Glasperlenspieler unter sich

Hier und da in den Ecken und an den Wänden zieht die Altvertrautes den Blick an. Ebenso gehts mit der Musik:
Brian Eno – Taking Tiger Mountain (by Strategy) (1974)…

Von Hermann Hesse ist bekannt, dass er Briefen manchmal eines seiner kleinen Aquarelle beilegte. Gedichte schrieb er auf der Maschine durchweg mit vier bis fünf Durchschlägen. Hin und wieder, wo es ihm sinnstiftend erschien, fügte Briefen eines der Gedichte bei. Den Durchschlag eines dieser Gedichte, das mir lieb geworden ist im Lauf der Zeit, hängt gerahmt an der Wand. Das Papier scheint zu leiden im Licht. Vielleicht…


Der letzte Glasperlenspieler (den hinterlassenen Schriften Josef Knechts entnommen)

Sein Spielzeug, bunte Perlen, in der Hand,
Sitzt er gebückt, es liegt um ihn das Land
Verheert von Krieg und Pest, auf den Ruinen
Wächst Efeu, und im Efeu summen Bienen.
Ein müder Friede mit gedämpftem Psalter
Durchtönt die Welt, ein stilles Greisenalter
Der Alte seine bunten Perlen zählt,
Hier eine blaue, eine weiße faßt,
Da eine große, eine kleine wählt
Und sie im Ring zum Spiel zusammenpaßt.
Er war einst groß im Spiel mit den Symbolen,
War vieler Künste, vieler Sprachen Meister,
War ein weltkundiger, ein weitgereister,
Berühmter Mann, gekannt bis zu den Polen,
Umgeben stets von Schülern und Kollegen.
Jetzt blieb er übrig, alt, verbraucht, allein,
Es wirbt kein Jünger mehr um seinen Segen,
Es lädt ihn kein Magister zum Disput;
Sie sind dahin, und auch die Tempel, Büchereien,
Schulen Kastaliens sind nicht mehr… Der Alte ruht
Im Trümmerfeld, die Perlen in der Hand,
Hieroglyphen, die einst viel besagten,
Nun sind sie nur noch bunte gläserne Scherben.
Sie rollen lautlos aus des Hochbetagten
Händen dahin, verlieren sich im Sand…

Hermann Hesse, 1937

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7 Gedanken zu „Glasperlenspieler unter sich

  1. …und nackend gärtnerte er am Kommunenhang und ach, wie dankbar ich ihm bin für Erklärung meiner Steppenwölfischkeiten, von denen du, wie mir scheint, nicht wenige kennst und damit herumlebest?

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  2. Wie schön… Perlen verlieren sich im Sand, im Licht leidet das Papier. Dahin, dahin. Auch das Neue Jahr schreitet schon wieder unaufhaltsam voran: Möge es ein gutes für Sie sein, Herr Ärmel!

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  3. Er war in vergangenen Jahren einer meiner literarischen Hausgötter, auch seine Orte habe ich abgewandert. Das Sgraffito im Giebel des Papageienhauses (Klingsors letzter Sommer) habe ich vor der fast vollständigen Auflösung noch gesehen. Es bleibt trotz allem viel erhalten im Leben ….

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  4. Ein Original an der Wand? Gehört das nicht eher in den Tresor? Da wäre es zumindest lichtgeschützt…

    Frohes neues Jahr! (Hanfpapier wäre übrigens deutlich widerstandsfähiger)

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  5. Den tonnenschweren Tresor, der hier rumsteht wäre ich seit Jahren gerne los…
    Auch für dich ein richtig gute Jahr! (leider ist schon wieder deine Tel.-Nr. wech, deshalb auf diesem halbpersönlichen Weg *g*)

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  6. Ich schick sie Dir gleich mal auf dreiviertelpersönlichem Weg, mal sehen wie ich das an der NSA vorbeileiten kann.
    Übrigens sehr angenehm, dass man hier nicht mehr scrollen muss beim lesen.

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