Sicher im Unsicheren?

Gegen Ende der 1960er Jahre brachten die Musikkonzerne Sampler der bei ihnen unter Vertrag stehenden Künstler auf den Markt. Viel gute Musik für wenig Geld. Für Schüler eine gute Gelegenheit verschiedene Musikalartisten kennenzulernen. Leider sollten dann auch die ganzen Platten von den Künstlern her. Das Geschäft ging meist zu Gunsten der Industrie. Den Abend läutet ein: ein Metronome Sampler – Off II Hallucinations (1969)…

Beim Anhören dieser alten Sampler tauchen aus den Nebeln der Vergangenheit ganz merkwürdige Erinnerungen auf. Mitunter ganz schöne fliessende Gebilde, fast traumhaft dahinwebend; oft aber auch ein blitzendes Schlaglicht, das irgendwie an den Maschen des Erinnerungsnetzes hängengeblieben ist oder sich wider Willen darin verfangen hat und nie wieder erlöst worden ist. Unbestimmbar ist, was da heraufkommt. Schöne Memorabilia ebenso wie die an den Widerhaken des Netzes verfangenen kleineren oder grösseren Fehlschritte. Merkwürdig ist dabei, dass nichts Erlebtes verloren geht. Heute scheint dies auf und ein andermal ein ganz anderes Bild. Alles bleibt aufbewahrt in den unzugänglichen Dunkelräumen des Gestern. Oder des Vorgestern…
Die Geschichtswissenschaft lehrt, dass das kommunikative Gedächtnis, also das, was bewusst erinnert und kommuniziert werden kann, nicht länger als drei Generationen währt und nicht weiter zurückreicht.
Ich hatte das Unglück, meine Urgrosseltern in früher Kindheit nie richtig kennengelernt zu haben, zu früh entglitten sie meinem Kinderleben. Und ein Teil meiner Grosseltern trat die grosse Reise noch vor meiner Ankunft an. Mag sein, dass ich deshalb der Geschichte seit langem zuneige. Wo der Urgrossvater zur Schule ging, wie meine Urgrossmutter ihn kennenlernte, schon bei meinen Grosseltern fallen meine Fragen meist in eine grosse dunkle Leere. Die erwidern meinen Blick zurück nicht mehr. Andere sind aufbewahrt auf Fotografien, scharz-weiss und gelegentlich auch farbig. Da besteht immerhin noch die Möglichkeit einer zumindest zweidimensionalen Begegnung.
Hätte ich hier und jetzt die faszinierende  Möglichkeit, meine Urgosseltern zu befragen, wie und womit würde ich beginnen?
Nach der Narbe auf der Stirn, welche Bewandtnis es mit dem üppig bestückten Präsentkorb auf sich hat, warum sie so sauertöpfisch dreinschaut… Die abgebildeten Räume kenne ich noch, der VW Käfer ist ein Baujahr nach 1953, ein Schiebedach war zu jener Zeit noch etwas besonders. Wie würde sich ein Gespräch entwickeln?
Ich erinnere mich lebhaft an die seinerzeit unerhörte Tatsache, als wir im Urlaub einen Anruf von zuhause erhielten, indem uns mitgeteilt worden ist, dass mein Urgrossvater verstorben sei. Vor einigen Tagen bereits. Ins Ausland zu telefonieren war damals eine andere Aktion als heute.
Sicher im Unsicheren bin ich beim Anblick alter Fotografien schon lange nicht mehr.

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8 Gedanken zu „Sicher im Unsicheren?

  1. So sauertöpfisch sieht das gar nicht aus. Früher hat man halt nicht permanent gegrinst auf Fotos *g*
    Hachja, man sollte vielleicht öfter mal in alten Schubladen stöbern, und nachfragen, solange man noch jemanden fragen kann. Danke für die Inspiration, ich werds demnächst mal in Angriff nehmen.

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  2. Interessante Anmerkung zum Grinsen *g*
    Mir ist meine Urgrossmutter als sauertöpfisch in Erinnerung und wenn ich dann bei den Mundwinkeln nicht genau hinschaue… Da fällt mir ein, wie das gewesen ist, als ihr das Gebiss ins Klo gefallen ist. Müsste man eigentlich alle aufschreiben, die Erinnerungssplitter: das wär dann so ne Art Old-School-Blog *lol*

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  3. Uh Yeahr, das Thema mit den 3 Generationen rückwärts: da sachste watt! Geht mir so ähnlich.
    Sauertöpfisch guckt vermutlich immer einer von zweien in diesen langen Ehen; wo für den einen nicht eintrat, was er sich erhoffte. Bei mir wars andersrum: Griesgrämiger Opa, nette phantasievolle Oma (mütterlicherseits);
    und die typischen Auto-Bilder mit und ohne Verwandtschaft ringsrum mussten auch immer sein: Wir fälschen unsre Vergangenheit selbst: das sieht immer so nach Sonntagsidylle aus und niemand erzählt dazu, dass der Filius in einen Wollestrampler gesteckt wurde, der übelst kratzt; dass Vater oder Mutter vor dem Besuch erst extrem Grimasse trainieren mussten um „schön“ zu tun, wenn wieder die üblichen unausstehlichen Themen gedroschen werden…am idyllischsten waren gewöhnlich die nicht fotografierten Heimfahrten, wenn alle wussten: Nun ist für mindestens 3 oder 4 Wochen wieder Ruhe.

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  4. Ich sehe, wir verstehen uns 🙂
    Mal sehen, wie das weitergehen wird. Ich habe mit meinen Urgosseltern angefangen und arbeite mich langsam zurück in die Gegenwart.

    Schöne Grüße vom sonnigen Schwarzen Berg

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  5. Wunderbar formuliert, das mit den Maschen und Widerhaken der Erinnerungsnetze! Einerseits fangen sie einen auf, andererseits lauert darunter der Abgrund. Dazu fällt mir auch der Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich ein. Die Lebenserfahrung bestätigt, würde ich sagen, das was die Geschichtswissenschaft lehrt. Mit alten Familienfotos geht es mir so: Die Personen, die ich aus Erzählungen zumindest ein bisschen kenne, erscheinen mir nicht unvertraut. Außerdem sucht man ja immer nach Ähnlichkeiten, und wenn man die findet, kann das sogar etwas Beglückendes haben. Ich glaube zum Beispiel, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Dir und Deinem Großvater zu sehen. Meinst Du nicht?

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