Ikonen langfristig

Wenn schon sentimental, dann auch aus einem alten Weihnachts-Vierteiler:
Vladimir Cosma – Die Abenteuer des David Balfour (Soundtrack 1978) …
 
Wenigstens auf Ikonen ist Verlass. Denke ich zumindest und schaue mir einen der legendären Weihnachtsvierteiler an. Lederstrumpf. Vom ZDF ausgestrahlt 1969. Mein lieber Herr Gesangsverein wie kommt das heute langatmig daher. Ich denke, dass man anno dunnemals noch mehr Zeit zum erzählen gehabt haben muss. Spannung durch die Stimme aus dem Off statt möglichst lauter oder blutrünstiger Szenen. Nach ungefähr 35 Minuten schaltete ich enttäuscht weg, das ist selbst mir Gugger zu lahm. Neuer Versuch: Die Schatzinsel. Erstsendung an Weihnachten 1971. Ich erinnere mich noch, wenn auch nebelhaft verschwommen an einzelne Akteure, besonders natürlich an John Silver den einbeinigen Koch und Bösewicht. Bereits in der zweiten der vier Folgen passiert es dann. Die Stimme aus dem Off verkündet: „Die Hispaniola lief am Montag, dem 2. Mai 1758 aus dem Hafen in Bristol aus.“ Diese Angabe ist falsch wie ich feststellen muss, denn mein Kalender weist für den 2. Mai 1758 einen Dienstag aus. Bei Literatur vertraue ich meinen Nachschlagewerken. Besser ist das bei Schriftstellern.
Auf der Suche nach was Zuverlässigem stosse ich auf ein Hollywood Remake des japanischen Klassikers von Akira Kurosawa „Yojimbo“. Last Man Standing mit Bruce Willis. Ich schaue eigentlich seit Jahren schon nichts mehr von den durchsichtigen Zeitdieben aus Hollywood an, die doch nur die verlängerten Bilderlieferanten für die Ziele und Zwecke der us-amerikanischen Innen- und Aussenpolitik sind. Nach 15 Minuten sehe ich bereits durch den Screen hindurch wie sich der von mir geschätzte Kurosawa-san wirbelwindig im Grabe umdreht. Da der Abend bildmässig eh verloren ist, beschliesse ich noch die Minuten bis zur Hälfte des Machwerks dranzuhängen, ohne Ton versteht sich. Es macht immer wieder Spass, mit der Uhr in der Hand us-amerikanische Filme anzusehen. Die sind nämlich zu annähernd 90% nach dem Freytag´schen Fünfaktschema (Exposition – erregender Moment – Peripethie – Retardation – Lösung)  gedreht. Als würde trotz der bewegten Bilder die Zeit stillstehen seit hunderten von Jahren, folgen die meisten Ammifilme dieser schlichten Regel. Nach ungefähr 45 Minuten, also in der Mitte ist dann mit schöner Regelmässigkeit der Höhepunkt der Handlung (Peripethie). In diesem Brutalostreifen stimmts sogar fast auf die Sekunde – Originalzitat: „Ich vertraue schon seit langer Zeit nur meinem Instinkt. Und jetzt hören Sie ganz genau zu, denn jetzt kommt der springende Punkt: In dieser Stadt ist alles ausser Kontrolle geraten. Zwei Banden sind einfach eine zuviel. Ich bin kein Idealist, ich weiss, dass viele Dinge, die Menschen tun, schrecklich gemein sind. Aber das ist eine Sache zwischen denen und Gott. Glauben Sie an Gott? Ich glaube an Gott, Junge, und deshalb geht es mir darum, das Übel in Schach zu halten.“
Im Prinzip ist dieser Satz ein kulturelles Glaubensbekenntnis der Menschen jenseits des grossen Wassers. Und eigentlich könnten selbst internationale Verträge, an denen sie beteiligt sind durchaus den gleichen Text haben. Die Auswirkungen erleiden Menschen weltweit tagtäglich. 
Wie gut, dass es noch Ikonen gibt, auf die Verlass ist.
 
 
 
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21 Gedanken zu „Ikonen langfristig

  1. *loool* ja, coole Ikonen 😀

    Du guckst eindeutig das falsche Zeugs, mal ehrlich. Last Man Standing ist Zeitverschwendung, auch in Hollywood wird nicht nur Grütze produziert, ist halt wie mit jeder Massenfertigung, man muss sich die Perlen rauspicken.

    Der zweinzige Film mit Brutzewillis den man gesehen haben sollte ist „Das fünfte Element“, der ist superfantastischgroßartig, geradezu Grüüüüüün! Naja, französischer Regisseur, inspiriert von französischen Comics, ist vielleicht grad n schlechtes Beispiel weil kein Hollywood.
    Der andere ist latürnich Pulp Fiction, wenn auch als Nebendarsteller.

    Zweiter Anlauf: das einzige Kurosawa Remake aus Hollywood das man gesehen haben sollte ist „Die glorreichen Sieben“ von John Sturges, mit Yul Brynner und Steve McQueen. Naja, und mit Hotte und Charles Bronson, aber der ist gut, da hat sich der Kurosawa nicht gedreht denk ich. Klassiker.

    Ist Tarantino eigentlich Hollywood? Und die Coen Brothers? Walt Disney ist Hollywood. Viel Schrott, aber auch Meilensteine der Filmgeschichte dabei. Mit so Rundumschlägen kann man zwar viele auf einmal erledigen, aber man haut auch die wenigen guten dabei um. Billy Wilder ist Hollywood, und Marilyn und vieles mehr. Möchte ich nicht drauf verzichten. George Roy Hill, mein erster Lieblingsregisseur sozusagen. Als ich den Namen bei gleich zwei grandiosen Filmen bemerkte ging mir das erste mal auf, dass ein Regisseur nicht ganz unwichtig sein kann.
    Um Google zu vermeiden: Der Clou / Butch Cassidy and the Sundance Kid, beide mit Redford/Newman. Klassiker.
    Um bei Lieblingsfilmen weiterzumachen: Die Reifeprüfung (Oscar für Mike Nichols, Regie) der Kick für Dustin Hoffman, fantastischer Schauspieler. Hollywood?

    Klar, das ist alles altes Zeug, aber auch von den Filmen, die in den letzten zwanzig Jahren aus Hollywood kamen, wird man irgendwann sagen: Klassiker. Zu Recht.
    Persönliche Oscargewinnerempfehlungen der letzten 15 Jahre: American Beauty, A Beautiful Mind, Slumdog Millionär. Keine Ahnung was davon Hollywood ist, aber ganz sicher alles keine Zeitverschwendung.

    Manchmal ist es auch nur pure Unterhaltung, aber wenn sie gut gemacht ist, warum nicht? Der Lederstrumpf hat mir vor über xx Jahren auch mal die Zeit gestohlen, genau wie Winnetou, das Dschungelbuch oder Merlin und Mim. Hat mich damals trotzdem gut unterhalten. Das Dschungelbuch oder Merlin und Mim (bzw. Die Hexe und der Zauberer wie es heute heißt) schaffen das, im Gegensatz zu Winnetou und Lederstrumpf, auch heute noch.

    Und jetzt bau ich mir nach diesem Pamphlet zur Rettung Hollywoods noch ne Sportzigarette und geh dann ins Bett.
    Gute Nacht 😀

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  2. 'Drachenläufer' kann ich auch sehr empfehlen. Ist ja auch ein afghanischer Film. 😉
    Hollywood tue ich mir schon lange nicht mehr an, zu amerikanisch. Jeder noch so grottige Tatmord ist besser. *fg*
    BTW, die schwarz-rote Ikone auf dem Bild ist aber nicht antik, gell ?

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  3. Nachtrag: Beim 'Drachenläufer' steht zwar USA dran, ist aber von afghanischem Regisseur und Darstellern gespielt; mWn auch an afghanischen Schauplätzen. Steht wohl deswegen USA drauf, weil Amiland Afghanistan mittlerweile (noch) als Kolonie empfindet ?!

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  4. Ruhig Bube, ganz ruhig. Alles ist gut.
    Die meisten Filme deiner Beispielsreihe kenne ich natürlich und finde sie klasse, angefangen von Die glorreichen Sieben über Billy Wilder (+ Marilyn), Steve McQueen, Elia Kazan ( Jimmy Dean), die Filme von Nocholas Ray, Butch Cassidy & Sundance Kid, Howard Hawks und Raoul Walsh. Un den den kleinen Cäsar nicht zu vergessen. Aaach, da fiele mir jetzt noch manches ein.
    Ist dir inzwischen auch der Unterschied aufgefallen zwischen meinem Satz und deiner/meiner Aufzählung? Ich schrieb: „Ich schaue eigentlich seit Jahren schon nichts mehr von den durchsichtigen Zeitdieben aus Hollywood an…“ Vor diesen „seit Jahren“ habe ich selbstredend Ammiproduktionen angeschaut, könnte ich sonst überhaupt mitreden?. Insofern mag es für den eiligen Leser wie ein Generalpauschalrundumschlag aussehen. Und gegen Unterhaltung habe ich auch nichts: im Gegenteil, Dampfnudelblues letzthin war ein Kracher.
    Mir gehts um was anderes: Ein Film besteht nicht nur aus Bildern, Worten und und Musik. Ein Film hat immer auch eine Atmosphäre und die kann (und soll?) auch etwas auslösen im Betrachter. Ich will jetzt garnicht auf Walter Benjamin (Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit) abheben. Jeder Filmzuschauer kann das mit etwas gutem Willen an und bei sich selbst feststellen. Und genau dieser Atmosphäre uramerikanischer „Werte“ möchte ich mich nicht aussetzen.
    Halt, gelogen: ich habe in den letzten Jahren zwei AmmiFilme zu Ende gesehen und ich wills nur gestehen, den zweiten bereits mehrfach: 1. Fear and Loathing in Las Vegas (Terry Gillam mit Johnny Depp) und 2. Dead Man von Jarmusch. zwei Beispiele, die eine mir eher entsprechende Atmosphäre transportieren. Obwohl bei Fear & Loathing auch das 5-Akt-Schema… *g*

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  5. Huch da wird ja direkt gefachsimpelt 🙂

    Mit Filmen aus der Erinnerung, die früher mal gut waren, kann man glaube ich nur einen Reinfall (nein xs, nicht den von Schaffhausen) erleben. Aber den Drachenläufer kann ich Dir nur wärmstens empfehlen.

    Das Ikonenbild ist klasse, wenn man davon ausgeht, dass es eh altes muffiges Zeugs ist passt da sogar die Flasche hervorragend rein *duck und weg*

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  6. Das Bruce Willis Zitat ist herrlich ausgewählt. Gesprochen fällt einem(jedenfalls mir) sowas kaum auf, wenn man#s dann zu lesen kriegt — oooooch. „Der Held ist am Leben und die Mafia tot, schon wieder so ein Streifen, wieder Morgenrot“…. Keimzeit „Kintopp“ auf ihrer LP Irrenhaus 1990;
    für's immergleiche Ami-Schema empfehle ich die beiden Hollywood-Helden-Epen „Black Hawk down“ und “ die letzte Legion“ zu vergleichen –> sowas kann Spass machen.
    Alternative wäre: „Soldat James Ryan(vor allem die letzten 45 Minuten) und irgendeine Folge der polnischen TV Serie „4 Panzersoldaten und ein Hund“ aus den späten60ern/frühen 70ern zu vergleichen — man wird erschüttert sein (grins!) ob all der realistischen Filmkunst…

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  7. Niemalsnie würde ich mich an Schwarzberghintreiberei beteiligen. Zumal Ihnen ja dort doch die Regenzeit droht. Allerdings hätte ich dann auch noch eine Schauempfehlung: König der Fischer.
    Lydiatischknoblochsche Grüße.

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  8. Der Bub ist ganz ruhig, nur keine Sorge *g*. Den Dampfnudelblues hab ich auch notiert, der ist hier völlig untergegangen, nie von gehört vorher. Dead Man fand ich übrigens schnarchlangweilig, trotz des atmosphärischen Soundtracks vom Herrn Young.

    @xs4all:
    1. Der Film ist eine amerikanische Produktion (Produktion = Geldgeber = Hollywood(?)), der Regisseur ist Deutscher oder Schweizer, der schon länger in Hollywood arbeitet und vorher mit „Monster's Ball“ einen ebenfalls sehr guten Film gemacht hat, gedreht wurde er in Kalifornien (Hollywood?) und China. In Afghanistan ist er selbstverständlich verboten, aber würden die dort wirklich die Freiheit haben Filme zu drehen (oder auch nur zu zeigen) wären die bestimmt sehr viel besser als dieses verseuchte imperialistische Zeugs aus der Traumfabrik. :p
    2. Lieber grottigen Tatmord als Roland Emmerich? Echt? :p

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  9. Die lydiatische Antwort gibt der Film himself. Schauen und die eigenen Unzulänglichkeiten als lydiatisch benamsen. Und über sich selbst bedröppeln können. Heheborneoische Grüße.

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