Sinnfreiberieselung auf dem Vormarsch: Geräusche verschwinden

Zu einem sonnig herbstlichen Tag bei angenehmen 20° passt hervorragend: Gioachino Rossini – Sämtliche Ouvertüren. Eingespielt von Sir Nelville Mariner / Academy of St. Martin in the Fields (1996)…
Eine alte AnalogFotografie. Das leise Rauschen eines sanften Windes kann man fast hören. Und was sonst noch?
Obwohl die meisten Geräusche zunehmend lauter werden, verschwinden jeden Tag vertraut gewordene Geräusche. Das klingt paradox. Den es gibt fast keinen öffentlichen oder privaten Raum, der nicht beschallt wird. Wer seine Ohren von den Kirchenorgeln des ausgehenden Mittelalters über die Supermärkte der 1960er Jahre bis in die heutigen Shopping-Malls öffnet, der wird nicht verwundert sein. Fast kein Zusammentreffen mehrerer Menschen sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich, ohne irgendeine zusätzliche Geräuschkulisse, meist musikalischer Art. Schon diese Tatsache allein stört zumindest mich, denn ich möchte gerne mit Menschen sprechen, Musik geniesse ich in Ruhe und indem ich der Musik zuhöre. Beides miteinander funktioniert nur eingeschränkt, vielleicht wird deshalb in Konzertsälen meist geschwiegen.

Ein anderer Punkt ist dabei die zunehmende Lautstärke. Als sollte jedermann der allgemein bekannte Satz von Wilhelm Busch lautstark aus den Ohren geblasen werden: „Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.“ (aus: Dideldum! Der Maulwurf, 1872). Nach meiner Beobachtung scheint die Mehrheit der Betroffenen dies einfach hinzunehmen oder ist mittlerweile dermassen abgestumpft, dass der Krach in ihrem Empfinden „einfach dazugehört“.
Gleichzeitig findet aber fast unbemerkt eine merkwürdige Gegenbewegung statt. Es verschwinden immer mehr Geräusche aus dem Alltag. Beispielsweise beim Telefonieren. Wieviele Geräusche waren vernehmbar beim Abnehmen des Hörers von der Gabel, beim Drehen der Wählscheibe, beim selbststätigen Rückdrehen der Scheibe, das Klappern des Kabels am Gehäuse des Apparates während eines Gesprächs. Schlussendlich das satte Geräusch beim Einhängen. Dem folgten Apparate mit viel leiseren Tippgeräuschen auf den Tasten. Bei den ersten elektronischen Handfesseln war das Tippgeräusch so leise, dass man als Extra quasi, Pieptöne dazuschalten konnte. Derzeit wischen Fingerkuppen über ein Glasfensterchen. Stille. Als Ausgleich für den irrwitziegn sonstigen Lärm? Mir geht es nicht darum, eine wie auch immer geartete Nostalgie zu pflegen. Mir geht es um die Vernebelung von Hörqualitäten bis hin zu ihrem Verschwinden. Es ist der phantasie- und charakterlose Ersatz, den ich als Konsument für meinen Hörsinn geboten bekomme. Der Hörsinn ist wesentlich sensibler als der Sehsinn. Wir sollen aber auf Optik getrimmt werden. Die Produkte der Warenproduzenten sollen wir sehen und grapschen: nach der Zahlung selbstredend. Auf Nuancen hören, uns vielleicht fragen, ob wir das Konsumprodukt wirklich brauchen, mit Verkäufern kommunizieren und genau hinhören, das stört das reibungslose Geschäft. Eigentlich stören wir sowieso Austausch von Ware und Kapital.
Heute fand ich auf der interessanten Seite von Wildgans einen Hinweis auf Menschen, die sich der verschwindenden Geräusche des Alltags annehmen, indem sie die unterschiedlichsten Geräusche konservieren und auf einer Webseite mit schönen Fotos präsentieren.

Hier gibts ein Interessantes Video (kurze 5 Minuten) dazu —-> KLICK

Wer sich an altgewohnten und fast vergessenen Tönen und Geräuschen, begleitet von entsprechenden Fotografien erfreuen möchte —-> KLICKT HIER

Nicht aufhören mit dem Zuhören.

Allen Besuchern einen schönen lauschigen Sonntag mit interessanten Lauscherlebnissen.
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8 Gedanken zu „Sinnfreiberieselung auf dem Vormarsch: Geräusche verschwinden

  1. Ich wäre sehr dankbar wenn in Konzertsälen geschwiegen würde, das gilt wohl leider nur noch für die Oper. Das Wählscheibengeräusch vermisse ich nicht wirklich, kann man sich aber sicher als mp3 irgendwo runterladen und als Wählton verwenden, es gibt ja bei Bedarf auch Modem-Einwahlgeräusche wenn man drauf steht *g*

    Du solltest Dir mal den Film „Sie leben“ von John Carpenter ansehen. Ich habe noch eine der Brillen 😀

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