Es ist Zeit zu gehen

Reine Nostalgie (und ein wenig Ironie): Udo Lindenberg – Da war soviel los (1975) neben anderen alten, aber gut gelagerten Kamellen…

Der Kerwebaum steht noch. Abends werden Jever spielen, die feine lokale Coverband. Spielen seit Jahrzehnten zusammen. Musikalartisten und Stimmungsmacher. Auf die ist Verlass. Dabei kann man die Leute treffen, mit denen man gross geworden ist. Schwätzchen hier und dort, ein Bierchen. Alte Erinnerungen aus anderen Blickwinkeln. Vielgeschliffene Facetten entreissen Brillanten dem Vergessen. Sicherheit im bekannten Terrain. So ungefähr müssen Seeleute vergangener Jahrhunderte gefühlt haben, wenn sie nach jahrelanger Fahrt im Heimathafen eingelaufen sind. Das Wiedersehen. Die Stabilität des Unveränderlichen einerseits und die unerhörten Neuigkeiten der Rückkehrer. Für Momente entsteht trotz der Fremdheit Vertrauen. Entgegenkommen auf schwankendem Boden.
Der erste Gang über den Kerweplatz dämpft die lockere Vorfreude. Fast nur Fressbuden und Zapfhähne. Jeder zweite Flaneur (die Flaneusen ebenfalls) hat Übergewicht. Der einzige Stand, den ich später sicherlich zum Fundamentunterbau weiterer Hopfenkaltschalen aufsuchen werde, ist der von den türkischen Frauen. Viel Auswahl an frischen Gemüsen und Salaten. Richtig lecker sieht das schon bei der Zubereitung aus. Nicht die fettige Schaschlikästhetik für den feisten Wanst. Die Freundlichkeit der Frauen lässt mich gleich an den Schwarzen Berg denken. Morgen Abend schon werde ich dort sein. An manchen Ständen weist die Mülltonne den Weg dessen, was da vor sich hin schmurgelt und brutzelt.
Wie haben wir als Kinder die Auto-Scootereinparker beneidet, weil die immer umsonst fahren durften. Und die Schiffschaukelbremser mit ihren starken Oberarmen. Nicht zusammen brachten wir Buben den Zwiespalt, dass die Alten mit „Schiffschaukelbremser“ ganz andere Männer abwerteten. Losverkäufer. Die merkwürdigsten Gestalten auf dem Rummelplatz damals wie heute. Die Abkühlung beim ersten Erkundungsgang liess weitere Hoffnungen fahren. Der Platzregen müsste jetzt nicht sein.
Gegen Abend klart der Himmel wieder auf. Ich treffe meine Leute nicht. Drehe eine weitere Runde. Fettiger Dunst aus den Fressbuden. Die Musik auf den verschiedenen Bühnen ist mir einfach zu laut. Viel zu mühsam, sich dabei einigermassen vernünftig zu unterhalten. Schlimme Nachrichten. Wenn du nicht auf dem Feld stehst, läuft das Spiel ohne dich. Ohne Ballkontakt keine Torchance. Ich stehe mit einem Bier in der Hand rum und schaue mich um. Die flotte Ironie zu  Lindenbergs Text vergeht mir langsam. Früher oft gesungen, manchmal auch aus jugendlichem Übermut. Tritte gegen das Schienbein und gerader Haken. Der hat sich doch vor den Zug geworfen, ist schon zwei Jahre her. Die hat Lungenkrebs, absolutes Endstadium. Ach ja, diese beiden Mädels sind schwer invalid. Tja, der hat sich den Verstand jetzt endgültig weggesoffen. Die Stimmung bessert sich auch nicht durch einen Imbiss bei den türkischen Frauen. Fast anstrengend, die vielen Lächeln zu erwidern. Die Leichtigkeit ist verschwunden, wohin verflog die Unbekümmertheit früherer Jahre.
Noch einen müden Gruss zugewunken und ein Kopfnicken dorthin. Die Kerweborsch tanzen vor anderen Bühnen. Das zweite Bier schmeckt schal.

      (Foto anklicken und mitfeiern gugge)

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11 Gedanken zu „Es ist Zeit zu gehen

  1. Rummel und Zirkus machen nur noch depressiv…. sowas meide ich seit längerem.
    Als Ergänzung zum Lindenbergtext hätte ich noch H.R.Kunzes „Bestandsaufnahme“ anzubieten. Da hat's mich schon mit 23 gegruselt, weil ich mehr ahnte als wusste, dass er recht hat. Auf der „Kunze halt!“ gibts dann noch Nachlag: „Wo warn wir stehn geblieben“ – alte Meisterschaft eben.

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  2. Nicht gerade depressiv vielleicht, aber derlei Veranstaltungen können ganz schon ganz schön runterziehen. Der Hinweis auf Kunze hätte jetzt nicht gerade sein müssen, obwohl die „Retro-Zentrifunge“ arbeitet natürlich…
    Nein, dann doch lieber Klaus Hoffmann: „Ein neuer Anfang“

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  3. Wenn ich zu viel Lindenberg hören muss werd ich auch schnell depressiv, dazu noch der Platzregen, das kann doch keinen Spaß machen *g*

    Aber es gibt tatsächlich noch Schiffsschaukeln! Ich dachte immer das wär nostalgisches Geschwätz, schließlich muss der vergnügungssüchtige Kunde da selber arbeiten, hier hab ich jedenfalls ewig keine gesehen.

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  4. Ja, ein Text, der leise Traurigkeit und Melancholie verströmt.
    Deine Zeilen erinnern mich an die Erfahrung, zurückzukehren in der Hoffnung, sich im Altvertrauten Trost zu holen, und das Verlassene dann so verändert vorzufinden, dass es nicht mehr vertraut ist, sondern fremd.

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  5. Mir ging es weniger um Trost als um handfeste Hopfenkaltschalen und Gebabbel, dümme Sprüche und johlendes Gelächter 😉 // Diesmal wars halt ganz anders. Aber: Neue Kerb neues Glück, da bin ich ganz zuversichtlich.

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