Von wegen Tag der Deutschen Einheit

Eine Entdeckung: Erja Lyytinen – Forbidden Fruit (2013)…

Der Einigungsvertrag wurde am 20. September 1990 durch die Volkskammer der DDR mit 299 Ja-Stimmen (gegen 80 Nein-Stimmen und eine Enthaltung) angenommen. Am gleichen Tag stimmte auch der Bundestag diesem Vertrag mit 442 Ja-Stimmen (bei 47 Nein-Stimmen und 3 Stimmenthaltungen) zu. In diesem Einigungsvertrag wurde der 3. Oktober zum Nationalfeiertag, dem „Tag der Deutschen Einheit“ deklariert.
Der bisherige „Tag der deutschen Einheit“ (immer fein mit kleinem „d“!) am 17. Juni wurde so quasi ersetzt. Die Erinnerung an den Volksaufstand im Jahr 1953 stillschweigend ausgelöscht und ad acta gelegt. Der hätte nach 1990 nicht mehr ins Konzept gepasst. Wo kämen wir denn auch hin, wenn die Bevölkerung aufstehen würde gegen die sie Beherrschenden.
Der kolonialistische Akt der Vereinnahmung der östlichen deutschen Bezirke und die Inkorporierung als neue Bundesländer nach Artikel 23 des Grundgesetzes war ein weiterer politischer Kniff. Dieser Artikel wurde 1992 durch einen neuen Artikel 23, den sogenannten Europaartikel ersetzt. Dadurch wurde der Artikel 146 schlau umgangen. Der hätte, wenn es seinerzeit nach Recht und bestehenden Gesetzen gegangen wäre, durch eine vollzogene Wiedervereinigung Deutschlands eine neue Verfassung bedingt. Durch diesen schlauen Trick konnte z.B. ein progressives Gesetz wie den Volksentscheid, den wir immerhin schon einmal in der Weimarer Verfassung hatten, unter den Tisch fallen gelassen werden. So bleiben wir weiterhin von einer wirklichen Demokratie noch weit entfernt und unsere Minister fahren derweil in der Welt herum, um bei fremden Regierungen in fernen Ländern mehr Demokratie anzumahnen und einzufordern. Und dass alle Parteien von schwarz bis dunkelrot nach wie vor gegen ein Plebiszit sind, konnte jedermann den Parteiprogrammen erst kürzlich vor den Wahlen entnehmen. Was mich allerdings mehr berührt ist die Tatsache, dass es zwar keine Mauer und keinen Todesstreifen mehr gibt, aber dafür scheint eine imaginäre Mauer in den Köpfen und Herzen vieler Menschen inzwischen noch etwas höher geworden zu sein. Dafür sind mir die Medien Beweis genug. Von der Blöd-Zeitung bis zu den bürgerlichen Tageszeitungen verfolge man einfach die Berichterstattung zu diesem Thema. Schon die Wortwahl offenbart die Geisteshaltung. Und die gebetsmühlenartig wiederholte Versicherung, dass die Vereinigung eben Zeit brauche, sieht mehr nach Aussitzen als wirklicher Bemühung aus. Persönliche Gespräche können noch aufschlussreicher sein. Wer mit offenen Ohren zuhört, dem werden schnell die Augen aufgehen.
Der 3. Oktober als arbeitsfreier Tag, das schon. Ein (Feier-)Tag der Deutschen Einheit (seit 1990 übrigens mit grossem „D“! geschrieben) wird er für mich auf absehrbare Zeit leider noch immer nicht werden.
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8 Gedanken zu „Von wegen Tag der Deutschen Einheit

  1. hast du demokratie gesagt – was soll das denn sein
    und gleichheit
    wo ost- und westbürger/innen immer noch nicht gleich behandelt werden – rente undso
    ich kenne mich in der politik nicht sehr gut aus
    das hat seinen grund
    die schwach- und schwätzkörper welche diese betreiben können mich einfach nicht überzeugen
    nicht mit dem was sie wollen und nicht mit dem was sie erreichen
    das ist etwas vollkommen anderes als ich mir für menschen vorstelle
    und gleiches für alle – auweihahaha
    rosadora

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  2. Habe mich vor kurzer Zeit aus Interesse einmal intensiver mit dem 17. Juni beschäftigt und gestaunt, was ich so alles nicht wusste. In meiner Schulzeit war der Volksaufstand nie Thema, nach der Wiedervereinigung wurde das Thema immer mehr verdrängt und verschwiegen. Interessant auch, wie kritisch man heute das westdeutsche 'Standardwerk' zum Thema vom Historikerdarsteller Arnulf Baring betrachten muss – glücklicherweise gibt es mittlerweile differenziertere und objektivere Lektüre darüber… Meine Empfehlung: „Die verdrängte Revolution“ (Kowalczuk, Neubert, Eisenfeld von 2004).

    Zur Wende, Einheit, Übernahme könnte ich auch einiges (Positives + Negatives) erzählen. War beispielsweise als Westdeutscher bei der Montagsdemo am 9.10.89 in Leipzig (erstaunt und gleichzeitig angstschlotternd) – ein Ereignis, dass ich nie vergessen werde…

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  3. Du kennst ja meine Einstellung zum Thema (untergegangene / verdrängte / gekaufte / eroberte) DDR. Und ich werde solange darüber schreiben, wie ich diesen Blog betreiben werde. Immer wieder. Über Barning brauchen wir kein weiteres Wort zu verlieren.
    Für deine Teilnahme an einer Montagsdemo bewundere ich dich. Wir haben immer mehr gemeinsame Themen. Das nächste Treffen kommt bestimmt 😉

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  4. Ein richtig einiges Deutschland hat es nie gegeben, die völlig harmonische Volksgemeinschaft gehört ins Märchenland, wie auch der funktionierende Sozialismus oder die unkorruppte Demokratie. Die „koloniale Übernahme Ostdeutschlands durch Kohl“ hab ich damals auch als eine solche empfunden, aber 1991 wurde mir klar, wie knapp und wie richtig es dennoch war, schnell zu handeln und nicht auf in Endlosigkeit erstrittene halbgare Kompromisse zu warten. Der Augustputsch gegen Gorbatschow hätte auch ein Jahr früher passieren können und klappen können – und dann wären basisdemokratische Wunschträume a la Konförderation und/oder Glastnostweiterwurstlung im Dieselgestank der T-54 an allen Mauerlöchern in Berlin zerstoben.

    Klar: „Rückgabe vor Entschädigung“ war ein schwerer Fehler im Verinigungsvertrag; die Treuhandgesellschaft eine legale Mafia, aber der schnelle Anschluss, statt der mühseeligen Neuerschaffung des Grundgesetzes unter neuem Namen war richtig.

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