Vor dem Ladenschluss einer Epoche

Lesen ist schrecklich, rief der grosse Arno Schmidt einmal aus. Und ganz besonders jene Bücher, die dem Leser in Wolfsmanier die rote Kappe über den Kopf stülpen und vom geraden Weg  wegziehen. Andererseits bekommt man dafür einen bunten Strauss neuer Erkenntnisse.
Alban Berg – Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Altenberg (op.4). Nach dem zweiten Lied bereits kam es zu heftigen Tumulten im Jahr 1913 bei der Uraufführung, die in die Musikgeschichte eingegangen ist als das „Watschenkonzert“…
 
 
Florian Illies – 1913. Der Sommer des Jahrhunderts
Hingewiesen wurde ich kürzlich in einem Kommentar auf das Buch. (Dank an Herrn Bludgeon!). Ich lese zwei, drei Rezensionen zu diesem Werk und beschaffe mir das Buch sofort. Es zieht mich gleich in seinen Bann und führt mich natürlich rasch auf Nebenwege. Solche Bücher mag ich.
Iliies rollt vor dem Leser das Zeitgemälde eines einzigen Jahres, nämlich 1913 ab. Der Text ist in zwölf Monate, gleichsam die Kapitel, unterteilt, denen jeweils eine kleine Geschmacksprobe vorangestellt ist. Für jeden Monat teilt Illies nun dem Leser in kleinen Happen Ereignisse aus dem Leben von übers Jahr verteilt wiederkehrenden Schriftstellern, Malern, Musikern zu. Aufgelockert wird diese Zubereitung durch eingestreute Hinweise auf zahlreiche Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. So werden heikle politische Entscheidungen ebenso genannt wie z.B. technische Erfindungen, wissenschaftliche Entdeckungen oder besondere Aufführungen des neuen Mediums Film. Nicht zu vergessen ist, dass 1913 das letzte Friedensjahr gewesen ist. Man gewinnt den Eindruck, dass mit diesem Jahr mehr als nur das 19. Jahrhundert engültig beendet ist. Es beeindruckt tief, was sich in diesem einzigen Jahr 1913 alles abgespielt und zugetragen hat. Überaus delikat gewürzt ist der Text durch den feinen Humor von Illies, der die entscheidenden Nuancen in den Ereignissen noch etwas mehr betont und die vielen Details über eine reine Ansammlung von Anekdoten erhebt. Auf diese Weise schafft es Illies ganz vorzüglich, den Leser das Besondere  des Jahres 1913 (mit)erleben zu lassen; die zum Zerreissen gespannte Atmosphäre, den radikalen Umbruch in den Künsten, den sklerotisierten Widerstand konservativ bürgerlicher Kräfte gegen dringend erforderliche Veränderungen, krasse Fehleinschätzungen der internationalen Politik und folgenreiche technische Neuerungen – kurz den Tanz auf dem Vulkan vor den kommenden gewaltigen Eruptionen des weiteren Jahrhunderts.
Mein Fazit: Ein erstklassiger Lesegenuss ist das Buch, das man vor dem Ende der Lektüre kaum aus der Hand legen mag.
 
Als kleine Kostprobe drei „Einführungen“, die den jeweiligen Monaten vorangestellt sind.
Januar. Das ist der Monat, in dem sich Hitler und Stalin beim Spazierengehen im Schlosspark von Schönbrunn begegnen, Thomas Mann fast geoutet und Franz Kafka vor Liebe fast verrückt wird. Zu Sigmund Freud auf die Couch schleicht eine Katze. Es ist sehr kalt, der Schnee knirscht unter den Füßen. Else Lasker-Schüler ist total verarmt und verliebt in Gottfried Benn, bekommt eine Pferdepostkarte von Franz Marc, nennt Gabriele Münter aber eine Null. Ernst Ludwig Kirchner zeichnet die Kokotten am Potsdamer Platz. Der erste Looping wird geflogen. Aber es hilft alles nichts. Oswald Spengler arbeitet schon am »Untergang des Abendlandes«.
 
Im März fährt Kafka tatsächlich zu Felice Bauer nach Berlin, sie versuchen, zusammen spazieren zu gehen, doch es klappt nicht. Robert Musil konsultiert einen Nervenarzt, darf aber wieder gehen, Camille Claudel kommt in die Nervenklinik und muss dreißig Jahre bleiben. Und in Wien findet am 31. März das große »Watschenkonzert« statt: Arnold Schönberg wird öffentlich geohrfeigt, weil er zu schrille Töne angeschlagen hat. Albert Schweitzer und Ernst Jünger träumen von Afrika. In Cambridge beginnt Ludwig Wittgenstein mit seinem Outing und mit seiner neuen Logik, Virginia Woolf hat ihr erstes Buch fertig und Rainer Maria Rilke hat: Schnupfen. Allgemein die große Frage: »Wohin treiben wir?«
 
Mai. Eine warme Frühlingsnacht in Wien: Arthur Schnitzler streitet sich so sehr mit seiner Frau, dass er am 25. Mai davon träumt, sich zu erschießen. Es wird nichts draus. In derselben Nacht in Wien erschießt sich aber Oberst Redl, weil er der Spionage überführt worden ist. In derselben Nacht in Wien packt Adolf Hitler seine Sachen und besteigt den ersten Zug nach München. Die Künstlergruppe »Die Brücke« löst sich auf. In Paris feiert Strawinsky mit »Le sacre du printemps« Premiere – er sieht das erste Mal seine spätere Geliebte Coco Chanel. Brecht langweilt sich in der Schule und hat Herzklopfen. Drum fängt er an zu dichten. Alma Mahler flieht das erste Mal vor Oskar Kokoschka. Rilke streitet sich mit Rodin und kommt nicht zum Schreiben.
 
Florian Illies: 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts (Fischer Verlag 2012)
 
 
 
 
 
 
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14 Gedanken zu „Vor dem Ladenschluss einer Epoche

  1. Buchempfehlungen sind ja stets ein wenig heikel. Weil ja eh' jeder anderes aus Wortgekräusel herausliest. Aber Chapeau, mein Herr, hier haben Sie mich spürbar angefixt. Oder es liegt an meinem Dieweltistsoschönblicke heute, weil ich des nächtens so herrlich trunken war?! Egal, gleich morgen in der Frühe steht ein Telefonat mit dem Buchdealer meines Vertrauens an. Pardon für eventuelle Formfehler, ich hatte nur sehr kurzen Schlaf…
    Herzlichst wohlwollend neidvoll ob der nahen Adrieküste, Käthe.

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  2. Einzig mögliches Manko, das ich mir in die Knoblochsche Richtung denken möchte, sind die gelegentlich mir etwas blass erscheinenden Adjektive des Herrn Illies. Nein, keins kommt nach meiner Zählung auf einer Buchseite doppelt vor, es die eher wenig variantenreiche Auswahl, deren er sicherlich mächtig ist.
    Schade, dass Sie mit ihrer wetterlichen Auskunft den schwarzbergigen Himmel nun zum Weinen veranlasst haben. Der Neid sei Ihnen gegönnt, Käthe, dennoch wünsche ich Ihnen leiber den Schalk in den Nacken als den Alk in den Kopf.
    Grausonntägliche Grüsse vom Schwarzen Berg

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  3. Neinneinnein, tragen Sie nicht mir die Schuld an für den klagenden Himmel. Ich aß gestern mein Tellerchen brav leer. So was von! Obwohl Ihre Wetterauskunft den inneren Neidhammel sanft beruhigt, denn auch hier ist die vorherrschende Außenfarbe grau. Aber so ein Grautag eignet sich ja bonfortionös zum Alkaus- und Schalkeintreiben.

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  4. Ich möchte bei Ihrem angegriffenen Zustande Ihren Neidpegel ungerne nur beunruhigen – Nun, der aktuelle Wahrsager für Stimmung und Wetter sagt für die kommenden Tage erneut ein sowas von blauen Himmel an 😉

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  5. Gern geschrieben – Lesen Sie es jetzt, Frau Pagofila: sofort! Ich habe einen knappen Tag für das Werk benötigt mit etlichen Abschweifungen in benachbarte Gefilde – Kunst, Musik, Literatur und Malerei. Auch einen Fotografen entdeckt und einen anderen wiederentdeckt. Ein zweite Lektüre steht für die kommende Woche noch an…

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  6. Nach dem nunmehrigen zweiten Lesen fehlt mir doch ein normaler Zeitgenosse in dem Panoptikum der berühmten Verrückten. Irgend ein feuchte- Kellerwohnung-Bewohner der Zeit,(oder 2.Hinterhaus Berlin-Wedding) dem keine dieser Berühmtheiten je begegnet ist. Denn es entsteht doch sehr der irreführende Eindruck, dass scheinbar „jeder“ 1913 den Ruhm am Schlawittchen packen konnte, wenn es selbst einer wie Kafka schafft – der hier am erbärmlichsten wegkommt.

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  7. Schon klar, aber darum geht es imho garnicht so sehr. Illies intendierte keine Sozialgeschichte, da sind Leute wie Hans-Ulrich Wehler oder Heinrich August Winkler sicherlich geeigneter. Was mich fasziniert ist, dass Illies gerade am Beispiel der hochästhetischen und überfeinfühligen Kunst- und Kulturschaffenden die sich öffnenden Ab- und Untergründe zeigt.
    „Versuch, einen Vater zu finden“ von Uwe Johnson könnte diesen deinen Mangel beseitigen.

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  8. Auch diese Famosvorhersage sei Ihnen gegönnt. Der innere Schweinehund schnaubt nur leise. Apropos schnauben: Wie geht's denn der Schnupfennase? Ich frage ja nur, denn die hat uns zwei ja sozusagen miteinander verkuppelt?!

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  9. Ach was, Sie werden einschweben in eine kaltklarige, schneepudrige und wintersonnige Zauberwelt, in der sich Tannen knarrend unter ihrer Schneelast biegen und unterstiefeliges Knirschgeflüster an Kindertage erinnert. Irgendwoher erahnen Sie ein Warmfeuerknistern und Bratapfelduft steigt in den grummelnden Schnupfenzinken. Und über das Gelärm des Ankommensgetrubels legt sich von fern ein tröstliches Glockengeläut.
    Ich empfehle vorsorglich, diese Zeilen auf ein Zettelchen zu schreiben und in der Reisekleidungstasche zu versenken. Man kann ja nie wissen…

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  10. Owlright – ich habe mich festgeschnallt hinsichtlich Ihrer wintererinnerungstimmungsvollen Schilderung. Ich weiss, dass das klebekleisterklettenmässig aus Kinderzeitenbilderchen zusammenphantasiert ist, dennoch ist der Gedanke daran verlockend, ein kleines Billet mitzuführen auf unsicheren Reisewegen…

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