Wenn einer keine Reise tut…

Der musikalische Reisebegleiter: Nigel Kennedy – Riders on the Storm (The Doors Concerto, 2008)…

Wenn einer keine Reise tut kann er natürlich auch ganz schön viel erleben. Indem man beispielsweise in seinem Zimmer umher reist. Dabei sind ungeahnte Entdeckungen möglich. Was beim ersten Lesen möglicherweise abwegig erscheinen mag, macht beim näheren Hinsehen durchaus Sinn. Lange vor Virginia Woolf und ihrem mittlerweile berühmten Essay von 1929 gab es innerhalb der reiseliterarischen Gattung bereits eine Abteilung „Zimmerreisen“. Entstanden ist sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts als eine mögliche Gegenreaktion auf die schiere Flut von Reisebeschreibungen, die in den Auslagen der Buchhändler angeboten worden sind. Im Zuge der Emanzipation des Bürgertums nach der Französischen Revolution kam das Reisen ganz gross in Mode. Wer immer es sich leisten konnte, liess seine Koffer packen und machte sich auf den Weg weg wohin. Alleine diese frühen bürgerlichen Reisebeschreibungen könnten dem heutigen Touristen die Augen öffnen für die Beschwerlichkeiten und Fährnisse des damaligen Reisens, von den enormen Kosten einmal ganz abgesehen.
Das Thema des Tages sind jedoch die Zimmerreisen. Das erste Werk des Genres „Reise um mein Zimmer“ wurde von Xavier de Maistre 1794 veröffentlicht. Er fiel in der Zeit nach der Revolution in zeitweilige Ungnade und wurde mit einem Hausarrest belegt, den er kreativ nutzte. Mit seiner Publikation und dem folgenden überraschenden Erfolg wurde er zum Vorreiter einer neuen Form der Reisebeschreibung, die rasch Nachahmer fand.
Zimmerreisen, bzw. Reisen in Räumen „beschreiben keine Traumwelten, sondern den banalen Raum des Alltags. Sie erkunden nicht die exotische Ferne, sondern bleiben in der unmittelbaren Umgebung: im Zimmer.“ (Stiegler, 2010, S.12). Im Lauf der Zeit haben sich die Beschreibungen auf andere eng umgrenzte Räume erweitert. Die eigene Strasse oder etwa eine Kirche wurden so zum Ziel der Reise. Der Reiz liegt darin, dass man einen Raum, in dem man sich tagtäglich aufhält, einen Gewohnheitsraum den man vermeintlich gut zu kennen glaubt, durch eine entsprechende Zimmerreise erst richtig kennenlernt und dabei überdies erstaunliche Erkenntnisse gewinnen kann. Die frühen Zimmerreisenden nahmen für sich in Anspruch, durch die Erkundung ihrer nächsten Umgebung genau jene Sphären zu entdecken und zu verstehen, die sich den Fernreisenden gerade nicht eröffnen würden. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erschienen immer häufiger diversifizierte Beschreibungen. So lieferte Sophie von La Roche eine Reisebeschreibung ihres Schreibtisches. Hier wurde ein Boudoir bereist und anschliessend beschrieben, dort eine Bibliothek. Bilder ebenso wie Teppiche. Zu bereisen waren alle erdenklichen Räume, selbst auf den kleinsten Flächen (z.B. auf einem Teppich) waren ungeahnte Entdeckungen möglich.
Man kann sagen, dass hier gleichermassen ein Gegenbild zu Jules Vernes „Reise um die Welt in 80 Tagen“ entworfen wurde, denn wie allgemein bekannt, hatte der Protagonist nach seiner Erdumrundung den Mitgliedern in seinem Londoner Club in London keine weiteren Erkenntnisse fremder Kulturen, mit denen er in Berührung kam zu berichten. Lediglich der Erfolg in Zahlen zählte.
Wir wissen alle, dass am langen Ende die bezaubernde Melange aus Abenteuer und Erkenntnis beim Reisen in ihrer ursprünglichen Form schon lange kaum noch möglich ist. Die „Rheinreise von Mainz bis Cöln“ von Karl Baedecker erschien 1835 und liefert die Folie für den Beginn serienmässiger Welterschliessung für das bürgerliche Fernweh. Einige Jahre zuvor war bereits ein Handbuch für „Schnellreisende“ in den Rheinlanden erschienen (Röhling, 1828). Thomas Cook ein britischer Geistlicher, hängte 1845 seine fromme Verkleidung an den Nagel und organisierte fortan Reisen im immer grösser werdenden Stil. Der Massentourismus war geboren.    

„In einem Zimmer sitzen und doch reisen, ist desto angenehmer, da weder Staub, noch Zoll und Visitationswesen die Reisenden inkommodiert.“ (Moritz Gottlieb Saphir, 1827)

Zur Vorbereitung auf die Zimmerreise:

Grundlegend (für einen vielfältigen Überblick):

– Stiegler, Bernd: Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum. 2010.
Anregende Zimmerreisen (Einige der angezeigten Bände sind auch in deutscher Sprache erhältlich):

– Bellin de La Liborlière, Louis-François-Marie: Voyage de la Boudoir de la Pauline.
– De Maistre, Xavier: Reise um mein Zimmer.
– De Maistre, Xavier: Nächtliche Expedition um mein Zimmer.
– Führer auf Enslen´s malerischer Reise im Zimmer.
– Gautier, Léon: Voyage d´un catholique autour de sa chambre.
– Houssaye, Arsène: Reise an meinem Fenster.
– Huysmans, Joris-Karl: Gegen den Strich. 
– Jacquet, Friedrich David: Reise in meinem Zimmer in den Jahren 1812 und 1813.
– Stern, Karl: Auf eine Reise auf meinem Zimmer.
– Toepffer, Rodolphe: Voyages en zigzag.
– Virilio, Paul: Rasender Stillstand

Wer trotz alledem eine Zimmerreise fürchtet – Gute Reise! Bei dem abgebildeten Reisebus handelt es sich um einen Krauss-Maffei KLM110 – in Aktion zu sehen: Klick –> hier.


    (Aus dem Lummerländer Familienarchiv, 1954)

15 Gedanken zu „Wenn einer keine Reise tut…

  1. Gerne 😉
    Ich würde mit einer Tagesreise beginnen. Wenn Dir die gut bekommt, wagst Du Dich vielleicht mal übers Wochenene ins Zimmer. Längere Reise wollen sorgfältig geplant und geübt sein. Sonst wäre es durchaus möglich, dass einem die beiden freundlichen Männer in weissen Turnschuhen und mit einer engschnürenden Jacke in ein ganz spezielles Einzelzimmer begleiten.

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  2. Im Gegenteil, ich könnte mir vorstellen, dass der in seinem Lebenszimmer eingesperrte Mensch (um es mit Friedrich Ani zu sagen), gesetzt den Fall er lernt die Kunst der Zimmerreise zu beherrschen, gerade darin ein probates Mittel gegen dieses Drama des Eingesperrtseins fände und in der kleinsten Staubfluse die ganze Welt gespiegelt. Ich denke auch an jene, die, selbst wenn sie sich auf Weltreise begeben, doch nicht wirklich aus ihrem Zimmer heraus kommen. Was vielleicht das eigentliche Drama ist.

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  3. Überhaupt nicht. Aber ich dachte dabei auch an Emily Dickinson, die das Haus kaum verlassen hat, die meiste Zeit in ihrem Zimmer zubrachte, und was hat sie nicht für wunderbare Gedichte geschrieben…

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  4. Ich ziehe zwar Wurthering Heights vor, der Tragik tut das aber so doer so keinen Abbruch. Ich habe das Haus in Haworth besucht, in dieser Gegend können kaum sonnig leichte Gedanken schweben….

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