Frauenmeistersinger

Als mir heute Dan Ar Braz in den Sinn kam, stolperte ich im Archiv über eine andere französische Gruppe, die bedauerlicherweise über viele Jahre ausserhalb Frankreichs unbekannt geblieben ist: Malicorne – Les Cathèdrales de l´Industrie (1986)…
 
Rainer Maria Rilke und Frauen sind ein spezielles Thema. Ein Blick in die Zueignungen seiner Gedichtbände spricht Bände. Dennoch sagen mir einige Gedichte zu, die er an Frauen gesungen hat. Mag sein, dass mich dabei auch seine Wortbildmacht beeindruckt.


      (Foto anklicken macht das Kunstwerk grösser)
 

Gegen-Strophen (Rainer Maria Rilke)

OH daß ihr hier, Frauen, einhergeht,
hier unter uns, leidvoll,
nicht geschonter als wir und dennoch imstande,
selig zu machen wie Selige.

Woher,
wenn der Geliebte erscheint,
nehmt ihr die Zukunft?
Mehr, als je sein wird.
Wer die Entfernungen weiß
bis zum äußersten Fixstern,
staunt, wenn er diesen gewahrt,
euern herrlichen Herzraum.
Wie, im Gedräng, spart ihr ihn aus?
Ihr, voll Quellen und Nacht.

Seid ihr wirklich die gleichen,
die, da ihr Kind wart,
unwirsch im Schulgang
anstieß der ältere Bruder?
Ihr Heilen.

Wo wir als Kinder uns schon
häßlich für immer verzerrn,
wart ihr wie Brot vor der Wandlung.

Abbruch der Kindheit
war euch nicht Schaden. Auf einmal
standet ihr da, wie im Gott
plötzlich zum Wunder ergänzt.

Wir, wie gebrochen vom Berg,
oft schon als Knaben scharf
an den Rändern, vielleicht
manchmal glücklich behaun;
wir, wie Stücke Gesteins
über Blumen gestürzt.

Blumen des tieferen Erdreichs,
von allen Wurzeln geliebte,
ihr, der Eurydike Schwestern,
immer voll heiliger Umkehr
hinter dem steigenden Mann.

Wir, von uns selber gekränkt,
Kränkende gern und gern
Wiedergekränkte aus Not.
Wir wie Waffen, dem Zorn
neben den Schlaf gelegt.

Ihr, die ihr beinah Schutz seid, wo niemand
schützt. Wie ein schattiger Schlafbaum
ist der Gedanke an euch
für die Schwärme des Einsamen

 

Die Abbildung stammt aus: Rainer Maria Rilke: Gegen-Strophen.  Andante Handpresse Berlin – Schöneberg 1993 (29×37,4cm). Mit drei Original-Zeichnungen von Peter Rensch. Handsatz (24 und 60p Plantijn-Antiqua) und Druck: Peter Rentsch. Bindung: Christian Klünder. Einmalige Auflage von 9 Exemplaren, handschriftlich nummeriert und signiert von Peter Rensch.


Allen Besuchern, Lesern und Guggern wünsche ich eine Gegenwindfreie Woche.

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15 Gedanken zu „Frauenmeistersinger

  1. Als Knabe war ich auch oft scharf, nicht nur an den Rändern. Die Pubertät, you know. Und wenn ich wüsste wie man im Gedräng herrlichen Herzraum aussparen kann, ich würd´s machen. Ehrlich. *g*

    Gegen-Strophen sind zu hoch für mich, ich bleib lieber bei den Fabulous Furry Freak Brothers. Don´t bother me, Rilke.

    Aber schickes Buch, trotzdem 😉

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  2. Der Peter Rensch macht(e?) verrückte Sachen. Wir haben etliches Bier getrunken zusammen auf der MMM (MainzerMinipressenMesse) und ein Wort gab das andere. Ein interessantes Gespräch und am Ende wechselte das Buch den Besitzer…
    Scharf nicht nur an den Rändern? ^^ – Wieso hat mein Kopf beim Kommentarlesen spontan dazu genickt? *g*
    Aber Rilke ist schon klasse, es geht ja eher ums Wortklanggeniessen als ums Verstehen.

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  3. Dieses Gedicht bestätigt wieder einmal aufs schönste Simone de Beauvoirs These, dass Frauen als „das andere Geschlecht“ gedacht wurden (und in manchen Kontexten sicher auch noch werden). Merkwürdig, diese Deklination des „Wir“ und „Ihr“ – so als ob Frauen und Männer nicht grundsätzlich aus demselben Holz geschnitzt wären.

    Einen schönen Wochenbeginn wünsche ich dir!

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  4. Beim Buchanblick hüpft mein bibliophilantiquarisches Herz!
    Beim Lesen der Rilkezeilen weint der noch nachtgewandetete Körper vor sich hin.
    Ach ja, die geliebte Minipressenmesse aber auch.
    Und alles Ehundweh.
    „Brot vor der Wandlung“ – „der steigende Mann“ , macht mich alles leise an.
    Gruß von zwischen den Domstädten

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  5. Es ist immer die Wortbildgewalt des Herren Rilke, die einen umwummst. Und Eigenentsinnlichkeit hervorruft. Wie die an die Blickesveränderung des besten Jugendkumpanen, als der nichtnurrandscharf Begehrlichkeit plötzlich hineinlegte. Und aus kindlicher Imheutoberei wurde erste Fummeley. Hachach, Zeiten, als man vom Küssen noch schwanger zu werden drohte. Bis Frau Mama endlich das ganze Brimborium erklärte und ein Versprechen abrang. Herr Ärmel, danke für diesen Schulterblick in die Vergangenheit. Und Malicorne klingklangt bereits den ganzen Vormittag. Immer zugetan, die Ihre Frau Knobloch.

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  6. Wie Recht Sie haben, Frau Knobloch. Und mich, der ich im alten Ortskern vn Lummerland die ersten Entdeckungen machen durfte bei Ortseber- und Dorfbullengeschäft. Da wurden die inneren Schärfekräfte gebildet bis die grimmigbösen Hautabihrbubenrufe uns vertrieben.
    Gute Musik könnte ich jetzt auch gut hören

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  7. Und zack, ein neuer Flash! Eberundbullengeschäft. Für uns Landkinder nur die ersten Male verschämt rotwangig belächelt, dann normalst dazugehörend. Für mich Jungmaid dann während der Ausbildung die Erkenntnis, als einziges Besamermädchen zwischen all' den gestandenen Männern, da sind grenzwertige Zoten dazugehörend und Paroli zu bieten. Aber ich schwiffe…Mannmannmann, soviel Rückbesinnungen wegen dem Herrn Rilke und Ihnen.
    Hautabihrbubenrufe vertrieben wohl allerorten neugierige Naseweise. Bei uns waren es Hautabihrblagenrufe.

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  8. Tja die Erinnerungen – als besonders lustig fallen mirjetztebengeradewieder die Wutzeaache ein. Schweineaugen. Die erhielten wir beim Schlachten vom Metzger. Beliebte Bubentat dabei war das Schweineaugenwerfen nach den Mädchen der näheren Umgebung. Damit wurden Bubenohren eingeübt, Weibergekreischgekeife klaglos zu ertragen für jetzt und alle Zeit.

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  9. Oh, dieses Weiberkreischenmachen kenne ich auch, allerdings war ich auf Seiten der Werfer. Ach, die Schlachtfeste in Dorfheimatidylle. Tief trage ich sie in mir. Ich wünsche Ihnen einen Feinstabend, mit vielen Kleinglückfreuden, mein Lieber. Und verbleibe treubeherzt als die Ihre, Frau Knobloch.

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  10. „Rainer Maria Rilke hat Schnupfen“, las ich bei Illies. Faszinierend, wie er die Dinge manchmal in einem Satz auf den Punkt bringt. Hier zum Beispiel: „“Noch immer unentschieden. Franz“. Vier Wörter, eine Autobiographie.“ Herrlich. Aber um bei Rilke zu bleiben: „Er ist ein so großer Frauenversteher, Naturnachempfinder und Hineinfühler, dass er selbst Mitleid hat, wenn im Spätsommer die Städte „vom unnachgiebigen Sommer recht mitgenommen sind“.“ Schön, dass es Unterschiede gibt. Sich gegenseitig zu achten und womöglich zu ehren ist doch eine wunderbare Herausforderung. Und die Welt wäre um einige Gegen-Strophen ärmer, wenn wir alle aus demselben Holz geschnitzt wären, finde ich.

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  11. Zum Glück gibts (noch) viele verschiedene Holzarten!
    „Sich gegenseitig zu achten und womöglich zu ehren ist doch eine wunderbare Herausforderung“ – dieser goldene Satz müsste per Verordnung an jeder öffentlichen Einrichtung angebracht sein gut sichtbar für jedermann.

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