Wahrheiten

Ein gediegener Klassiker: Pat Metheny – New Chateauqua (1979)…

„Wann ist eine Wahrheit eine Wahrheit“, so Uwe Johnson angelegentlich seiner Frankfurter Poetikvorlesungen 1979. Nachzulesen in dem Band Begleitumstände, in dem er Auskunft gibt und Rechenschaft ablegt zum Beruf des Schriftstellers. Einem anderen Buch, das heute für vorerst meinen Schreibtisch verlässt, entnehme ich, dass dieses als Zitat entnommene Wortgebilde auf Seite 249 stehen soll. Das suche ich, um den Kontext zu lesen, in dem es gesagt worden ist. Auf der angegebenen Seite lässt es sich aber nicht finden. Die einfachste Antwort wäre ein Druckfehler in den Fussnoten. Genau genommen kenne ich den Kontext, nur will er mir wortgenau partout nicht einfallen.
Wahrheiten werden erfahrungsgemäss dann besonders faserig, wenn sie sich in der Zeit rückwärts wenden. Wenn man ein einziges Mal erfahren hat, dass Zeitzeugen in historischen Dokumentarfilmen (und der Himmel bewahre mich vor Guido Knoop und seinem Geschichtszirkus) nicht wirklich von der von ihnen erlebten Vergangenheit sondern von ihrer heutigen Sicht auf vergangene Vorgänge sprechen, der wird grundsätzlich vorsichtig. Man kann das übrigens bei sich selbst beobachten. Vorausgesetzt man hat ein gesundes Misstrauen sich selbst gegenüber.
Ich habe vor einiger Zeit angefangen alte Fotografien zu digitalisieren. Das kommt einer Reise in die Vergangenheit gleich. Dachte mir dabei auch, einige Geschichten von Zeit zu Zeit hier zu präsentieren. Im Zuge meines derzeitigen Projektes zu Uwe Johnson, der meines Erachtens beim Publikum noch immer zu wenig bekannt ist, passt das eigentlich ganz gut.
Meine Grosseltern mütterlicherseits sind in der Folge des braunen Terrors zu Tode gekommen. Und seit Jahren versuche ich, genaueres zu erfahren. Unsäglicher Schmerz, Trauer und vielleicht auch Schuldgefühle haben eine nahezu unüberwindbare Mauer des Schweigens zwischen mir und einem wichtigen Teil meiner Wurzeln errichtet. Ausgerüstet mit einigem Handwerkszeug des Historikers sind die Aussagen alter Lummerländer, der „Zeitzeugen“ sozusagen, nahezu wertlos geworden was die Ereignisse an sich betrifft. Was bleibt ist ein schmaler Gewinn an randständigen Informationen. Immerhin. Und dann ein umfangreiches silbernes Besteck mit dem Monogramm der Grossmutter. Das übergab man mir beim Umzug in die erste WG seinerzeit, weil ich zufällig das gleiche habe – HÄ – Herr Ärmel.
Was bleibt sind die Fotografien. Die sprechen zu mir wenn auch lediglich in Bruchstücken. Ein junges Paar am Ufer des Rheins. Als junger Meister mit der Grossmutter und einem Mitarbeiter in der eigenen Bäckerei und Konditorei. Als Gewinner eines Meistertitels. Die ebenfalls sportliche Grossmutter. Und eine vorerst noch etwas merkwürdige Photographie, die mir meine Fragen früher oder später noch beantworten wird. Wenige Jahre nur blieb diesen Menschen. Meine Fragen richte ich derweil an die mir verbliebenen Bilder. Viele lagern wohl verwahrt in einem Kasten. Welche Antworten werden mir zuteil werden? Was davon wird Wahrheit und zuverlässig sein? Die Wirklichkeit spricht aus sich selbst und jeder Mensch sieht nur, was er eben sehen kann.

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9 Gedanken zu „Wahrheiten

  1. Ich zitiere mal Hermann Hesse. „Es gibt die Wirklichkeit und an der ist nicht zu rütteln. Wahrheiten aber, nämlich in Worten ausgedrückte Meinungen über das Wirkliche gibt es unzählige. Und jede ist ebenso richtig wie sie falsch ist.“ (H.H. Chinesische Legende).
    Insofern sollte ich meinen Blick weiter schärfen.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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  2. Es gab damals schon Cheerleader? *g*
    Ich habe, völlig unpassend zum Thema, gerade einen Clown gefrühstückt. Liegt zum Teil an der Sportzigarette und zum Teil an den Klamotten, die damals getragen wurden. Die Antwort zu der Frage nach der merkwürdigen Fotografie (ich nehme mal an Du meinst den grandiosen Hut auf dem letzten Bild) würde mich aber interessieren. Für Karneval sind die anderen zu seriös gekleidet. Gab es damals vielleicht eine Auszeichnung für den Klassenclown? Immerhin, auf Klassenfotos durfte man schon mal ein Lächeln zeigen.

    Der Pat heißt übrigens Metheny, und den Knoop finde ich nicht mal soooo schlecht, vor allem wenn er den Beckenbauer nachmacht *g*

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  3. Letztes Bild:Coedukation-Klasse? Reform-Schule? Ziemlich lockere Haltung der meisten, nicht stramm, wie die Orgelpfeifen; kein Erwachsener mit im Bild, einige Jungs mit (Mistel?)Zweigen am Revers, …. die beiden in der Mitte wirken wie ein Brautpaar, sind aber zu jung….die Mütze in der Mitte=Napoleon/Erbfeindverarsche? Tanzstundenkönig? Vielleicht Tangokurs=Unzucht? …die kommende verbotene Swingjugend…Deshalb auch Foto vor Hinterhofschuppen mit kaputten Scheiben…
    …jedenfalls deutlich Anti-HJ-lerisch

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  4. Danke für den Hinweis auf MEtheny. Auch bei Knoop war ich ungenau (den Beckenbauer-Nachmacher kenne ich nicht). Es geht natürlich nicht um ihn persönlich, der will auch nur Geld verdienen. Es geht schlichtweg um die Darstellung historischer Vorgänge. Für Laien vielleicht so interessant und inhaltlich in etwa vergleichbar jenen Zeitgenossen, die da glauben durch tägliches Kreuzworträtselausfüllen mehr von der Welt zu verstehen.

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  5. Statt einen Abend lang zu recherchieren und die darauf folgende Nacht unruhig zu schlafen hätte ich es einfacher haben können… ^^
    Der von meiner Urgrossmutter mit Bleistift handgeschriebene Text auf der Rückseite 13,7 x 8,6cm grossen Postkarte lautet: Zum Andenken an das Tanzkränzchen zu Lummerland am 5. & 6. Juli 1924.
    Da 1924 ein Schaltjahr war, fiel das Ereignis auf das erste Juliwochenende in der 27. Kalenderwoche.
    Mit dem Tanzstundenkönig liegst du also goldrichtig – Gratulation 😉

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  6. Ich glaube, Erinnerung findet nie ohne Interpretation statt. Geschichts- und Geschichtenschreibung, die sich laufend verändert. Ich glaube auch, dass reines Faktenwissen nicht viel wert ist ohne Empathie. Gerade wenn es um Familiengeschichte geht. Sich hineindenken und dem nachspüren, was man irgendwie schon als Kind intuitiv aufgesogen hat, mehr bleibt oft nicht. Und wahrscheinlich ist es viel mehr, als einem bewusst ist. Leider lässt es sich nicht so leicht abrufen.

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  7. Prinzipiell muss ich dir leider zustimmen. Deshalb sind für Historiker die Quellen so wichtig und ausschlaggebend. Und ein profundes Allgemeinwissen hilft auch dabei, die versubjektivierten Wahrheiten ein wenig zu kalibrieren.

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  8. Pingback: Erinnerungsbildprodukte | Herr Ärmel: Fotografie und Text

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