Intercity Musik

Nach dem endlosem Gegniedel und Geschwurbel in Progressive-Rock Manier in den frühen 1970er Jahren kam der einfache Punk fast wie ein erlösender Dampfstrahler für die Gehörgänge. Aber mehr auch nicht. Denn bald kamen neue Töne und für mich endlich wieder brauchbare Texte. Der musikalische Horizont weitete sich in die Zukunft: Ultravox – Ha Ha Ha (1977)…

Der Titel verweist selbstredend auf den Film von Alain Resnais aus dem Jahr 1959. Für mich ein Text, der durch die Dichte der Bilder kaum zu übertreffen ist und der eine banale alltägliche Situation beschreibt, die fast jeder kennt und schon einmal erlebt hat.


Hiroshima mon Amour
Irgendwie zu weit sind wir weggedämmert
Kommunizieren wie ferne Sterne
Splittrige Stimmen am Telefon
Staub im Sonnenflimmer, verfliüchtigender Rosenduft
Jemand wartet hinter der Tür
Hiroshima mon amour

Reisen in Intercity-Zügen
Europäischgrau gekleidet
Fahren hin auf dem Meer der Zeit

Millionen Erinnerungen in den Bäumen und im Sand
wie werde ich sie jemals los
Hiroshima mon amour

Treffen drunten am Herbstsee
Echos bloss dringen dort noch hin
Wandeln durch Polaroids aus alten Tagen
Fotos wie geborstenes Glas
verschmolzen

Die Sonne steht so niedrig
Vergoldet unsere Silhouetten
Hiroshima mon amour                                      (c) Originaltext & Musik: Cann, Currie and Foxx

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10 Gedanken zu „Intercity Musik

  1. Millionen Erinnerungen in den Bäumen und im Sand
    wie werde ich sie jemals los
    ja iwe werde ich sie bloß wieder los
    die bilder sitzen im kopf – oder sonstwo – und ziehen die worte hinterher

    fotos wie geborstenes glas
    so müssen sie heute ausschaun die polaroids
    oder sind sie verblasst
    und mit ihnen die erinnerungen

    schönen tag dir
    rosadora

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  2. Das sind beschreibende Worte: Gegniedel und Geschwurbel
    Das erste habe ich noch nie gehört, das zweite sehr wohl.
    Ich stelle mir unter solchem ein niedlich verzwirbeltes Knäuel junger Katzen vor…
    Mittwochsgruß von der, die drunten am Herbstsee sitzt und auf ihre alte Schulfreundin wartet

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  3. Gegniedel ist das langwährende Gitarrengefuddel, die wellensynthesizerklangwallenden Endlosschleifen der damals sogenannten progressiven Rockmusik.
    Ich wünsche dir am Herbstsee mehr als nur das Echo ferner Töne 😉

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  4. Kompliment! Bild und Song-Text passen hervorragend zusammen um nachvollziehbar zu machen, wie kalt und (sinn)entleert die New Wave Zeit eigentlich war. Heute lobe ich Punk für nichts mehr. Reinigend? Wovon? Vom Geist! Ich empfand diesen Text ehrlich gesagt auch immer als so ne Pseudowurstelei – „irgendwie Hiroshima oder Auschwitz unterbringen“, damit nicht nur — schluchz-mein Baby is weg — übrigbleibt. Empty roo-hooms und square roo-hooms waren auch so Lieblingsphrasen der Worthülsendrechsler damals. Aber Mode-Architektur und Autodesign passten perfekt zusammen – the ugly epoche.

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  5. Musikalisch sehe ich die 1980er Jahre auch als ein seltsames Jahrzehnt. Solltest du den Film von Resnais nicht kennen, dann ist das eine dringende Empfehlung. Ohne diesen Film keine nouvelle vague, keinen TrauffautGodartLelouchRohmerChabrol…. Der Bezug zwischen Film und dem Text von Ultravox ist allerdings positiv. Ich vermute mal, die haben den Film in Musik umgesetzt. Überhaupt waren die Texte der ersten beiden LPs von Ultravox nicht unbedingt tra-ha-lala-la-ha.
    Danke für das Kompliment!

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  6. „Alles kommt aus dem Weiß, um sich im Schwarz zu verlieren.“ Zum Bild fällt mir dieses Zitat von Louis-Bertrand Castel ein. Ich empfinde Weiß auch nicht als kalt. Für mich ist es eher eine ruhige Farbe. Die Architektur erscheint auf den ersten Blick verwirrend, bei näherer Betrachtung strahlt das Foto jedoch eine wohltuende Klarheit aus. Ein ruhiger Pol zum Text. Von Alain Resnais hat mir jeder Film gefallen, den ich bislang gesehen habe, „Hiroshima, mon amour“ ist allerdings noch nicht darunter.

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  7. Brauchbare Texte gab es für mich im Punk jede Menge. Häufig waren die sogar brauchbarer als die Musik, auch wenn ich den schlichten Gitarrenlärm sehr erholsam fand nach der psychedelischen Frickelei.

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  8. Clash lieferten gute (poetische) Texte, aber grundsätzlich stimme ich bludgeon zu: vieles war reichlich flach. Aber dafür hatte die Musik Dampf und das war die Erholung nach Labyrinthen endloser Improvisationen…

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  9. Pingback: Musikalischer Zwischenschritt | Herr Ärmel: Fotografie und Text

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