Diagonal durch die Republik

Endlich wieder raus aus dem Kraftwagen. Der kraftvoll energetische Sänger von Rage against the Machine: Zack de la Roche – One Day as a Lion (EP 2008)…
 
Jäh hochgefahren aus Schachtelträumen. Nachts um ein Uhr. Kurze Orientierung und wieder ablegen. Der Wecker klingelt um sechs. Fertigmachen, Handgepäck ins alte Auto und ab auf die Bahn. Auf der A66 Richtung Bembelstadt tanzt bereits der Bär. Drei Spuren infarktgefährdet. In fast jedem Wagen nur die Lenker. Die Kennzeichen verweisen auf Pendler. Tagaus tagein mehrere Stunden Lebenszeit auf dem Asphalt verschwendet. Als gäbe es keine öffentlichen Verkehrsmittel. Der Irrsinn rolltstoppt vor sich hin. Am Nordwestkreuz Richtung Norden. Morgengrauen im Januarnebeldunst. Auf der Gegenspur der motorisierte Zusammenbruch. Kein Mitleid kommt auf für die Herde. Tastendrücken im alten Auto, Fragen statt Verzweiflung über den Senderdung. Die regionalen Sendestationen haben inzwischen vierte und sogar fünfte Programme – Massenware der Belanglosigkeit. Hörbare Sender wie DKultur oder Deutschlandradio sind nur mit Störungen zu empfangen und werden ständig von anderen Sendern störend überlagert.
Die wolkenschleierverhangene Silhoutte des Regenwaldes zieht am Seitenstreifen vorbei. Gute Gedanken an die Freunde senden, die gehen jetzt ihren Verpflichtungen nach. Ich arbeite in der Stadt meinen Termin ab und gehe blauhimmlig sonnenbegleitet gleich wieder auf die Bahn nach Nordosten dorthin, wo laut Meyers grossem Konversationslexikon von 1881 „die germanisierten Slawen hausen“. Auf der A1 Richtung Münster versucht ein Lkwfahrer mit seinem Gefährt die Leitplanke zu überspringen. Ich brauche einundeinehalbe Stunde für wenige Kilometer. Im Hamburger Zähfluss erneute gute Gedanken senden, diesmal an meinen Bestfreund&Anwalt Dr. Gonzo, auch wir werden jetzt kein Bierchen zusammen trinken. Im Radio (in dieser Gegend scheints weniger Regionalsender zu geben) die Ankündigung eines „Arno Schmidt Abends“.
Gegen Abend Ankunft in der ehemaligen Hansestadt. Einchecken im Hotel und raus auf die Suche nach dem Literaturhaus, das sich in der Nähe befinden soll. Keine Musse und schon garkeinen Nerv zum fotografieren. Vorbereitung auf die Arbeit der nächsten beiden Tage. Morgens ganz früh mit Geraffel und Stativ einige Aufnahmen in der Innenstadt und am alten Stadthafen. Plattenbauten im hanseatischen Stil. Auch das gab es entgegen aller Vorurteile. Später ins Reich der Bücher. Tausend Dank an Frau P. vom Uwe Johnson Archiv für die grossartige Unterstützung durch die meine Arbeiten ungemein erleichtert worden sind.
Und abends ins Literaturhaus. Zuerst wird als Preview die Doku über Arno Schmidt gezeigt, die erst einen Tag später offiziell gesendet wird. Anschliessend gibt der Schauspieler Richard Gonlag  „Enthymesis“ als Monolog auf der Bühne, eine der frühesten kurzen Erzählungen von Arno Schmidt. Die Umsetzung ist überragend, Grösse und Scheitern des Protagonisten Philostratos ergreifen das Publikum. Extrem karg dramatisiert und kongenial ausgestattet ist diese Aufführung von ausserordentlicher Intensität.
Das Literaturhaus ist in einer ehemaligen Brauerei, die den Charme vergangener Zeiten ausstrahlt. Nach den Darbietungen habe ich das Glück mit Richard und seinem Dramaturgen Olaf in der Wirtschaft bei einigen Bieren über die Arno Schmidt im Allgemeinen und die heutige Premiere im Besonderen zu sprechen. Solche Abende sind selten und gerade deshalb so wertvoll. Enthymesis zählte nie zu meinen Favouriten, aber nach dieser Präsentation lese ich die Erzählung erneut und mir wird klar dabei, dass auch sie ein kleines literarisches Meisterwerk ist. Vielen Dank Richard für die gelungene Erinnerung. Zwei meiner literarischen Hausgötter so dicht beieinander zu erleben, das ist ein Stück vom Glück.
 
      (Foto anklicken und die Galerie öffnet sich)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Zu den Fotos:
1-5 Rostock. Das erste zeigt die Universität, an der Uwe Johnson studierte, bevor er nach Leipzig wechselte
6-8 Der Eingang des Literaturhauses, die Bühne und eine Szene der Aufführung
9 Kunst im öffentlichen Raum ist auf dem Gebiet der ehemaligen DDR allgegenwärtig
10 Bier
11 Im Klützer Winkel, einem meiner Paradiese in, so Uwe Johnson, „sanft gewelltem, mässig bewaldetem Gelände“
12 Gesines Strand ist zu jeder Tages- und Jahreszeit eine Einladung
 
Advertisements

26 Gedanken zu „Diagonal durch die Republik

  1. Na wenn ich mir die hiesigen Preise für öffentliche Verkehrsmittel so anschaue, verstehe ich einige Pendler…
    Das freut mich zu lesen, dass die Reise ein Erfolg für Dich war, schließlich ist sie ja mit einigen Strapazen verbunden gewesen.
    Eine gelungene Bilderserie ist auch noch dabei entstanden, Herz was willst Du mehr. Spontan würde ich Bild 10 direkt einpacken 🙂

    Gefällt mir

  2. Die Beschilderung der Bilder 10 und 11 amüsiert mich; auf den ersten Blick hätte ich umgekehrt bezeichnet, auf den zweiten… nun ja. 😉 Was vordergründig eine Bierflasche ist, ist in Wahrheit natürlich Kunst, besonders das Etikett. Und aus der Schale schlürft die Deern natürlich Bier.

    Gefällt mir

  3. Nicht rein sachlich anmutende Fotos, insbesonder gefallen mir das mit der rudimentären Überschrift „Bier“ und das darunter, natürlich.
    Wenn Sie über den „sperrigen“ Uwe Johnson forschen, ist das neu erschienene „Aus dem Berliner Journal“ von Max Frisch wohl unerlässlich; den zu meiner Empfehlung passenden Artikel fand ich heute in der Süddeutschen- mit nettem Foto von einem Ausflug an den Müggelsee, stehend Max Frisch, der gerade in ein Brötchen beißt, auf der Parkbank sitzend eine Dame mit Hut (Marianne Frisch-Oellers), daneben ein sehr ordentlich gekleideter U.J., auch im Begriffe, ein Brötchen zu verzehren.

    Gefällt mir

  4. Schön, daß Sie auf Ihrer Reise Ergötzliches mit dem Notwendigen verbinden konnten. Und dieses auch noch teilen. Das Ergötzliche. Das Notwendige behalten Sie lieber für sich. Die Photos sind natürlich wieder bonfortionös. Ich hätte bitte gerne das mit der Hafengiraffe und dem insichruhendem Schiff. Ich grüße einen rotsilbensurrenden Ziegel an mein Herz drückend herzlichst. Ihre Käthe.

    Gefällt mir

  5. 1-5: kenn ich nicht, will ich auch nicht kennen, sch… Hansa Ros… *fg*
    6-8: na hoffentlich haben sie da Fußbodenheizung – und wieso ist da rechts noch Putz an der Wand?
    9: Im Regenwald ist das Kunst im Alltag, findet man an jeder Ecke *g*
    10: Aus Bronze und noch nicht geklaut? Unheimlich.
    11. Sieht aus wie bei uns hinterm Haus, nur ohne Sendemast, aber kann ja noch kommen 🙂
    12. Den Fischer seh ich wohl, doch wo ist (Ge)sine Fru? 😀

    Gefällt mir

  6. Der Internationale Klub der Seeleute hat offensichtlich schon bessere Tage gesehen, die anmutige Figurine dagegen erscheint mir zeitlos. Schön. Bier aber, so glaube ich, schlürft sie nicht aus ihrem Kelch…

    Gefällt mir

  7. Diese Glücksverknüpfung war in der Tat erhebend. An den rotsilbensurrenden Ziegel wollen Sie mich zukünftig bitte nicht mehr erinnern (ein Schöndankefein vorab schon). Über die Hafengiraffe hingegen können wir gerne reden.

    Gefällt mir

  8. den 1-5 Kommentar kann ich gut nachvollziehen. Dort wurde der launischen Diva bzw. den Adlerträgern der Titel entwendet am 16.5.1992
    12 – er sucht sin Fru gradenwechs nachdem ich am Strand aufgetaucht bin *g*

    Gefällt mir

  9. Der hat mit Sicherheit bessere Tage gesehen. Meine Frage ist jedoch, ob der Schriftzug erhalten bleiben wird, nachdem das Gebäude aufgehübscht verspekuliert werden wird in naher Zukunft (Siehe Schaufenster)

    Gefällt mir

  10. Der Arno, der Uwe würden die Köpfe nur schütteln
    über die Gedanken, die ihr im Kopfe rumrütteln,
    die Bilder regten zum Reimen an,
    der Ernst hatte leider Ausgang,
    ich bitt' um Verzeihung, Herr Ärmelmann,
    es liegt ganz sicher an der Frau Luna,
    denn getrunken hab' ich heute nur Bluna.-:)))

    1 An der Uni ist manche Fregatte oft aufgetakelt,
    2 im Hafen dagegen dann wieder ab,
    3 durch Pfützen in Rostock man nicht gerne stakelt.
    4 die Internationale sang man hier nicht zu knapp.
    5 Die schönen Fenstern mit bröckelnden Mauern,
    ob die Gespenster dort immer noch lauern?
    6 Statt Thepiskarren dient heut ein leeres Flip-Chart
    7 nur der Schauspieler fällt wenigstens nicht ganz aus der Art.
    8 Mild Gehopftes trinkt man(n) aus der Flasche,
    9 sie schlürft es geziemend aus der Tasse,
    (hoffentlich ist es heißes Biere
    damit das Weiblein nicht zu sehr friere)
    10 über allem die Schäfchen am Himmel schweben,
    11+12 will er einen Schatz aus dem Wasser heben?
    Oder angelt er einen sanft gewellten Backfisch,
    knusprig frisch für Herrn Ärmels paradiesischen Tisch?

    Gefällt mir

  11. My profound bow, Mrs. Karin in high regard (mit Arno&Uwe zu sprechen) vor ihrer mir bislang gänzlich verborgen gebliebenen troubadourisch poetryslammenden Kunstfertigkeit. So ganz nebenbei wurde mir dergestalt das Geheimnis rollholpernder Lagerstätten enthüllt wobei der Trank der schlürfenden Lady der Entzifferung weiterhin harren wird: wars Lethe oder Ambrosia gar…(beware of Bluna it might be that Fanta is fantastic – even so there´s nothing but Äppler.
    Meinen Dank & 1 sonnigschönes Wochenende wünschend, Ihr Herr Ärmel

    Gefällt mir

Kommentare, Gedanken + Hinweise bitte hier abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s