Haarschnitt statt Halsschnitt

Auf eine indirekte Empfehlung hin. Die Deluxe Version lohnt sich: Thees Uhlmann – #2 (2013)…
 
 
Die sommerlichen Temperaturen fordern den Rückschnitt des Haupthaars. Dabei unterscheide ich mich von anderen ExPats. Nicht hinsichtlich der Moden (das vielleicht auch), sondern wegen der Wahl der lokalen Barbiere. Ich bevorzuge die kleinen, versteckten Läden der Einheimischen. Die gefallen mir besser als die hochgelackten, glimmerschimmernden Studios in der Innenstadt. Die sehen überall auf der Welt gleich aus. Und zu teuer sind sie mir auch.
In den kleinen Salons ist das Haareschneiden eine normale Angelegenheit geblieben. Der Pegel der Eitelkeit schwingt auf erfreulich niedrigem Niveau. Von der Dunkelkammer brauche ich nur um die Ecke zu laufen um meinen Muški Frizer, meinen Herrenfriseur aufzusuchen. Guten Tag, schneiden bitte. Die Antwort (oder ists eine Frage) verstehe ich bestenfalls halb. Aber die Handbewegung auf einen Stuhl sagt genug. Mantel, Hut und Regenschirm hängen am Haken und ich nehme Platz.
Ein schmales Ladenlokal. Fünf Bedienplätze. Gegenüber an der Wand sieben oder acht Stühle. Männer sitzen, reden und lachen laut. Drei davon sind Friseure. Ich habe noch keine Ahnung, wie das System genau funktioniert. Fest steht: Der offensichtliche Boss schneidet am letzten Arbeitsplatz und hat das Radio und die Kaffeemaschine gleichfalls unter Kontrolle. Ich nehme ihn als den Inhaber mit der Autorität, die er ausstrahlt. Die beiden anderen, wesentlich jüngeren sind mal da mal nicht. Zur Arbeit keine Markenklamotten. Jogginghose und verschwitztes T-Shirt gehen in Ordnung. Schliesslich bezahle ich keine Modenschau sondern einen Haarschnitt. Alles geht seinen Gang. Keine Hektik, kein Generve. Die schnippeln auf den Plätzen nahe am Eingang. Inzwischen habe ich meinen Stammfrizer. Keine Verabredung nötig. Ich schaue bei Bedarf in den Laden, ist er da, gehe ich rein. Ist er nicht da, komme ich später nochmal. Oder Morgen. Oder Übermorgen. Seis drum.
Ich bringe meine Bitte vor: einmal schneiden, bitte. Sauberer Umhang, am Hals vielleicht etwas zu eng verschnürt. Die Maschine fängt an zu singen. Die Eisenklammer von einer Hand drückt meinen Kopf in die jeweils erforderliche Position. Mithilfe meinerseits ist unmöglich, mein Schädel ist durch den Griff  fixiert. Männer kommen. Männer gehen. Lebhaftes Gewitzel. Kaffeegeruch. Rauchen verboten steht auf dem Schildchen zwischen zwei Spiegeln. Von einem anderen Spiegel prangt das Portrait des grossen Josip Broz. Der Boss reicht einem den Aschenbecher. Keine überflüssige Werbung animiert zum Kauf überflüssiger Chemie und Kosmetik.
Bevor der Scherenschnitt beginnt, kommt (zum ersten von mehreren Malen) der mächtige Bürstenpinsel zum Einsatz. Schwüler Puderduft täuscht darüber hinweg, dass man mit diesem Grobwerkzeug durchaus Kunden verletzen könnte. Aber, und das alleine zählt, nach einigen kräftigen zackigen Schwüngen bleibt kein abgeschnittes Haar am Kopf zurück. Mit den Fingern am tropfenden Wasserhahn nimmt mein Friseur etwas Wasser auf und befeuchtet die Haut an entsprechenden Stellen und setzt sein Rasiermesser an. In der Kaffeemaschine steht ein Rest abgestandener Kaffee. Der Salon hat sich geleert. Ein Kunde kommt, spricht meinen Friseur an. Der erwidert etwas und der Kunde geht wieder. Der Meister steht vorm Laden und hält ein Schwätzchen. Und wieder der entsetzlich grobe Pinsel. Der Puderduft ist ein schwacher Trost. Der Fön brummt und bläst lauwarm. Hände wuscheln auf meinem Kopf. Fertig. Zehn Minuten und vier Euro sind eine gute Relation. Ich gebe fünf. Stimmt so. Da skoro. Bis bald, das verstehe ich schon.
 
(Wegen mangelnder Fragefähigkeit gibts noch keine Fotos des Salons 😉
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14 Gedanken zu „Haarschnitt statt Halsschnitt

  1. Und ich habe mir jahrelang von der Friseurin meiner Kinderheit im Badezimmer meines Elternhauses die Haare schneiden lassen, ehe ich vor einem Jahr erstmals den Schritt in einen dieser schimmerglimmernden Friseursalons gewagt habe.

    Heute bin ich bei einem Zwischending angelangt: ein kleiner, aber schicker und mittelteurer Friseursalon mit einer sehr netten und hochkompetenten Inhaberin, die mir beim letzten Mal den verunglückten Schnitt aus dem teuren Luxussalon gerettet hat.

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  2. Die beiden Friseursalons meiner Kindheit hatten klangvolle und passende Namen: 'Doppelkopf' und 'Breitschädel' – werde ich nie vergessen!

    Herr Ärmel: schade, dass Du das Idiom der Schwarzbergler noch nicht so flüssig kannst. Der Herrenfriseur ist doch bestimmt auch die lokale Nachrichtenzentrale, oder?

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  3. Schau an, schon damals gabs also auch andere Namen als z.B. Herrenfriseur Schmidt…^^
    Natürlich wird in meinem Salon vieles aus dem Quartier verhandelt, allein ausser Fussball und Auto verstehe ich nichts und auch davon lediglich einige wenige Bruchstücke.

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  4. Ich erinnere mich dumpf an die eiserne Klammer, die den Kopf in verschiedene Richtungen drückt. An den Pinsel, der den Nacken vom gefallenen Haupthaar befreit. An den Föhn, der die frische Frisur derart perfektioniert, dass man das zu Hause niemals wieder hinbekommt.

    Ist lange her *g*

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  5. Bei meinem Friseur geht's eher langweilig zu, ist dafür aber auch kompromißlos günstig.
    Der heisst übrigens Philips, wohnt bei mir und nimmt als Lohn nur 230V. 😉

    Btw, bei Blid 1 hätte ich mir etwas mehr Luft nach oben gewünscht, die Nr.2 ist ziemlich geil.
    Obwohl ich nicht immer ein Freund der Colour-Key Technik bin.

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  6. Bei Foto 1 hätte ich mich eigentlich auf den Bürgersteig werfen müssen (bin ich Maitre Hippolyte?) und bei Foto 2 fehlen alle Farben ausser Blau und Magenta. Erwähnte ich schon, dass ich Schaufensterpuppen sammle?

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  7. Also ehrlich mal, um so einen Frizer beneide ich Dich! Ich verstehe ja, dass es bei Frauen evtl komplizierter ist, aber ich streite mich mit allen und jedem Frisör rum. Vor 20 Jahren mal, da schnitt mich eine Azubine zurecht. PERFEKT. Waschen. irgendwie und ohne großes Geföhne trocknen lassen, und alles saß. Und als ich zu faul war, konnte ich die Haare einfach wachsen lassen und es sah aus, als solle es so sein.
    UNd jetzt immer dieses Theater. Und ständig schneiden die mir irgendwo so ne Zacke rein. Alle Proteste, dass ich auf Mode pfeife, nützen NICHTS!

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