In diesem Land sind alle gleich

Gefühlsassistenz: Rage Against The Machine. Evil Empire (1996) The Battle of Los Angeles (1999). Renegades (2000)…

Im Mainzer Bahnhof stehen zwei S-Bahnen in Kampfstellung. Zurückhaltend, ja geradezu abwartend, sie haben sich nicht ineinander verbissen. Die Kampfrichter sitzen im Stellwerk. Das Publikum leidet. Ich befinde mich in einem Zug aus Frankfurt in diese Richtung und will endlich ankommen. König Alfons dem Viertel-Vor-Zwölften werden auf dem betroffenen Bahnhof zwei kostbare Feierabendstunden vorenthalten. Das war vorgestern und ich selbst war auch periphär tangiert.
Gestern hatte ich eine Verabredung mit der kleinen Prinzessin Li Si zu einer Stadtteilbegehung in Bockenheim. Das bedeutete notgedrungen Bahnbenutzung. Am Bahnhof sehe ich, dass um 16:12 die Bahn Richtung Frankfurt abfahren soll. Wenige Minuten Wartezeit nur, das passt prima. Besonders hinsichtlich der anderen angekündigten Verbindungen. Glück hat, wer nur zwanzig Minuten Verspätung ertragen muss. Wer spricht heute noch von „zufriedenen Fahrgästen“ – treffender wäre die Bezeichnung „geduldige Bahnhofssteher“. Um 16:12 passiert nichts, keine Ansage, nichts. Doch: ich sehe, dass der angekündigte Zug von der Anzeigetafel verschwunden ist. Was bleibt? Warten auf den nächsten Zug. Kein Hinweis, keine Durchsage. Service der Bahn eben. Bahnhofssteher murren schlimmstenfalls verhalten, besonders ab 37° im Schatten. Was hätte es auch für einen Sinn? Mahlzeit!
Die Kundenbelästigungen in Form von lästigen Verzögerungen, nervigen Verspätungen und anheischigen Verzeihungen werden auch in den nächsten Tagen nicht abreissen. Eine Untersuchungskommission ist zugange. Erste Ergebnisse: Das Stellwerk Mainz ist unterbesetzt. Klar, wenn lebensunerfahrene und vor allem von der Lebenswirklichkeit nichtswissende BWL-Schnösel um der eigenen Prämien willen alles wegrationalisieren, bricht irgendwann die Realität über uns alle herein. Tzunamis müssen nicht allemal aus Wasser bestehen.
ICs und ICEs und was sonst noch werden nun über die kleine Station Lummerland umgeleitet. Selbst phantasiearme Menschen können sich leicht ausmalen, was das für den Nahverkehr bedeutet. Einige dieser BWL-Fatzkes endlich dorthin zu jagen, wo sie das Leben kennenlernen, wäre wahrscheinlich sinnvoller. Vielleicht drei Jahre Stellwerksdienst. Zum Gehalt eines Stellwerkers versteht sich. Bei Ungeschick dann eben im Winter mal ein halbes Jahr Bahnsteige fegen.
Vielleicht sind einigen Besuchers meines Blogs die Fotografien des alten Bahnhofs von Lummerland noch erinnerlich. Ein knappes Jahr ist das her. Die alten Gebäude stehen allesamt unter Denkmalschutz. Der alte Güterschuppen, das Lehrstellwerk (das Gebäude vieler Kinderphantasien) und der unterirdische Bunker werden zur Zeit abgerissen. Man bedenke: ein Lehrstellwerk. Dort haben einige Generationen zukünftiger Eisenbahner ihr Handwerk praktisch erlernt. Natürlich braucht man dergleichen heute nicht mehr. Computerisiertes Knöpfchendrücken bis hin zum „menschlichen Versagen“. Und noch ein paar Knöpfchen mehr, das spart dann wieder einige Mitarbeiter. So wie jetzt im Mainzer Stellwerk.
Was mache ich mir Gedanken. Wird ja alles abgerissen. Trotz Denkmalschutz. In diesem Jahr stehen einige Wahlen an. Wenn mir bis dahin ein Politiker was davon erzählt, dass wir ja „alle im gleichen Boot…“ und so weiter.
Jaja, bei uns sind alle gleich. Aber einige wähnen sich offensichtlich dem Himmelreich zugehörig. Kirchenglocken zu unsäglichen Zeiten sind als Ruhestörung nicht zu ahnden. Die Fraport kann ohne weitere Konsequenzen zu fürchten mit ihrem Flughafen sowohl die Natur als auch das Wohlbefinden der anwohnenden Menschen zugrunde richten. Da sind die ständigen technischen Störungen sowie die Belästigungen zahlender Kunden bei der Bahn fast schon Pillepalle.

      (Foto anklicken und gross staunen)


Eigentlich wollte ich heute was über Fahrräder schreiben. Dazu muss ich mich allerdings erst wieder etwas beruhigen.

Allen Besuchern ein schönes Wochenende.

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6 Gedanken zu „In diesem Land sind alle gleich

  1. Aus dem Gebäude könnte man doch noch etwas sinnvolles machen. Stellwerke zu Kneipen! 😀
    Was Service bedeutet konnte ich gerade in der Türkei feststellen, die haben da halt noch nicht so viele BWL-Spacken. Inzwischen liegen Betriebswirtschaftler in der Beliebtheitsskala wohl nur noch knapp hinter Polizisten und Anwälten *g*

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  2. Pssst – nicht so laut, das ist ein Sudbrack (Anfang 50er Jahre) aus dem Fuhrpark von König Alfons dem Viertel-Vor-Zwölften.
    Unbefugtes Betreten? Da habe ich schon gespielt, als es weder den Bagger noch den Baggerfahrer gab 🙂

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  3. In der „nach unten offenen“ Beliebtheitsskala?
    Da lagen bereits wirklich sinnvolle Vorschläge auf dem Tisch. Die Bahn hats hinausgezögert, verweigert oder abgelehnt und jetzt solls wohl Wohneigentum werden. Fünfzig bis hundert Meter Luftlinie von der ICE-Strecke *fg*

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