Das Fahrrad – eine Art Maulesel (I)

Sonntags morgens passt das – Fraport Profitsymphomie – Fluglärm in der Einflugschneise Frankfurter Flughafen (aaarrrgghh)…

Jeder dritte Chinese soll angeblich ein Fahrrad besitzen. (Wer mag alle diese Fahrräder oder besser die Chinesen gezählt haben?). Fest steht jedenfalls, dass, dem Zitat nach das Fahrrad für die Chinesen „ein kleiner Maulesel ist, den man an den Ohren führt und mit kräftigen Fusstritten vorwärts treibt“ (Alfred Jarry). Ebenfalls gesichert ist mein Verhältnis zum Fahrrad von kleinauf. Das war von winzigen Ausnahmen abgesehen von jeher positiv. Die wenigen gedanklichen Schlinger und Seitentritte beziehen sich eher auf die persönliche Verfassung des (kleinen und grösseren) Herrn Ärmel, als dass sie einem der jeweils besessenen Räder angelastet werden dürften.
Zudem trage ich ein radfahrendes Erbe in mir, mein Grossvater war mehrfacher Deutscher Meister im Kunstradfahren. Radball spielte er auch. Bewundert habe ich als Kind die Könner auf zwei Rädern, die es schafften, auf dem Hinterrad fahrend, ihren Untersatz teilweise zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen, bevor das Vorderrad wieder den Boden berührte.
Dass eine wunderschöne Freundin in Jugendzeiten auch Kunstrad fuhr, nahmen wir eher billigend in Kauf, wenn die Trainingstermine störten. Anderes hatte damals Vorrang auf der Tagesordnung.
Erinnerungsblitze ganz spontan hier versammelt:
Ein kleines rotes Drahteselchen (Marke?) mit 12″ Ballonreifen, mit dem ich durch Unkenntnis der Bordsteinphysik am blechern scheppernden Tor des örtlichen Fahrradhändlers zerschellte.
Ein etwa zehnjähriger Junge mit dem nach langem Putzen blitzblanken blauen 24″ Tripad-Rad. Samtsgas nachmittags vier Käffer und ganze sechzehn Kilometer weit bis nach Geinsheim geradelt. Auf dem Rückweg nach kurzer Zeit infolge Kraftlosigkeit (Gegenwind!) weinend am Landstrassenrand das eigene Leid beklagt. Infolge ausbleibender Tröstung seitens Dritter unverdrossen wieder auf den Sattel und nach Hause weitergestrampelt.
Das blaue 26″ HWE (Heidemann-Werke-Einbeck), das mir meine Mutter zur Fahrt in die Schule der Nachbarstadt ersatzweise auslieh. Bei ungebührlichen Faxen auf dem Heimweg rutscht ein Kinderfuss vom Pedal. Den unvermutet der Schwerkraft ausgesetzten Körper bremste nicht die Stange (das Oberrohr) meines eigenen Rades sondern denkbar schmerzhaft der Kettenschutz des Damenrades meiner Mutter.
Das waren Kinderkatastrophen, würde ich heute sowas erleben, müsste ich lachen als wärs ein Fest.
Ein Bonanza-Rad wäre mein Traum gewesen. Aber auch so. Ich lernte nach und nach mit dem Werkzeug umzugehen. Hoher Lenker (Hirschgeweih) Bananensattel mit extrahohem Bügel, Blaustern-Hupe (die verchromte Rakete) und der VDO-Tacho; es war die Zeit ebenso verwegener wie strassenverkehrsordnungswidriger Um-, An- und Abbauten. Fahrräder waren ein Teil des Lebens, sie öffneten Wege in die Welt, die unendich schien gegen das enge Zuhause.
Fahrradrennen gegen die Buben aus der Nachbarschaft. Aberwitzige Stürze auch: Dummheit und Wagemut lagen dicht beeinander.
Den Satz, der mehr schnoddrig abwertend als witzig war, „Diamant, dieser Schmand, ist in der ganzen Welt bekannt“ wurde mir durch die Buben der umgesiedelten Nachbarn ebenso bekannt, wie „ein bisschen Blech, ein bisschen Draht: fertig ist das Mifa-Rad“. Fahrräder, hergestellt in der DDR. Von Gustav-Adolf „Täve“ Schur erzählte niemand. Den lernte ich erst zwanzig Jahre später kennen. Und die solide Qualität ehemaliger Produkte aus der DDR hätte ich gerne noch früher kennengelernt. Aber da waren „Made in Western-Germany“ und die kühlere Portion aalglatt verschlagenen Marketings vor.
Mit vierzehn schlug die Tür dieser (aus heutiger Sicht) frühen abenteuerlichen Erlebnisse krachend in das Schloss der Unwiderbringlichkeit. Das erste Mofa, eine Mobylette im Tausch gegen eine Langspielplatte zeigte die härtere Gangart an, die nun folgen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Warum fällt mir das alles gerade jetzt ein? Aahh, es sieht ganz danach aus, dass diesem Posting (mindestens) eine Fotsetzung folgen wird.


      (Foto anklicken: Galerie öffnen)

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10 Gedanken zu „Das Fahrrad – eine Art Maulesel (I)

  1. Alter Schavan-Guttenberg: „würd ich heut sowas erleben, musst ich lachen, wärs ein Fest.“ gehört in Anführungszeichen. Grins.

    Hier ist das bestellte Posting:
    „Diamant – arrogant.“
    „Wer MiFa fährt ist Dresche wert.“
    „Wer Diamant lenkt gehört aufgehenkt.“

    So gingen die Sprüche bei uns und waren lediglich Humor.

    Gefahren wurde beide Marken. Mein erstes war ein 24er Mifa, mein zweites ein 26 Diamant, also nix Markentreue. Fahrräder gab es übrigens immer. Keine Engpässe.

    Lediglich als die Klappräder(Campingräder) aufkamen, hieß es warten.

    Ich montierte mir im Alter von 13 mit Nachbars Hilfe einen Campinglenker an das 26er und hatte damit das „fetzigste“ Rad, weil man dann cool aufrecht saß und majestätisch dahinglitt, meinte man jedenfalls.

    Mofas gab es in der Ehemaligen auch. Wer sowas fuhr, war unten durch, Loser, denn ab 15 durfte man auch auf richtige Mopeds, da waren Mofas lediglich Gehhilfen, Krüppelfahrrad oder ähnliches. Da half in dem Fall auch nichts, dass die im goldenen Westen Mode waren.

    Übrigens war die heute so kultige Schwalbe zu Mauerzeiten eher das Mädchenmoped oder die Ackerkrampe für Bauern.
    Habicht und Star waren die richtigen Fabrikate, die leider 1975/76 herum, als ich dran war, durch S 50 abgelöst wurden.

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  2. In der Tat, der Satz geisterte mir beim Schreiben zwar nicht durchs Gedenkel, aber: „Verwunschen“ von André Heller stand als LP seit 1983 in meinem Regal. Und das „Angstlied“ (2.Seite 2. Lied) ist mir in der Tat bekannt. Eine echte mnemotechnische Bombe, wie würden Kristeva oder Barthes die entschärfen? *g*
    Schönen Dank auch für die für mich wichtigen Ergänzungen, also Erfahrungen und Sprüche.
    Was mich interessiert: Was hier Spott und drüben Witz war, das gabs doch sicherlich auch umgekehrt. Also drüben Spott und hier ein Witz. Kannst du ein Beispiel nennen?
    Schöne Grüße

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  3. Ich habe das Fahrradfahren für mich gerade erst wieder neu entdeckt und finde es herrlich. In der Großstadt allerdings ist es nicht immer nur angenehm, weil die Fahrtstrecken lang sind und der Verkehr lästig. Doch wenn man dann in ruhigeren Nebenstraßen unter dem grünen Dach der Bäume oder am Flussufer entlangfährt, wird man ohne Weiteres für die Mühe entschädigt.

    Herzliche Grüße aus der großen Stadt!

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  4. Sehr schöne Radlaufnahmen! Besonders die letzten beiden gefallen mir sehr. Mit den Dingern selber habe ich mich nie sehr intensiv beschäftigt, Namen sagen mir gar nichts. Aber an mein erstes Rennrad mit 10 Gängen kann ich mich erinnern, das stand in meinem Zimmer, in der Nacht vor meinem Geburtstag, und hat diese Nacht vor Aufregung ziemlich schlaflos gemacht.
    Nach wenigen Wochen reifte aber schon die Erkenntnis, dass die Körperhaltung auf Rennrädern bei Radrennen Vorteile bieten mag, im täglichen Gebrauch aber eher nervtötend ist, und schon wurde der Lenker umgebaut. Seit Easy Rider waren Chopper eh viel cooler *g*

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  5. Rennrad ist einfach schlecht fürs Genick und die dünnen harten Reifen schränken die Fahrmöglichkeiten auf ein Minimum an Asphalt ein. Obewohl es von der möglichen Geschwindigkeit her schon eine Versuchung ist.

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  6. Herrliche Entdeckungen sind immer schön. (Lange) Radwege in der Stadt – wenns denn richtige Radwege und keine Alibistreifen sind – sollte man, glaube ich, im Verhältnis zu anderen Verkehrsmitteln sehen. Da schneidet das Fahrrad allemal besser ab.
    An Flussufern entlang ist ein Traum. Ich träume noch immer von Strecken wie: Donau, Inn oder Rhein von der Quelle bis zur Mündung. Herrlich 😉
    Schöne Grüße aus Bembeltown

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