Unsicher im Sicheren

Manchmal tun Anrufe im Regenwald not: Frank Zappa – A Token of his Extreme (2013)…

Unsicherheiten im sicheren hatte ich gestern bereits angedeutet. Im vorliegenden Fall ändert sich die Perspektive ein wenig. Hier habe ich einige Sicherheiten. Nicht, was den Urgrossvater der anderen Herkunftslinie betrifft. Von ihm existiert einzig dieses Foto. Er erlag bereits 1928 knapp über vierzig Jahre alt einem Zuckerschock. Eisenbahner war er im Zivilberuf. Von dem Schiff, der S.M.S. Zaehringen, einem Schlachtschiff auf dem er tätig gewesen ist, wird die Geschichte aufbewahrt von den Militärarchiven bis hin zu einem Eintrag für Wikidemiker. Einen letzten Rest von ihm, die silberne Taschenuhr an einem zeitgemässen Uhrständer für die Aufbewahrung über Nacht, steht seit Jahren auf meinem Schreibtisch. Wenn ich den hinteren Schnappdeckel der Uhr öffne, lese ich seinen Namen. Als Eisenbahner musste er mehr als seine Notdurft verdient haben, um sich in den kargen 1920er Jahren eine Saxonia leisten zu können. Meine Urgrossmutter lebte für weitere vier Jahrzehnte in schwarz.
Fotografieren liessen sich die beiden jungen Leute im Photographischen Atelier H. Ranzenberger. Für Nachbestellungen bleibt die Platte erhalten. Vergrösserungen nach jedem Bilde in jeder Ausführung bis Lebensgrösse. Wobei Lebensgrösse das Portrait des Kopfes meinte und nicht den ganzen Menschen. Affichen von der Grösse eines Plakates wurden zu jener Zeit noch gemalt.
Die Urgrossmutter wurde nur Oma genannt, denn die „richtige Oma“, ihre Tochter, gab es bereits nicht mehr. Bei dieser Oma war ich Kind und noch heute ist sie mir präsent wenn ich grüne Bohnen rieche. Ich sehe sie noch immer auf dem einfachen hölzernen Stuhl sitzen in ihrer dunkelblauen, kleingeblümten Kittelschürze über dem immerwährenden Schwarz. Die weisse weitausladende emaillierte Schüssel vor sich auf dem Küchentisch, Bohnen schnippelnd. Ich auf ihrem Schoss sitzend, während sie mir beim werkeln Märchen aus dem Fundus der Brüder Grimm erzählte. Schnaufend knetete sie den Hefeteig für den wochenendlichen Kuchen in dieser Schüssel. Mir fällt ein, dass unten in der Schüssel ein kleines Stück Email abgeplatzt war. Da sehe ich nur ihre Hände vor mir und die mehligen Teigreste auf der Kittelschürze vom abputzen der Hände. Ihre Stimme ist mir unhörbar geworden. Und dennoch sprach sie Sätze, die in der Luft hängengeblieben sind bis heute in gänzlich anderen Räumen und seltsam abgetrennt von ihr selbst. Folgenreiche Sätze für mich, die unerwartet aus der Tiefe aufschnellen können und mich noch immer erschrecken wie der scharfe Knall einer Peitsche aus dem Nichts. Das ist gesichert. Mosaiksteinchen im Gemälde eines Lebens.

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16 Gedanken zu „Unsicher im Sicheren

  1. Maître Hippolyte, welche Freude Sie zu lesen. Und: keine Sorge, ich reise zwar derzeit durch famiiäre Vergangenheiten, aber allzuiel ist an Photographien leider nicht (mehr?) vorhanden.

    Schöne Grüße vom Schwarzen Berg

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  2. Wie sich die Erinnerungen ähneln! Ich saß bei meiner Oma zwar nicht auf dem Schoß, aber häufig daneben, draußen auf der Bank vor dem Haus, wenn die Sonne schien. Die Schüssel auf ihrem Schoß war nicht emailliert, so weit ich mich erinnere Blech pur. Da wurden dann Bohnen geschnippelt oder Schoten enterbst, letzteres fand ich viel schöner, weil man zwischendurch ein paar Erbsen so essen konnte.
    Nur an peitschende Sätze kann ich mich nicht erinnern, das hatte sie nicht drauf. Obwohl wir seeehr viel Blödsinn gemacht haben.

    Davon hätt ich ja gerne ein Foto, wirds aber wohl nicht geben fürchte ich. Mein alter Herr hat nur im Urlaub viel fotografiert.

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  3. Trost: Pauschal gesagt, werden sich bestimmte Situationen bei Leuten unseres Alters mehr oder weniger ähnlich ereignet haben. Die Feinheiten liegen in den Details. Und in den jeweiligen Ausschlägen von der Mitte in beide Richtungen nach aussen. „Peitschende Sätze“ ist gut. Bei harmlosen Kinder“vergehen“ hat sie mich gesehen und mich dann hinterher verraten. Mit für mich fatalen Konsequenzen und Folgen.

    BTW: Fotografie kommt von ca. 1930er bis Mitte der 1960er in etwa so vor:
    a) Profis
    b) engangierte Amateure
    c) Gelegenheits-/Urlaubs-Fotografen

    Unsere Eltern waren dann wohl unter c) zu finden.

    In noch älteren Zeiten waren praktisch b) zugleich c). Der Rest hat sich – Taler vorausgesetzt – standesgemäss fotografieren lassen.
    Wenn Herr Ärmel zu seinen Grosseltern kommen wird, kann man das schön sehen, wie unterschiedlich die Ergebnisse dann sein konnten.

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  4. Wie sich die Omas dieser Generation doch ähneln. Insbesondere die Zubereitung von Essen ist irgendwie untrennbar mit ihnen verknüpft. Während eines Gesprächs mit meiner Großmutter ließ ich mal eine Kassette laufen. Die nicht mehr ganz kleine Pagophila hatte damals Liebeskummer. Leider, leider ist mir die Aufnahme abhanden kommen. Ihre Stimme habe ich aber immer noch im Ohr.

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  5. Sie glichen sich nach meiner Beobachtung schon durch relativ ähnliche äussere Erscheinung, z.B. durch die Kleidung oder ähnliche Frisuren. Ein direkt wahrnehmbarer Unterschied ist die Physis. Gross, klein, hager oder beleibter. Durch ihr bürgerlich motiviertes Verbanntsein aus dem öffentlichen Raum spielten Faktoren wie Essen oder Familie im Allgemeinen die Hauptrolle in ihrem Leben und dies spiegelt sich natürlich in ihren Erzählungen wider. Und lässt natürlich auch in unseren eigenen Erinnerungen ein helleres Licht aufleuchten.

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  6. Ach, mein Lieber, von da kam ich hierher. Mußte dort schon kräftig schlucken und folgte dem Link in Ihrem Eintrag. Und hier hat's mich dann richtig umgewuppt. Zeitchen später dann immer die tröstlichste Erkenntnis: Egal wie groß der Anfangskummer, irgendwann kommt die Stunde, da Dankbarkeit und Lieberinnerung überwiegen. Ihr Taschentuch, das behalte ich dreist, es duftet wohlfeinfamos und wirkt allein dadurch besänftigend. Dankefeinsten Gruß, Ihre Frau Knobloch, die letzte der Knoblochsippe.

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  7. Nun, jetzt stehen mir natürlich sofortwieder Fragezeichen vor den klarbebrillten Grünaugen: die Letzte ihrer Sippe, wie das, warum&wieso und überhaupt…
    Das Tüchlein sei Ihnen zugeneigtübereignet von, Ihrem Herrn Ärmel

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  8. Oh, Pardon. Das war in der Tat ein wenig reißerisch formuliert. Biologisch betrachtet natürlich Unfug. Schwester und Bruder haben ja Kinder und Schwester Schippchenspringerin sogar Kindeskinder. Allein, in diesen Sippensproßen fließt mehr Vaterblut. So verbunden, wie ich Ominkel und Mama Löwenherz, was das Naturell anbelangt ist keiner. Verzeihen Sie die Fehlformulierung. Schwang wohl noch zuviel Ominkelmissen mit. Ihre Tuchbewahrein, Frau Knobloch.

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  9. Pingback: Zwischen den Jahren – zwischen den Kriegen | Herr Ärmel: Fotografie und Text

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