In der Buchstabenschmiede

The Real McKenzies – Westwinds (2012)…

      (Zum Bücherlesen  Foto anklicken)

Lesen macht glücklich. Oder unglücklich. Je nachdem, was man gerade liest. Das marktschreierische Geplärr der gängigen Presse kann auf Dauer zu einem Ticket in die tiefste Melancholie werden. Fachliteratur kann erhellend oder verdunkelnd sein. Ein Vergleich beispielsweise zwischen englischen und deutschen soziologischen Werken zu ein und demselben Thema ist aufschlussreich. Freude und Leid spalten sich auf Messers Schneide. Hier helle Erkenntnis und auf der anderen Seite verdreht verschrobenes Satzwortgeschwurbel mit wissenschaftlich verkapptem Verdunklungseffekt.
Also Belletristik. Im Deutschen statt exakt ganz einfach schnöde mit „Schöner Literatur“ übersetzt. Hierzusprachlich trennt man typisch deutsch noch wertend in Hochliteratur und Trivialliteratur. Ich frage nach den Wächtern dieser Grenze, die da gezogen wird. Wer teilt ihre Schichten ein?
Trivialliteratur mag ich nicht besonders, doch sie hat auch gewisse Vorteile. Einfache Satzkonstruktionen, grellfarbige Bilder; die Ästhetik liegt in der Einfachheit. Schnell zu lesen ohne Anspruch auf Gültigkeit und Dauer. Doch wer kann sich auf Dauer den Zeitverlust leisten, das Versäumnis aufregend interessanterer Literatur?
Dann doch lieber Hochliteratur. Ein solide gebautes und geschmackvoll eingerichtetes Haus statt einer grob hingezimmerten Bruchbude mit hastig zusammengenageltem Interieur. Da ich mich literarisch in vergangenen Jahrhunderten ausgiebig umgetan habe, bleiben mir vom 20. Jahrhundert nur wenige Schreibartisten übrig. Vieles wurde bereits vorher schon grundlegend behandelt und besser geschrieben.Trotzdem lasse ich mich nach wie vor gerne empfehlend beraten, bin aber dennoch vorsichtig geworden mit den Jahren.
Der erste Satz: „Die ganze Nacht hindurch, im Dunkel, preschte das Wasser vorbei“. Statt eines Bildes steigt mir lediglich das Wasser Richtung Augenausgang. Nächte pflegen nach meiner bisherigen Lebenserfahrung im Allgemeinen vorwiegend dunkel zu sein. Vielleicht eine Ausdrucksattitüde des Autors. Da er allerorten hochgelobt wird, gebe ich ihm am ersten Seitenende noch eine grosszügig bemessene Frist bis Seite zwanzig, denn er liest sich flott weg und ich verschwende schlimmstenfalls wenig Zeit. Das sind so Erfahrungswerte, manche Autoren enden bereits nach Seite drei als Bücherleiche im Regal. Dieser Autor nutzt die verbleibenden neunzehn Seiten nicht, denn bereits auf Seite siebzehn „löste sich ein einzelnes dunkles Flugzeug und stürzte unbeirrt wie ein blindes Insekt mit roten Insignien und glänzend schwarzer Haube auf sie herab…“.
Während ich noch das einzelne dunkle Flugzeug in ebenso dunkler Nacht zu erkennen versuche, muss ich zwangsweise umschalten ins Reich der Insekten. Schwierig nur, dass ich noch nie gesehen habe, wie sich ein blindes Insekt auf einen Flugzeugträger stürzt. Diese „Wie-Vergleiche“ erscheinen mir zunehmend hilflos und fade. So nach dem Motto: ich gebe dir, Leser, jetzt ein Bild, das aussieht wie dieses Bild, das ich dir auch noch gebe. In Blogs sind sie inflationär zu lesen, diese Wie-Vergleiche. Hier versinkt schreiberische Kreativität mit grosser Würde im Sumpf der Belanglosigkeit. Ein Zeiträuber, denn wenn „einer in die Kneipe kommt wie John Wayne“, dann will ich auch John Wayne in die Kneipe kommen sehen und durch das Wortfeuerwerk kapieren, dass es eben nicht John Wayne selbst sondern der Protagonist ist, der da hereinkommt.
Ich will beim Lesen einen Film sehen, den ein Autor als Wortbildhauer in seiner Satzschmiede produziert hat und keine abgehackte sezierte Vergleichsbilderschau. Da kann ich gleich Comics lesen. Von Erzählinstanz, Fokalisierung, rhetorischen Tropen und Figuren ganz zu schweigen.
Auf Seite siebzehn war dann Schluss mit „Alles, was ist“. Mein Erlösungsseufzer dazu: Tja, das wars dann.
Von dem unvergleichlichen Wortmetz Arno Schmidt stammt folgendes Zitat: „Setzen wir, daß man vom 5000. Tag an leidlich mit Verstand zu lesen fähig sei; dann hätte man, bei einem green old age von 20000, demnach rund 15000 Lesetage zur Verfügung. […] Sagen wir, durchschnittlich alle 5 Tage 1 neues Buch – dann ergibt sich der erschreckende Umstand, daß man im Laufe des Lebens nur 3000 Bücher zu lesen vermag! Und selbst wenn man nur 3 Tage für eines benötigte, wären’s immer erst arme 5000. Da sollte es doch wahrlich, bei Erwägung der Tatsache, daß es bereits zwischen 10 und 20 Millionen verschiedener Bücher auf unserem Erdrund gibt, sorgfältig auswählen heißen. Ich möchte es noch heilsam=schroffer formulieren : Sie haben einfach keine Zeit, Kitsch oder auch nur Durchschnittliches zu lesen : Sie schaffen in Ihrem Leben nicht einmal sämtliche Bände der Hochliteratur! (Arno Schmidt: Aus Julianischen Tagen. 1961). Der alte Bücherfresser wusste, worauf es ankommt beim Umgang mit Büchern.

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22 Gedanken zu „In der Buchstabenschmiede

  1. Bei Trivialliteratur, das ist der Vorteil, schafft man locker die doppelte Anzahl an Büchern, weil man nicht jeden Satz drei mal lesen muss um ihn zu verstehen. Mit Comics dürfte man noch mehr Boden gut machen.
    In der Musik ist es wesentlich einfacher hohen Ansprüchen Genüge zu leisten, denn eine Stunde Bach oder Coltrane kosten so viel Zeit wie eine Stunde Sex Pistols, daher habe ich die Leserei aufgegeben und höre lieber Musik. Seitdem habe ich Zeit genug für Coltrane UND die Sex Pistols und muss mich nicht zwischen Arno Schmidt und Stephen King entscheiden *g*.

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  2. Ich sach nur Dan Brown und das Grauen ist komplett. Und kommt noch Diana Gabaldon dazu, würde ich es Zaph gern gleich tun und lieber aufs Lesen verzichten.
    Das schlimmste aber, wenn so ein Wust hochgelobt und dem geneigten Publikum ans Herz gelegt wird. Das ist dann wie RTL und Sat1 in Buchdeckel gepresst

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  3. Das Foto finde ich furchtbar: eine Leiter aus geschändeten Büchern, das ist wie Napoleons Pferde in der Kirche. Hätte ich Bücher geschrieben, wollte ich sie niemals SO „verarbeitet“ seh’n. Zusätzlich ragt die Leiter in den Himmel, ohne ihn zu erreichen. Merke: Lesen macht einsam, führt ins nichts… LEIDER! Denn die Meute guckt Tatort oder Fußball.

    Einspruch auch zum Begleittext: Ein Hoch auf die Hochliteratur und nieder mit der Trivialität? Nö. Was ist schlecht an billig gestrickten Reißern, wenn sie der geschundenen Alltagsseele wieder aufhelfen. Man erträgt soviel langweilige Scheiße, da darf es zum Tagesausklang ruhig ein wenig „unrealistische“ Spannung oder triefender Kitsch sein.
    Nach Arbeit, Sitzung, Bürokratenärger und stressbedingter Chaosernährung könnte ich mich hinterher auf keinen Fall mit Goethe, Mann, Rilke … (tutti quanti) erholen. Da darf es dann schon Bukowski, Flashman oder Felix Dahn sein. (Arno Schmidt geht auch fast immer und seltsamerweise geht inzwischen auch einiges von Fontane ganz freiwillig.)

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  4. Ich fühle mich ertappt. Mich dünkt, ich bin arg anfällig für diese Wie-Vergleiche. Da liegen wohl Lichtjahre zwischen uns, Herr Ärmel..;-) – Ich würde ihn aus jeder Schublade, aus der die Nebel von Avalon wallten, retten.

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  5. Das mit „Nieder“ mit der Trivialliteratur kann nur eine Interpretation sein. Ich lese zwar eher sogenannte Hochliteratur, habe aber nirgends nie nicht gegen Trivialliteratur geschrieben. Eben weil ich die Bestimmung einer Grenze für ziemlich schwierig halte.
    Mit Fontane gehts mir seit einigen Jahren ähnlich, nur den Stechlin, bei dem bin ich unsicher. Diese Woche wird erstmal seine Lauchsuppe geben.

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  6. Hoho. MZB hab ich verschlungen, für mich die wahrscheinlich beste Erzählung der Artussage, da ist es mir auch völlig egal ob das Trivialliteratur ist. Sollte man verfilmen, wenn man das nicht schon (schlecht) gemacht hätte.

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  7. Ich sehe schon, ich muss nochmal einen Grundsatzpost zu Literatur loslassen. Ich habe nix gegen Trivialliteratur, da gibts manchmal besseres als in der sogenannten Hochliteratur. Aber mit MZB hast du mir natürlich eine hanseatisch magische Steilvorlage geliefert 😉

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  8. Gabaldon ist sicher keine Hochliteratur, aber sie in einem Atemzug mit Dan Brown zu nennen ist dann doch… äh, unfair.

    Bei uns hat das papierlose Buch Einzug gehalten; da der Antiquar, besser gesagt Trödelhändler, einen Hang zur Sparsamkeit besitzt (sic), wurde aber noch kein Inhalt für die elektronischen Buchdeckel gekauft. Jedenfalls keiner, der was kostet, was auf die Literatur vergangener Jahrhunderte zurückwirft. Und ich habe einen persönlichen Sieg errungen und ein Buch von Victor Hugo zuendegelesen. Les travailleurs de la mer – Stoff für einen Film. Aber dann nur halb so lang wie das Buch. 😛

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  9. Capeau für Victor Hugo! In der digitalen Bibliothek wartet Émile Zola auf mich und lockt Der Rougon-Macquart. Ich kann angesichts anderer, mir reizvoller erscheinender Altnativen gut widerstehen…

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  10. „Les travailleurs de la mer“ gehört zu den kürzeren Werken. Hat aber durchaus ganze Kapitel, die über den Unterschied zwischen pieuvre (ein großer Krake) und Tiger nachsinnen. Mit solchen Blüten wie „der Tiger schlägt seine Krallen in des Menschen Fleisch; der Krake aber saugt den Menschen in sich hinein.“

    Aus dem Rougon-Macquart-Zyklus habe ich zwei oder drei Werke bereits gelesen (natürlich La Bête Humaine), bin aber auch irgendwo hängengeblieben. Aktuell delektiere ich mich an L'Évangéliste von Daudet.

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