerade auch nach dieser Exkursion scheinen, sind sie nach wie vor existent. Beschämend waren für mich Worte des Dankes dafür, dass „sich jemand dafür interessiert, wie es hier wirklich war“. Deshalb gilt mein tief empfundener Dank all den Menschen, denen ich begegnen durfte und die ihre Zeit aufwendeten, um den vielen Fragen Rede und Antwort zu stehen.  Vergessen sollen auch das Team nicht sein, dass diese sicherlich einmalige Exkursion über zwei Jahre vorbereitete und begleitete.
 
Morgens um früh um sechs Uhr begab ich mich auf einen kleinen Rundgang durch Erfurt. Hier einige Impressionen.
 
       (Ein Klick auf ein Foto öffnet die Galerie)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Allen Lesern, die diese Reise begleiteten und die Berichte kommentierten meinen Dank und ihnen allen ein schönes Sommerwochenende.
Advertisements

14 Gedanken zu „Zu guter Letzt

  1. Willy Brandt ans Fenster? Das dürfte auch erst nach 1990 entstanden sein *g*
    Es wird wenige geben die sich so intensiv für die Geschichte der DDR interessieren, die meisten werden leider nur die Fußnoten in den Geschichtsbüchern lesen, die im Westen geschrieben werden.

    Gefällt mir

  2. „Willy Brandt ans Fenster!“ einer Sparkasse. Menschheit, du hast es einfach nicht. Bei der heutigen Geschichtsverlorenheit bringt das niemand mehr richtig auf die Reihe, der 1970 und später geboren ist.
    Zum „nachwischen“ (früher hätte man hier nachschlagen geschrieben – aber: keine Gewalt!) und nachjuhtubm nimmt sich keiner die Zeit für so eine Lappalie, also mutet es an wie die allzeit devote Auswechslung von „Lenin war hier!“, man isja schließlich im Osten. Vermutlich konnten die Stadtverordneten 1990/91 geradeso daran gehindert werden, Erfurt den Zusatz „Willy Brandt-Stadt“ zu verpassen. Eventuell muss man sich dafür sogar bei der PDS bedanken. Ich hör schon auf…

    Gefällt mir

  3. Meine Rede: so wird Geschichte gemacht. Begäben sich in, sagen wir in 500 Jahren, Historiker auf Quellensuch, würde wahrscheinlich bedauernd bemerkt, dass entscheidende Quellen (noch) auffindbar seien, die den genauen Aufenthalt Willy Brandts in jenem Gebäude hinreichend erklären könnten. Vielleicht habe er u.U. in der seinerzeit im Bauwerk befindlichen Bank (Sparkasse?) einen damals in Mode gewesenen Bargeldauszahlungsautomaten aufgesucht. Möchte auch sein, dass ein Verwandtenbesuch angestanden habe, der allerdings schwierig zu dokumentieren sei, da a) etliche Quellen hinsichtlich verwandschaftlicher Verhältnisse nicht mehr eindeutig zuzuordnen seien und b) einige östliche Provinzen Deutschlands zu jener Zeit in einer Art politischem Separatismus sich befunden hätten, gekennzeichnet durch ein eigens zu überwindendes Grenzsystem…
    Ich kann mir da noch ganz andere Varianten vorstellen.
    Guggst du hier: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=3Z2vU8M6CYI#at=17

    Gefällt mir

  4. Hallo Herr Ärmel,

    vielen Dank für die interessanten Einblicke in die Exkursion.

    Darf ich noch eine Anmerkung machen?
    Es gibt unter der Rubrik „Layout“ die Option „Gadget hinzufügen“. Klickt man auf diese Option und in dem sich öffnenden Fenster auf die Möglichkeit „weitere Gadgets“, dann erscheint „Follower“. Würdest du dieses Gadget in deinen Blog einfügen, bräuchte man sich dort nur eintragen und würde in der Leseliste über deine neuesten Posts informiert werden. Zudem kann man dich dadurch auch leichter in den Weiten des WWW wieder finden.
    Vielleicht könnten sich dadurch mehr interessierte Menschen mit dir verknüpfen.

    Viele Grüße

    Gefällt mir

  5. Kräuterfraala? Franggn. Vielen Dank für Deinen Kommentar. Das mit dem Gadget habe ich mal versucht, ich will mir ja nicht nachsagen lassen, ich sei unkommunikativ 🙂
    Mal sehen was passiert.
    btw: Du hast einen interessanten Blog. Bis vor zwanzig Jahren kam eine alte Kräuterfrau mit einem schweren Korb auf dem Rücken zu uns nach Hause. Kam aus Franken. Hatte Kräuter, Senf, Meerrettich, Tees und Honig im geflochtenen Weidenkorb und wir kauften ihr gerne dies und das ab. Wo mag sie abgeblieben sein?

    Gefällt mir

  6. *lach*

    Wäre schön, wenn sie in die Altweibermühle gefallen wäre und nun online ihre Geschäfte abwickeln könnte. Kräuterfrauen liefen mit Buckelkorb (zumindest erzählte mir das meine damalige Vermieterin vor knapp 15 Jahren) im Spessart früher herum. Aus Bamberg und Nürnberg kenne ich das zumindest so, dass man vom Land in die Stadt ging um dort seine Waren anzubieten. Von Thüringen aus wurden die Buckelapotheker durch ganz Deutschland geschickt. Da lohnt es sich, in Großbreitenbach einmal das Museum zu besichtigen.

    Ja, bin mit Leib und Seele Franke, genieße aber alle Regionen in denen ich verweile, ihre Eigenheiten und vor allem die Dialekte. Der Spessart ist mir so vertraut wie der Thüringer Wald.
    Danke für das Einfügen des Gadgets, ich kann dich also jetzt öfters besuchen und mitlesen.

    Viele Grüße

    Gefällt mir

  7. Der Link zur Firma Topf & Söhne ist ein richtiger Knaller. Die herausragenden (bestimmenden) Orte kennt man, aber die Organisationen dahinter, die bleiben oft im Dunkeln.
    Ganz herzlichen dank für den Link!

    Sonnige Grüße vom Schwarzen Berg

    Gefällt mir

Kommentare, Gedanken + Hinweise bitte hier abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s