Freiheit und Hass

Die Stille in der Dunkelkammer tut gut…
Im Juli fand die erste Gay-Parade in Budva statt. Budva ist bekannt bei den Touris. Und beliebt. Denn die Eigenwerbung der Stadt zieht: „Hier sind die Nächte länger als die Tage.“ Die Teilnehmer der Parade wurden massiv bedroht. „Raus mit den Schwulen“ waren noch die harmloseren Schreiereien. Die Gegendemonstranten waren teilweise von den Hoteliers und Kneipenbesitzern der Touristenstadt Budva angeheuert und bezahlt. Ungefähr 450 Polizisten mussten die Teilnehmer der Parade gegen Steinewerfer und die Beleidigungen des aufgebrachten Pöbels schützen.
Heute fand die zweite Parade in der Hauptstadt auf dem Schwarzen Berg statt. Die Sicherheitsvorkehrungen waren massiv. Die ca. 300 Aktivisten und ihre Unterstützer wurden von rund 2000 Polizisten geschützt. Ein doppelter Sicherheitsgürtel ist um das Regierungsviertel gezogen worden. Zahlreiche europäische Botschafter sowie der Minister für Menschenrechte marschieren mit. Das Ministerium für Menschenrechte auf dem Schwarzen Berg hat sechs Mitarbeiter, allesamt hoffnungslos überfordert. Viele Fotografen und TV-Teams begleiten den Marsch. Die Kooperation zwischen Veranstaltern und Offiziellen scheint seit den Vorbereitungen gut zu funktionieren. Über schnelle Nachrichten wurden wir seit vergangener Woche jeweils kurzfristig über den aktuellen Stand der Entwicklung und organisatorische Angelegenheiten informiert (Deswegen lasse ich auch meine Kamera zuhause).
Der Botschafter und die Mitarbeiter der Delegation der Europäischen Union zeigen mit T-Shirts und Fahnen Präsenz und bekunden so ihre Solidarität. Andere Botschafter nehmen ebenfalls teil. Wir freuen uns, einen Mitarbeiter der Deutschen Botschaft zu treffen. Während wir uns noch auf dem Marsch befinden hören wir über Twitter von angeblich massiven Gegendemonstrationen an verschiedenen Stellen der Hauptstadt. Eine Gruppe hat sich ganz in der Nähe, vor der neu erbauten Kathedrale aufgebaut und versucht den Polizeigürtel zu durchbrechen. Tränengas, Schlagstöcke und das übliche Procedere. Der Oberprediger der serbisch-orthodoxen Kirche ist ohnehin als fanatischer Scharfmacher bekannt. Mit einem Satz aus der Bibel (dem laut Arno Schmidt „unordentlichen Buch mit den fünfzigtausend Varianten“) heizt er bereits seit einiger Zeit seinen Schafen ein: „Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird ausgerissen und ins Feuer geworfen (Mt. 7:19)“ In eine zivilisierte Kultur übersetzt nennt man das einen verdeckten Aufruf zur Menschenjagd. Volksverhetzung zum mindesten. Kein Wunder, dass der Verkauf von Masken und Feuerwerkskörpern in den letzten Tagen sprunghaft angestiegen sein soll. Von den aufgebrachten Horden und dem fanatisierten Kapuzenmob merken wir während der Parade nichts. Am Ende dann die üblichen Ansprachen und Dankadressen. Ich bewundere den Mut der Veranstalter, die unausgesetzt und sogar mit dem Tod bedroht werden. Die Veranstaltung will sich auflösen aber Aufrufe mahnen dazu, sich vorher jeglicher Kleidungsstücke und Accessoires, die mit der Pride Parade assoziiert werden könnten sicherheitshalber zu entledigen. Der nächste Hinweis: die Polizei würde weiterhin für die Sicherheit der Teilnehmer Sorge tragen. Blaue und weisse Minnas fahren vor. Mit einer kleinen Gruppe besteigen wir eines der Gefährte. Hinter uns schliessen sich Gitter und Türen. Komisches Gefühl. Auf dem Trainingsgelände der Spezialeinheiten am Stadtrand können wir wieder frische Luft atmen. Wir laufen in Richtung Stadt und nehmen ein Taxi zurück zur Dunkelkammer. Wir kommen am Gebäude der regierungskritischen Tageszeitung Vijesti vorbei. Dort hat sich eine Gruppe des gewalttätig randalierenden Packs inzwischen das Mütchen gekühlt. Scheiben sind eingeworfen, Müllcontainer und Abfalleimer liegen auf der breiten Strasse herum. Während ich das schreibe, scheinen die Auseinandersetzungen noch weiterzugehen.
Mein Resumee: Vor allem der grosse Respekt vor den Veranstaltern für ihren Mut. Hut ab vor der Delegation der Europäischen Union für ihre Präsenz und ihre Solidarität. Die Botschaften Grossbritanniens und der Niederlande haben die Pride Parade grosszügig gesponsert. Und natürlich auch ein Dank an die professionelle Arbeit der Polizei. Ich habe auf dem Schwarzen Berg bisher nur angenehme Begegnungen mit freundlichen Menschen gehabt. Woher kommt dieser, besonders auch wieder einmal von einer kirchlichen Institution angestachelte, gnadenlose Hass? Was mir bereits in Nordafrika aufgefallen ist: In Gesellschaften, in denen Männer in der Öffentlichkeit ganz natürlich Hand in Hand gehen, sich bei nahezu jeder Begrüssung mehrfach küssen, scheint die Ablehnung gegen jede Form der gleichgeschlechtlichen Liebe besonders gross zu sein. Im Verborgenen jedoch blühen ganz andere Pflanzen. Ein Trost mag daher sein, dass auf dem Schwarzen Berg die erste Parade stattfinden konnte. In den anderen Ländern Südosteuropas war und ist das noch immer nicht möglich.
 
      (Kein Herr Ärmel Foto diesmal – alle stammen aus anderen Quellen zu dokumentarischen Zwecken. Die letzten 3 Fotos (c) Vijesti))

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

16 Gedanken zu „Freiheit und Hass

  1. ich frage mich bei derartigen gelegenheiten immer, woher so viel angst kommt? wovor haben die menschen solche angst, dass es in so viel agressivität umschlägt? sehr plastisch erzählt hat das janne teller in ihrem roman „nichts“, dieser mechanismus, wie menschen zu grausamen bestien werden, wenn sie etwas nicht einordnen können, wenn sie mit ihrer beschränktheit konfrontiert werden. danke jedenfalls für die berichterstattung.

    Gefällt mir

  2. Bei soviel Intoleranz kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Das spielt sich nun mal facettenreicher ab, als sich das die Betonköpfe gewisser, der Nächstenliebe verpflichteten, Religionen nun mal zugeben wollen…
    Hut ab vor dem Mut der Veranstalter und Respekt vor dem Flagge zeigen der EU_Delegierten.

    Gefällt mir

  3. Aus Al Jazeera, 20 Oct 2013 14:18: „However, the popular mood remains largely anti-gay. In a survey by several local researchers last year, 71 percent of Montenegrins said they thought homosexuality was an illness and 80 percent said it should be kept private.“ Manchmal brauchts keine Angst, da reicht schon die wild blühende Dummheit.
    Dir einen schönen Abend vom Schwarzen Berg

    Gefällt mir

  4. Es scheint, dass der Dünger für diese unmenschliche Intoleranz eine geradezu unvorstellbare Dummheit ist. (Sie meinen Kommentar darüber). Und solche Leute dürfen Autofahren, Kinder kriegen und wählen…

    Gefällt mir

  5. Auch ich finde das Durchhaltevermögen der Veranstalter ganz toll. Auch, das ihnen Schutz gewährt wurde. Immerhin – das ist doch schon mal ein Schritt nach vorne. Diese Dumm- und Betonköpfe werden immer Teil unserer Gesellschaften sein, von denen eine unberechenbare Gefahr ausgeht, wenn Machtlüsterne sie zu ihrer Waffe schmieden.

    Schöne Grüße von Gegenüber, Menachem

    Gefällt mir

  6. Danke für deinen Kommentar, Menachem. Du bist also noch immer in der Nähe – viele gute Erlebnisse wünsche ich dir weiterhin.
    Die Hassprediger und Volksverführer sterben nicht aus. Das ist das Pulverfass in Südosteuropa.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    Gefällt mir

  7. Homophobie kann ich ähnlich ab wie Rassismus, kriege ich sofort erhöhten Blutdruck. Ein Zeichen unendlicher Dämlichkeit, ich werde es nie begreifen was in den Hirnen vor sich geht, falls da etwas vor sich geht. Ist halt so wie bei den Faschos, eigentlich kann man sich nicht vorstellen das so etwas überhaupt lebensfähig ist.
    Andererseits sind da Typen wie Wladi, das oberkörperfrei-aufm-Pferd-Model, der immerhin genug Intelligenz besitzt sich in einer lupenreinen Demokratie laufend zum Diktator wählen zu lassen. Glaubt der den Schwachsinn in seinen homophoben Gesetzen eigentlich wirklich oder ist er nur ein gewissenloses Arschloch, dass damit irgendeinen Markt bedient? (Ersteres ganz sicher, aber auf Frage 2 hätt ich gerne ne Antwort)

    Kirche ist da noch ein ganz anderes Thema in dem Zusammenhang, aber das sind eh nur Leute die gerne glauben. Wissen ist da nicht so gefragt.

    Jetzt geh ich ma Tageschau, guggen wo der Herr Ärmel war. 🙂

    Gefällt mir

  8. Homophobie bedient tiefenpsychologisch eine Urangst: Unfruchtbarwerdung der Familie bzw. der Gesellschaft, somit Wehrlosigkeit, Passivität, Verdrängtwerden, Untergang (siehe Dauerargument Spätrömische Dekadenz). Ich kann nachvollziehen, dass junge Demokratien ein größeres Problem damit haben als wir. Es wird auch auf einer höheren Stufe von Massenwohlstand eher toleriert, als in Zeiten des Gründungswirrwarrs. Man male sich mal aus, wie Schwulendemos um 1855 irgendwo in Deutschland ausgegangen wären oder in der Weimarer Republik. Dass letztere in der Künstlerhalbwelt eine gewisse Toleranz praktizierte ist kein Argument für Massenakzeptanz.
    Die haben in ganz Osteuropa eben noch ganz andere Probleme zu klären und spüren, dass sie wieder in die traditionelle „Hinterhof Europas Rolle“ gedrängt werden, wohlstandstechnisch abgehängt, daraus folgt intuitiv: Explosion der Schulenrate = Selbstaufgabe.

    Gefällt mir

  9. Danke für den Bericht, Herr Ärmel. Wichtig zu wissen, dass auch auf dem Schwarzen Berg nicht alles schön ist. Und ich gebe Dir Recht, mir scheint auch, dass Homophobie in Männer dominierten Gesellschaften besonders ausgeprägt ist. Ich denke, es ist Angst. Und die mit der meisten Angst sind wahrscheinlich die Anheizer. Schließlich verwenden in diesen Gesellschaften nicht wenige Männer einen Großteil ihrer Energie darauf, in die Gesellschaft zu passen. Zu funktionieren. Nicht ihren wahren Neigungen nachzugeben. Jedenfalls nicht öffentlich.

    Gefällt mir

  10. Wer zur Hölle ist Wladi? Welches Buch hat er geschrieben, spielt er ein Instrument oder spielt er Linksaussen?
    Dann will ich gerne versuchen, deine zweite Frage zu beantworten…
    btw: Offensichtlich hast du deine Regenwaldexkursion heil überstanden *g*

    Gefällt mir

  11. Ein lupenreiner Kommentar. Psychologisch nachvollziehbar. Mir fehlt das aber noch etwas, das über die Angst hinausgeht. Vielleicht gibt es das ja garnicht.
    Deine Erklärung zu Südosteuropa finde bemerkenswert und werde darüber nachdenken.

    Gefällt mir

  12. Über die Angst hinausgehen: Statt Provokationsmärsche in fragilen Staaten zu organisieren (was Tagesschaubilder erzeugt und die Naivität der TV-Gucker im Ausland verstärkt und so der gutgemeinten Absicht im doppelten Sinne schadet) sollte man eher auf die sanfte Tour versuchen Akzeptanz zu erzeugen, z.B. wenn sich irgendwelche dortige Publikumslieblinge als (möglichst untuntige) Schwule outen, wie einst Tom Robinson und Rio Reiser. Das würde dem Lernprozess auf die Sprünge helfen: Guck mal, der wirkt doch ganz normal…
    Allerdings könnte das dort auch noch das Karrierende bedeuten.

    Gefällt mir

  13. Mit „Über die Angst hinausgehen“ meinte ich eigentlich weitere mögliche Ursachen.
    Egal, auch deiner neuerlichen Anregung kann ich gut zustimmen. Vor allem aber die Erziehung durch Bildung scheint hier zu fehlen.
    Einer der Veranstalter hat gestern den 15-jährigen im Krankenhaus besucht, der sich beim Eiegnbau eines Brandsatzes schwer verletzt hatte. Auch dies ist eine Möglichkeit: die Begegnung.

    Gefällt mir

Kommentare, Gedanken + Hinweise bitte hier abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s