Neues aus dem Reich des Wahnsinns

Der mit nordwestlichen Morgenwinden heranklingende Morgengruss macht Freude: Arliss Nancy – Wild running Americans (2013)…
Die alte Nachbarin hatte ihre Frage bei meinem letzten Besuch vergessen und wartete nun mit sichtlicher Unruhe. In breitem Bembeldialekt stellte sie fragend fest: „Ei du host dochen Kombjuhder, kennsde merr do emol was gugge…“ Immer horsche, immer gugge und ausserdem bin ich auch Gentleman obwohl ich nie in der Tanzstunde gewesen bin.
Sie hatte vor einigen Monaten einen Brief ihrer Bank erhalten mit der „Einladung“ vorbeizukommen. Zuerst also die ältere Dame beruhigen: „Wenn die Bank etwas was von Ihnen möchte, soll sie doch bei Ihnen vorbeikommen – Alter vor Geldgier.“ Lachen. „Die Bank möchte sicher Ihr Bestes“, sagte ich und sie entgegnete, „klar die wolle nur moi Geld.“ Klare Gedanken am Morgen.
Im Umschlag steckte der „Schlüssel“ zur profitmässig organisierten Geldvermehrung. „Gehen Sie zuerst ins Internet. Stecken Sie dann den „Schlüssel“ in den USB-Eingang Ihres Computers.“ Ich steckte ihn in den USB-Anschluss. „…Sie gelangen auf eine Internetseite, auf der wir Ihnen unseren kurzen Film präsentieren.“ Ein Werbeflimmerchen von 1:14 Minuten, in dem zu Lächelbeliebigkeitsbildern sinnfrei dumm gebabbelt wird.
Die Nachbarin ist beruhigterbost. „Un dafier so en Uffwand“. Als ich im Allerkleinstgedruckten vorlese, dass man bei fehlendem USB-Eingang am Computer den Werbespot auch gleich im Internet ansehen könne, schwillt ihr sichtlich der Kamm. „Na, dene werr isch was erzähle, die mache den ganze Unfuch doch vunn unserm Geld.“ „Tja, wo Sie Recht haben, genau so isses“, freute ich mich, wie ich mich immer freue, wenn Menschen wache Momente haben.
Für mich erneut die Bestätigung, dass man mit Menschen sprechen muss, nicht abstrakt und pauschal loszetern, sondern am konkreten Beispiel, da wo Menschen direkt von den Machenschaften der Gier und der Lüge betroffen sind. Und dies beharrlich und ausdauernd, bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
 
Und deshalb weiterhin aktuell und zu berherzigen: „Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß und die Geduld gibt Ruhe.“ Hermann Hesse in einem Brief vom 23. Juli 1950
 
 
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11 Gedanken zu „Neues aus dem Reich des Wahnsinns

  1. Ich würde mit dem Ding erstmal zur Bank latschen und den Kaffee verlangen. Wenn's schon draufsteht. Und ich würde NIE NICHT irgendein Ding in meinen Computer stecken, mit der gleichzeitigen Aufforderung ins Internet zu gehen. Die haben wohl nicht alle Latten am Zaun, da versucht man die ganzen Neuländer mühselig auf die Gefahren des Internets hinzuweisen, und dann kommen die mit sowas daher. Unfassbar.

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  2. Dass Banken gefährliche Viren im sozialstaatichen Körper sind ist mir schon klar. Aber auf die Idee, dass der „Schlüssel“ der verseuchtverlängerte Arm in den heimischen Computer ist – nee, darauf bin ich garnicht gekommen…Nicht alle Latten am Zaun? Die haben doch längst jegliche Begrenzungen des Anstands überschritten und alle Zäune niedergerissen *g*

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  3. Vorbildliche Hilfestellung, diese alte Dame hat meine Sympathie, schon weil ich den bembelschen Dialekt so adrett finde. Die theoretischen Erörterungen mussten ein wenig verkleidet werden?

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  4. Famos, daß Sie bei der Entunfucherisierung helfen konnten. Die Strategien, den Menschen ihre Moneten aus der eh' löchrigen Tasche zu ziehen, werden immer bekloppter. Da ist es immer gut, einen Famosgesellen oder eine -geselline in der Nachbarschaft zu haben. Jetzt bleibt nur noch, diesen Text mitsamt Photo zu vervielfältigen und unter die Menschen zu bringen.
    Arliss Nancy, so vernahm ich, seien dieses Jahr in Deutschland zusammen mit Jupiter Jones unterwegs. Hurra! Schön, daß der Morgengruß so erfreute. Und Herr Hesse hat wie immer so was von recht.

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  5. Kaffee trinke ich nur in Not, im Regenwald zum Bleistift, wo es offensichtlich keinen Tee von einigermassen geniessbarer Güte ausserhalb von kleinen niedlichen und in Trinkgefässen versenkbaren Beutelchen gibt (und man den Äppler fürs Frühstück selbst mitbringen muss) ^^

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  6. Genau das meine ich! Dass mit älteren Damen nicht gut….und das man Dinge, die man normalerweise sehr klug ausdrückt, leicht versimpeln sollte…Sicher gibt es auch sehr schlaue, belesene wie beispielsweise Inge Jens, die ich gestern im Radio über ihr neues Schreibtisch-des-Thomas-Mann-Buch parlieren hörte. Die würde allerdings keinen breiten hessischen oder sonstigen Slang reden…Ein Fragezeichen als Verzierung anzubringen, bringt mich auf Ideen…

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  7. *lach*
    Also in Lüdenscheid, da gibt es Tee. Guten. Im Teehaus. Da bestelle ich sogar dann und wann ein Kilo. Aber mein Kaffee ist auch gut, frisch gemahlen und à l'italienne (allerdings in der Maschine, nicht auf dem Herd, das Dingelchen ist mir mal zu heiß geworden). Nach Ansicht meiner Regionalpräsidentin hat er Lazarus-Qualitäten („steh auf und wandle“), aber meine Tasse Kaffee nach dem Mittagessen muß sein. 😉

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