Bader, Wundarzt und Schweineschneider

Niemand wird jünger und wenn draussen noch so schön die Sonne scheint: Rentnerband – Alles klar (1974)…
 
Unglaublich, was literarisch so alles zur Unterhaltung des Publikums geschrieben, gesammelt und kompiliert worden ist. Hier eine Kostprobe aus einem Werk von Herrn Ernst Ludwig Wilhelm Nebel, den heute wahrscheinlich niemand mehr kennt. Der hat „medicinische Scherze“ gesammelt. Manche muten heutzutage nicht mehr so witzig an. Andererseits wirft es ein Licht auf die Entwicklung der europäischen Medizin wenn man bedenkt, dass bis ins 19. Jahrhundert für viele Heilmethoden der „Kanon der Medizin“ (Qānūn at-Tibb) des persischen Arztes Abū Alī al-Husain ibn Abdullāh ibn Sīnā (980-1037 / latinisiert Avicenna oder kurz Ibn Sina) ) als Grundlage galt. Heute lassen sich die Ärzte auf „Bildungsreisen“ von den nimmersatten Pharmakonzernen sagen, wie man (bilanz-)heilsam die Produkte an die Patienten bringt.
Vorzüglich zu lesen auf dem Stuhl eines Wartezimmers.
 

Ein Skelet stürzt in Lebensgefahr.

In den Diensten des Tzaar Feodorowitsch befand sich ein Holländischer Wundarzt Namens Quirinus. Dieser hatte ein Skelet über seinem Tisch an der Wand hängen, und diesem gegenüber pflegte er zuweilen die Laute zu spielen. Die wachehabenden Strelitzen wurden durch den Schall dieser Laute aufmerksam gemacht, sie giengen ihm nach, und wurden mit Grausen ein Todengerippe gewahr, welches sich an der Wand bewegte.
Das Fenster stand nämlich offen, und das Skelet bewegtete sich entweder von dem Windstoß, oder von den Stößen des Tisches; die Strelitzen aber glaubten, daß es sich nach den Tönen der Laute bewegte und an der Wand tanzte. Das Gerücht von dieser wundersamen Sache verbreitete sich schnell, so daß es dem Großfürsten und dem Patriarchen zu Ohren kam, und diese Leute abschickten, welche das Schauspiel beobachten sollten. Die Abgeordneten behaupteten einmüthig, daß das Todtengerippe nach der Laute getanzt hätte. Man berathschlagte sich nun, auf welche Art man sich von diesem Zauberer befreyen könnte, und faßte den Endschluß, ihn nebst seinem Gerippe zu verbrennen. Der Wundarzt erfuhr es heimlich, daß er ein Märtyrer der Anatomie werden sollte, und da er hierzu eben nicht Beruf in sich fühlte, wendete er sich durch einen seiner Deutschen Landsleute an den Fürsten Tscheraskoy, der bey Hofe viel galt, damit er dieses Unglück von ihm abwenden möchte. Der Kaufmann erklärte dem Fürsten, zu welchem Behuf ein Wundarzt ein Skelet brauchte, und bewies ihm, wie die Windstöße durch das Fenster, aber nicht die Töne der Laute die Bewegungen des Skelets verursacht hätten. Tscheraskoy war ein aufgeklärter Mann, und verwendete sich mit seinem ganzen Ansehen bey Hofe für den Beschuldigten. Durch seine Bemühungen richtete er endlich soviel aus, daß dem Beschuldigten das Leben geschenkt wurde, allein die Strafe der Landesverweisung vermochte er nicht zu hintertreiben. Dieses geschah bloß wegen der Vorurtheile des aufgebrachten Pöbels, welchem überdies noch ein Fest mit dem Gerippe gegeben wurde: denn es wurde über die Moskwa geschleppt und auf einem Scheiterhaufen öffentlich verbrannt.
(Aus: Ernst Ludwig Wilhelm Nebel: Medicinisches Vademecum für lustige Aerzte und lustige Kranken, enthaltend eine Samlung medicinischer Scherze, komischer Einfälle und sonderbarer medicinischer Geschichten und Gewohnheiten aus den besten Schriftstellern zusammengetragen. Theil 1–4, Frankfurt, Leipzig: Carl August Nicolai, 1795 (Bd. 1), 1796 (Bd. 2); Berlin, Leipzig: Carl August Nicolai, 1797 (Bd. 3); Berlin, Leipzig: Carl August Nicolai Sohn, 1798 (Bd. 4).

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6 Gedanken zu „Bader, Wundarzt und Schweineschneider

  1. Hihi, ein ähnliches Machwerk findet sich auch in meiner Bibliothek (analog). Heimlichkeiten der Frauenzimmer oder Die Geheimnisse der Natur hinsichtlich der Fortpflanzung des Menschen; über Befruchtung, Beischlaf und Empfängnis und eheliche Geheimnisse zur Erzeugung gesunder Kinder.
    Sogar die sechste, mit neuesten Erfahrungen verbesserte Auflage von 1851.
    Hammer Aufklärung *g*, gab es damals bei 2001 (Rogner & Bernhard)

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  2. Strelitzen und Pöbel und Behuf, wie komme ich dazu, an einem modernen Morgen mit angesagtem Schlottersturm solch …tümliche Texte zu lesen. Noch gar nicht mal auf einem dumpfigen Wartezimmerschwingstuhl…Was tut man nicht alles.
    Schöne Musik dazu.

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  3. Wenn man bedenkt, was die Medizin in nicht mal zweihundert Jahren für eine Entwicklung genommen hat… – Ein schönes Plätzchen ist das, licht und luftig, die Schatten schaukeln und alles in allem auch allem ein wenig entrückt.

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