Die Woche fliegt

Mussigg? Diesmal weiter unten…

Was für eine Woche. Irrwege zwischen Bibliothek und Küchenstudio. Jedoch immer wieder interessant, was Blickwechsel so alles freilegen an sonst vielleicht eher Ungesehenem. Kleine Fluchten auf dem Fahrrad stibitzt zwischendurch. Nachts schlagartig aus dem Schlaf hochgefahren und die letzen Worte noch in den Krallen. Strukturen. Das fotografische Allerlei geht mir langsam auf den Senkel. Hier ein architektonisches Gebilde und dort ein Blümchen. Bisschen Makro hier und gelegentlich ND-Filter oder HDR dort. Mir fehlt das typische Herr Ärmel Foto. Da wird sich was ändern.
Jetzt gegen Ende des Heimataufenthaltes feststellen, dass ich einige Bloggerfreunde nicht treffen werden kann diesmal. Für diesmal. Telefonische Absagen an Freunde und Bekannte, die ich später erst treffen werden kann. Jedesmal erneut bedauerlich. Geteiltes Schicksal von ExPats. Die zeit ist immer zu knapp.  Den Blog des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf verfolge ich seit drei Jahren konsequent. Dem Mann bin ich zu Dank verpflichtet, wie der mich zum Nachdenken anregt. Kürzeres Telefonat mit Herrn Sloboda. Kronkorken spielen nur am Rande eine Rolle. Wir tauschen spannendere Gedanken. Das Fahrrad von Frau Waas wurde gestohlen. Wir wollen niemandem Böses wünschen. Dem Dieb soll die Lenkstange ins Sternum fahren. Zur Gemeindeveraltung Lummerland. Seit Jahren zum erstenmal wieder Freude im Wahlkabuff. So viele Parteien gabs seit der Weimarer Republik nicht mehr. Ob das ausser einigen Schreibtischtätern auf ihren Lehrstühlen noch jemandem auffällt. Noch schnell ein Brot holen zum Abendschmaus. Ich habs eilig. Ich hab Hunger. Durst. In der Bäckerei treffe ich ihn. Fünf Jahre älter und hat sein Lebtag Lummerland nicht verlassen. Wie ineinandergreifende Zahnräder ergänzen sich unsere Worte. Werden zu Sätzen. Fünf Jahre älter bedeutet, er hat den Blick in die Erinnerung dort schon scharf gestellt, wo meiner gerade erst die Blende ins Leben öffnet. Weisst du noch…? Zehnmal mindestens zur Einleitung. Und erinnerst du dich noch…? Eine Stunde verfliegt wie der Hunger. Hundert Namen und Anekdoten. Eintauchen in Bilderwelten. De Eckspitz, die dick Berta, de Horniggel, die Merze Atsch  – solche Namen gibt es heute doch nicht mehr. Im Bergwerk der Sprache. Die Herausgeberin dieses Buches ist eine bekannte Übersetzerin. Zuletzt gesehen als quirlige 15-jährige. Vier kurze Stunden ein tiefes Gespräch über Sprache und Mentalitäten.
Und er wieder. Mir ist da noch eingefallen…weisst du noch…? Diesmal treffen wir uns mitten in Lummerland. Volk versammelt sich in der Ortsmitte. Da soll der Kerwebaum aufgestellt werden. Eine Stunde vorher noch am Strand des Rheins. Die sanfte Ruhe und das leise Plätschern unschuldiger Wellen. Vor diesem Strand sind wir als Buben vorbeigepaddelt. Das war bei strenger Strafe verboten vor Zeiten. Aber die möglichen Blicke an den FKK-Strand waren durchaus eine Tracht Prügel wert. Einmal kam einer vom Gugge nicht mehr zurück. Den fand man Tage später angetrieben einige Kilometer stromabwärts. Das Faltboot war gekentert. Mehrfach drängt sich 1987 aus dem Dunkel der Erinnerung ins Bewusstsein. Da war eine Entscheidung zu treffen. Könnte sein, dass dies mit neuen Aufgaben in Verbindung zu bringen ist.
Auf der Kerb in Lummerland wird in diesem Jahr ein Überschlag in der Schiffschaukel nicht mehr möglich sein. Zu teuer wegen der zu versichernden Unsicherheit. „Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.“ Der letzte Eintrag in seinem Blog. Der Kerwebaum steht nach zwei Stunden. Das Publikum wird mit Freibier grosszügig versorgt. Cervisia et circensis. Die Masche zieht seit zweitausend Jahren. Bald sind Wahlen, wer wird sich da wundern, dass sämtliche Wirtschaftsindexe plötzlich nur positives zu melden haben. Ich warte auf einige Mails aber die Mailbox bleibt stumm. Diese frischen, kühlen Morgen der letzten Sommertage erinnern mich an 1987. Der Strand der Schwarzen Berge ruft dringlicher. Der Koffer liegt schon zum Packen bereit. Aber zuvor noch ein Bier vielleicht bei und mit denen, die Lummerland ausser zum Urlaub nie verlassen haben.    

      (Foto anklicken und grösser gugge)


Mari Boine – Vuolgge mu mielde Bassivárrái ist optisch und musikalisch
ein Leckerbissen
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11 Gedanken zu „Die Woche fliegt

  1. Seltsame Sitten habt ihr da in Lummerland. Bäume absägen und auf Beton wieder aufstellen, tsts ^^.
    Komm gut zurück auf den Berg, hier werden die Temperaturen nur noch sinken…

    Und nächstes Mal klappt das mit nem Bier und ner Exkursion ganz sicher.

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  2. Meine Kinder- und Jugendzeit, Herr Ärmel, habe auch ich in einer Stadt am Rhein (v)-erlebt. NR, das Autokennzeichen steht für Neuwied am Rhein. Aber niemals habe ich einen Fuß in dieses Wasser gesetzt. Der Rhein hat dort seine mächtigen Wassermassen durch einen einbetonierten Schlund getrieben, der mir Angst machte. Und das, obwohl ich ein begeisterter Sportschwimmer war. Geschwommen sind wir in Hallen- und Freibädern. Kurios.

    Oft sehe ich Bilder, in denen Kinder und Jugendliche in allen Gewässern dieser Welt – manchmal in schönen, öfters aber in so verdreckten, dass der Name „Fluß“ nur daran erinnert, was er einmal war – unbekümmert und fröhlich hineinspringen und baden. Uns wurden zum schwimmen extra Hallen- und Freibäder gebaut. Luxus – der mir so nie wirklich bewußt war.

    Und für die Kerwe hoffe ich, dass eine gescheite Gruppe den Saal toben lässt 🙂

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  3. Bis vor ca. 20 Jahren war das Schwimmen im Rhein und im Main mindestens schwer gesundheitsschädigend (auch ohne Wasser zu schlucken). Seitdem sind wir, wie die Alten vor uns, häufig zum Schwimmen im Rhein.
    Vielen Dank für die schönen Kerwewünsche. Wir sind hauptsächlich im Freien zugange und mich persönlich interessieren jedenfalls die alten Geschichten und wie sich die Leute meines Alters verändert haben.

    Dir ein sonniges Wochenende!

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