Zu früh verabschiedet

Dem Thema bestens entspräche „Martha“ von Friedrich von Flotow. Martha jedoch findet sich auf die Schnelle nicht, alternativ also King Crimson – Red (30th Anniversary Edition 1974 / 2004 mit Bonüssen)…

Neben anderem steht ein neues Projekt vor der Tür zur Dunkelkammer. Der Bezug zur ehemaligen DDR liegt auf der Hand. Ein beruflich überaus interessanter und lehrreicher, wenn auch aufgrund seiner persönlichen Eigenheiten ein gelegentlich unheimlicher Gast (1934 – 1984).
Namentlich war er mir lange bekannt, seine Werke kennengelernt habe ich allerdings in der Verbindung mit der Meldung seines Ablebens. Er war einige Jahre mein steter Begleiter, seine Werke und auch die bis dahin karge Forschung darüber.
Nach 1990 nahmen die literaturwissenschaftlichen Publikationen zu seinen Arbeiten explosionsartig zu. Mir wurden die Erbsenzählerei in und an den Texten und die „Enthüllungen“ um seine Person zuwider.
Neue Aspiranten wollten zu Hausgöttern werden und so musste der Autor mit den hinteren Rängen in den Regalen Vorlieb nehmen. Dennoch faszinieren mich seine Romane und Essays nach wie vor. Und eine signierte Portraitfotografie mit einigen Zeilen hängt fein gerahmt im Bücherstübchen.
Was mag das für einer sein, den sein Verleger von einer öden Insel vor der Themsemündung holt, weil er dort zu versacken droht ohne zuvor den letzten Teil seines opus magnum beendet zu haben. Der Verleger hat Einfluss in seiner Stadt, an der dortigen Universität liegt die Dozentur für Poetik seit zehn Jahren brach. Eins und eins gibt zwei.
Die Vorlesungsreihe soll ab 1979 wieder stattfinden und der Verleger auferlegt seinem Autor die Rolle eines Dozenten, vor den angehenden Germanisten wird er also der Intention der Veranstaltung gemäss aus der Werkstatt eines von Berufs wegen Schreibenden berichten.
Die beginnen im Fall dieses Autors, merkwürdig genug, mit dem Hinweis, dass die Hörer keine privaten Nachrichten über den Autor erhalten würden. „Das Subjekt wird hier lediglich vorkommen als Medium der Arbeit, als Mittel einer Produktion. Damit ist Ihnen garantiert, dass private Mitteilungen zur Person entfallen werden.“ (S.24). Bereits am Ende der folgenden Seite jedoch beginnt das Medium der Produktion mit der Lebensgeschichte, eingebettet in die erlebte Zeitgeschichte eben jenes Autors. Die Grenzen zwischen autobiografischem Bericht und exakt recherchierter Geschichte beginnen zu verschwimmen. Der Text der Vorlesungen liegt gedruckt bei Suhrkamp vor (Begleitumstände, edition suhrkamp, es1019, 1. Auflage, Frankfurt, 1980). Auf 454 Seiten (inklusive 8 Fotografien in schwarz-weiss) berichtet das Medium der Arbeit seinen Zuhörern die Geschichte eines Menschen innerhalb der fortschreitenden Geschichte – der Autor erlebte vier verschiedene staatliche Systeme. Keine Anleitung für werdende Schriftsteller sondern eine Warnung vor dem Beruf ist daraus geworden. Das eigene Scheitern einkalkuliert. Was mag das für eine Person gewesen sein, die ihre Vorlesung mit diesen Sätzen beschliesst:
„Um Ihnen in diesen Vorlesungen eine Unterhaltung am Rande zu bieten, und
dem Training zuliebe, habe ich im ausgearbeiteten Text bis auf anderthalb Ausnahmen einen Boykott ausgeübt gegen ein im Deutschen oft gebräuchliches Adverb, wegen der Weiterungen gegen andere Worte, die eine solche Enthaltsamkeit nach sich zieht. Jenes Adverb mochte noch so sich vordrängen, es mochte noch so jammern und barmen, ich habe es dürsten lassen und hungern. Wer von Ihnen es herausfindet und mir melden mag, mit einer Beschreibung des Suchverfahrens, kann einer Buchsendung sicher sein. Wer der erste ist, kann das Manu-, Copy-, Montier-, Klebe-, Typoskript dieser Vorlesungen geschenkt bekommen, sofern Sie einen Wert darauf legen.
Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Mesdames Messieurs, wir erheben uns von den Plätzen: Chapeau! Uwe Johnson.


     Brig, Wallis – Bücherdenkmal      (c) 2011 Herr Ärmel

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13 Gedanken zu „Zu früh verabschiedet

  1. Der war mir zu kauzig. Seine Art zu schreiben übertraf Fontane in puncto Langatmigkeit um Längen. Eigenartig leblos. Unlesbar.
    Genau die Schreibe, die entweder gnadenlos ignoriert wird oder einen zu Feuilletons Liebling macht.
    Kempowski ist mir da um Längen lieber.

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  2. ich habe mutmaßungen über jakob gelesen, was mir grandios gefallen hat. und die ersten seiten der vorlesungen, irgendwann möchte ich sie ganz lesen, aber das geht nicht zwischendurch.
    leblos finde ich sein erzählen gar nicht, aber sicher eigenwilliger als das von kempowski, wobei ich diesen vergleich nicht verstehe, überhaupt verstehe ich da marguerite duras am besten, die einmal schrieb, sie fühle sich eigentlich nur verstanden, wenn jemand über ihre bücher schreibt, es ist mit nichts zu vergleichen.

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  3. Merkwürdig, dass allein sein Name in mir das Bild eines riesigen, stromlinienförmigen alten amerikanischen Straßenkreuzers erzeugt…ich mag solche Assoziationen- und gelesen habe ich von ihm vor ….zig Jahren mal was…was ich hier las, zeugt von mehr Johnson-Kundigkeiten…

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  4. Schade.
    Also was für die Ablage Ewige Rätsel.
    Abeilung Rätselhafte Literatur.
    Unterabteilung Autorenpreisrätsel ohne Gewinnausschüttung.

    Danke für die Bemühung, lieber Ärmel.

    Gruß, Willi

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